Nora Abdel-Maksoud: Die Fortsetzung

Mit ihren Stücken, die sie ausschließlich selbst inszeniert, wurde Nora Abdel-Maksoud zuletzt allerorten gefeiert.

In CAFÉ POPULAIRE, uraufgeführt am Theater Neumarkt in Zürich, beschäftigte sie sich in hochkomischer Form mit aktuellen Klassenbegriffen und dem damit verbundenen Phänomen des Klassismus. Der Tagesanzeiger konstatierte, dies sei »etwas vom Witzigsten, was derzeit auf den Bühnen läuft.« Nachtkritik bezeichnet den Abend als »entwaffnend, entlarvend und präzise« sowie als »sehr lustig und wahnsinnig klug«.

Mit THE MAKING OF, ihrer ersten Auftragsarbeit für das Maxim-Gorki-Theater, schrieb die Autorin eine böse Satire über (Theater-)Ideale und unerfüllbare Rollenbilder.

Mit THE SEQUEL, das am 23.11. Premiere feierte, hat Maksoud mit »bewundernswertem und im Theater selten zu findendem Scharfblick« (Tagesspiegel) eine Fortsetzung dieser Arbeit geschrieben und inszeniert.

Darin verbrennt sich die feministische Regisseurin Gordon am heißesten Eisen, das es derzeit zu schmieden gibt, die Flossen: der allgegenwärtigen Political Correctness, die wie ein Fallbeil jede freie Meinungsäußerung bedroht. Ohne Rücksicht auf Verluste, aber immer mit einem Blick aufs Budget, scheucht Gordon ihren verunsicherten Helden durch einen von Orwells Schreckensvision inspirierten, unerbittlich und von allen Seiten hart umkämpften Schauplatz der Deutungshoheiten - herausgekommen ist eine »schlaue, [...] urkomische Diskurs-Extravaganza«. Dabei ist die »Schimäre angeblicher Sprechverbote [...] ebenso das Ziel des satirischen Sperrfeuers wie der Glaube daran, mit der eigenen Kunst auf der Seite des Guten zu stehen. Überall dort, wo Prätention, Plattitüden und Bierernst wüten«, wird »smart und gern auch mal kalauernd« zugeschlagen (Tagesspiegel).

Ein Fazit nach der Premiere am 23.11. im Maxim Gorki Theater lautet: »Der neunte Teil der ›The Fast and the Furious‹-Reihe ist [...] für das kommende Jahr geplant. Ein dritter Teil von Nora Adel-Maksouds Theater-Reihe wäre ziemlich sicher spannender.« (RBB Kulturradio)

Fortsetzung folgt?

Gordon Kämmerer reüssiert erneut in Dortmund

Der junge Regisseur Gordon Kämmerer inszeniert regelmäßig am Schauspiel Leipzig  und am Theater Dortmund. Am Dortmunder Haus hat er nun mit »Tartuffe« bereits seine dritte Arbeit im Großen Haus vorgelegt. Von einem »rasanten, scharfsinnigen Abend« schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger. »Knapp anderthalb muntere Stunden braucht Kämmerer für Aufstieg und Fall des moralischen Hochstaplers«. Auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtet von einem »höchst kurzweiligen Abend« mit vielen »starken Momenten«. Kai-Uwe Brinkmann schreibt in den Ruhr-Nachrichten von einer »schrillen, temporeichen Farce, die konsequent mit Lust in die Vollen geht und dabei Hysterie und Energie einer duschgeknallten Sitcom versprüht«. Auch er lobt explizit den Regisseur, der u.a. »mit Kasperletheater und Schmierenkomödie jongliert, das Stück aber immer kurz vor der Vollklamotte« abfange. Im Frühjahr 2019 zeichnet Gordon Kämmerer für seine inzwischen fünfte Leipziger Regie-Arbeit verantwortlich. Er wird dann - u.a. mit seinem Kostümbildner Josa Marx - die Deutsche Erstaufführung von Bernhard Studlars »Nacht ohne Sterne« inszenieren.

 

Thorleifur Arnarsson gewinnt Faust-Preis

Der insgesamt in 8 Kategorien vergebene Theaterpreis »Der Faust« wurde in diesem Jahr bei einem Festakt im Theater Regensburg verliehen. In der Kategorie »Regie Schauspiel« gewann Thorleifur Örn Arnarsson. Er wurde damit für seine fulminante EDDA-Inszenierung am Schauspiel Hannover ausgezeichnet. Wir gratulieren herzlich! In seiner aktuellen Arbeit in Hannover – MACBETH – schickt Arnarsson mit Lusa Nathalie Arnold, Johanna Bantzer und Sarah Franke gleich drei Lady Macbeths sowie mit Jakob Benkhofer, Philippe Goos und Daniel Nerlich drei Macbeths auf die Bühne. Die Neue Presse sah in der Premiere am 18. Oktober »bildgewaltiges, wirkungsmächtiges Theater« mit »grandios reduziertem Versuchsaufbau«. Statt Figuren erlebt man »Bewußtseinspunktuationen, Facetten eines frappierend modernen Selbst, die Handlung ein einziger Gedankenstrom … Eine düstere, brettharte, fordernde und oft auch überfordernde Inszenierung, gespeist aus schwärzestem Nihilismus.« Für den NDR erkannte Agnes Bührig »Anklänge an die bildende Kunst – und an den Free Jazz.« Stefan Keim faßte seine Eindrücke für Deutschlandfunk Kultur in der Sendung »Fazit« zusammen: »Die Auflösung der Macbeth-Figur ist grandios gemacht. Arnarsson öffnet viele Assoziationsräume in unsere Gegenwart hinein und schafft unglaublich dichte und gruselige Momente.« Arnarsson hat »Lust an den Mythen« und kann »die ganz großen Geschichten erzählen.«

Wilke Weermann: Ein Talent auf bestem Wege

Zur Stückentwicklung ODEM, die Wilke Weermann just am Staatstheater Kassel in eigener Regie uraufführte, schreibt Michael Langes für Nachtkritik: »Wilke Weermann hat eine verstörende kleine Spielanordnung voller kluger Material-Zitate entwickelt, deren thematische Zusammenhänge eine Menge Gedankenfutter bereithalten für die Zeit danach. Die szenische Umsetzung gerät verspielt und elegant; Weermann gehört offenbar zu denen, die sich in beträchtlicher Selbstsicherheit Zeit lassen können und nichts überstürzen. Da ist ein Talent auf bestem Wege.« Der junge Autor und Regisseur wurde mit seiner Inszenierung »Fahrenheit 451« am Schauspiel Stuttgart zuletzt zum Festival Radikal Jung 2018 eingeladen. Damals schrieb die Stuttgarter Zeitung: »Weermann […] versucht vieles – und es gelingt ihm, auf widerspenstige aber fesselnde Weise.« In ODEM schreibt Weermann über die Unsicherheiten des digitalen Menschen. Ist mein Gegenüber noch ein Mensch oder schon eine Maschine? Bald werden wir nicht mehr wissen, ob unser Chauffeur ein Mensch gewesen ist mit einem Bewusstsein, ob ein Mensch uns operiert hat oder unsere Heimatstadt zerstört. Und was also tut sich in unserer Gefühlswelt, wenn wir uns vor der Einsamkeit nur mit noch mehr Technik verschanzen? Was ist der Unterschied zwischen Erlösung und Fortschritt? Wo bleibt die Zivilgesellschaft im Cyberspace? Ist der Cyborg nicht unser Freund gegen die virale Macht des gestaltlosen Netzes wie der gute alte Terminator? Worin unterscheidet sich das elektrische Einhorn, von dem der Android vor dem Tannhauser Gate in »Blade Runner« träumt, von dem süßen Einhorn in unseren Kinderzimmern?

Neuigkeiten
Štorman zwischen Händel und Joy Division

Im Rahmen des Spitalfields Music Festivals wird Marco Štorman die Hybrid-Oper »Unknown, Remembered ...« inszenieren. Der Komponist Shiva Feshareki hat Elemente aus Händels »La Lucrezia« mit Texten von Joy Division mit einer Film-Installation von Haroon Mirza verbunden. Die Produktion ist vom 4.-9. Dezember 2019 in London zu sehen.

Nestroy für Rasche

Ulrich Rasches Inszenierung »Die Perser« (Salzburger Festspiele in Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt) ist bei der Verleihung der 19. Nestroy-Preise als »beste Aufführung im deutschsprachigen Raum« ausgezeichnet worden. Wir gratulieren sehr herzlich!

Orden für Richter

Falk Richter wird noch in diesem Jahr von der französischen Kulturministerin zum »Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres« ernannt (deutsch: Ritter des Ordens der Künste und der Literatur). Der Orden gilt als eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich und wird verliehen an »Personen, die sich durch ihr Schaffen im künstlerischen oder literarischen Bereich oder durch ihren Beitrag zur Ausstrahlung der Künste und der Literatur in Frankreich und in der Welt ausgezeichnet haben«. Wir gratulieren!

Aspekte-Literaturpreis für Bettina Wilperts »Nichts, was uns passiert«

Bettina Wilpert erhält für ihr Romandebüt »Nichts, was uns passiert« (Verbrecher Verlag, Berlin, 2018) den Aspekte-Literaturpreis 2018. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ist die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingsprosa. Wir gratulieren sehr herzlich! schaefersphilippen vertritt im Namen des Verbrecher Verlages die Bühnenaufführungsrechte an »Nichts, was uns passiert«. In der Begründung der Jury heißt es: »Bettina Wilpert hat für ihr Romandebüt ein äußerst schwieriges Sujet gewählt: Sie begibt sich auf die Spurensuche einer Vergewaltigung. Was hat sich in jener Partynacht zwischen den Studenten Anna und Jonas ereignet? War es richtig, daß Anna sich irgendwann entscheidet, Jonas anzuzeigen? Oder ist Jonas doch unschuldig? In einer Art Vernehmungsprotokoll lässt Bettina Wilpert nicht nur Anna und Jonas sprechen, sondern auch Freunde, Kollegen, Familienangehörige, die in der Beschreibung des Geschehens immer auch etwas über sich selbst verraten. Bei all dem ist Bettina Wilpert eine beeindruckend souveräne Erzählerin, die in knapper, manchmal lakonischer, aber immer zielsicherer Sprache ihren Stoff konzentriert zu arrangieren weiß. Die Handlung ist mit langem Spannungsbogen erzählt. Alle Figuren dürfen der Geschichte angemessen ambivalent und widersprüchlich sein. Die Autorin gibt einem nicht zuletzt durch #MeToo drängend gewordenen Thema unserer Zeit eine literarische Stimme. Dabei gelingt ihr das Kunststück, sich auf keine Seite zu schlagen, und das tut sie in einer stilistisch einzigartigen und konsequenten Weise, die preiswürdig ist.«

Falk Richter ist Regisseur des Jahres

Das von Falk Richter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführte Jelinek-Stück »Am Königsweg« begeisterte nicht nur Presse und Publikum, es überzeugte auch die über 40 Kritiker*innen bei der Kritikerumfrage von Theater heute in gleich vier Kategorien: Stück des Jahres, Inszenierung des Jahres, Kostümbildner des Jahres (Andy Besuch) und Schauspieler des Jahres (Benny Claessens). Damit ist Falk Richter auch Regisseur des Jahres. Das habe es laut Chefredakteur Franz Wille so noch nie geben: Keine Inszenierung hat jemals in vier Kategorien die höchste Anzahl an Nennungen bekommen. Wir gratulieren herzlich! Derweil begeistert Richters Inszenierung SAFE Kritiker und Publikum am Royal Dramaten gleichermaßen. Die Aufführung eröffnete das Bergman Festival im Jubiläumsjahr: »Ein Drama, das besser geeignet ist, das Festival zu eröffnen, ist schwer zu finden.« (Kulturmagasinet Kulturbloggen). Auch andere Kritiker zeigten sich begeistert und sprachen von einem »spannenden, dystopischen Start« des Festivals gar von einer Katharsis für unsere Zeit (Svenska Dagbladet). SAFE beschreibt die conditio humana der westlichen Gesellschaft, die sich im Angesicht der aktuellen Ereignisse im permanenten Ausnahmezustand befindet. In seiner choreografischen Uraufführung verschiebt Falk Richter mit internationalen Tänzer*innen und Schauspieler*innen aus dem Ensemble Dramaten die Grenzen des Theaters, in einem massiven Fluß, der Video, Text, Tanz und Musik integriert.