Willkommen, Lucia Bihler

Wir freuen uns außerordentlich, mit Lucia Bihler eine der derzeit interessantesten jungen Regisseurinnen vertreten zu dürfen. Mit ihren formal starken, entschlossenen und ungewöhnlich bebilderten Inszenierungen hat Bihler zuletzt u. a. am Schauspiel Hannover, Staatstheater Mainz und am Volkstheater München Aufmerksamkeit erregt.

Am Staatstheater Mainz begeisterte ihre Inszenierung »Die Verwirrungen des Zöglings Törless«, nach dem Roman von Robert Musil, als ein »extrem genau choreografierter Albtraum, die Bühnenfassung hält trotz einiger Straffungen die Erzählfäden so zusammen wie die Regisseurin ihr Team. Kein Bild, kein Ton, keine Bewegung wird dem Zufall überlassen«. (nachtkritik)

Bihler interessiere sich in ihrer Arbeit »sehr für diesen Daseinszustand zwischen Leben und Tod«, schreibt die SZ über ihre Münchner »Hedda Gabler«. »Sie versetzt ihre Figuren gern hinein in jenes wankende Funktionieren, roboterhaftes Agieren, das kaum durch irgendeine persönliche Motivation zustande kommen kann. Sie schiebt ihre Figuren hinter Schminke und Kostüme, sie dürfen nicht mal alle Geräusche selbst machen, die kommen teils vom Band.« Das erinnere ein wenig an Susanne Kennedy, heißt es weiter in der Süddeutschen Zeitung. »Anders als Kennedy aber entmenschlicht Bihler ihre Figuren damit nicht, sie saugt ihnen nur das Feuer aus den Adern, macht sie zu schlaffen Funktionierenden. Das erzählt viel über menschliche Unfreiheit und über das gigantische Kasperltheater, was wir Tag für Tag veranstalten, um bloß nicht unser wahres Gesicht zeigen zu müssen.« Fazit: »Wenn Traurigkeit und begrabene Sehnsucht so konsequent in Marzipanfarben daherkommen wie in dieser ›Hedda Gabler‹, sieht man sehr gern dabei zu.« Die Münchner Abendzeitung findet, daß Bihler »eine Aufführung gelungen ist, die auf eine im Sprechtheater ungewöhnliche Weise durch Bilder erzählt, deren virtuose Mechanik unmittelbar mitreißt, die aber auch Zuschauer anspricht, die das Stück kennen und sich mehr für die Nuancen interessieren.«

Seit der Spielzeit 2019/2020 ist Lucia Bihler Hausregisseurin und Teil der künstlerischen Leitung an der Volksbühne Berlin. Am 12. Dezember zeigt sie dort ihre Stückentwicklung FINAL FANTASY. Im März 2020 inszeniert sie erstmals am Schauspiel Köln.

Die Grössten des 21. Jahrhunderts

Der Schweizer Tagesanzeiger übt sich in Superlativen und veröffentlicht eine Liste der »20 grössten Theaterleute des 21. Jahrhunderts«. Wenig überraschend trifft man auf Granden wie Zadek, Stein, Jelinek, Schlingensief, Pollesch etc. Der mit Abstand  jüngste auf der Liste hingegen ist Ersan Mondtag, der ›in starken, bedrohlichen Bildern denkt, die er als Bühnen-und Kostümbildner umsetzt: ein vielversprechender Crack apokalyptischer Fantasmagorien für unsere Zeit.‹ Ersan Mondtags aktuelle Arbeiten sind derzeit am Berliner Ensemble, am Maxim Gorki Theater und am Schauspiel Köln zu sehen. Anfang 2020 inszeniert er seine erste Oper in Antwerpen. Auch Milo Rau gehört auf diese handverlesene Liste der prägendsten Figuren im deutschsprachigen Theater: ›Seit 2005 haut der vielfach preisgekrönte Schweizer Denk-Dramatiker uns in radikalsten Doktheaterformaten unsere Lauheit und anderer Leute Leid um die Ohren. Ein Künstler der Superlative.‹ Rau leitet inzwischen das NT Gent und setzt mit Produktionen wie ORESTES IN MOSSUL und DAS NEUE EVANGELIUM weiterhin internationale Maßstäbe. Rimini-Protokoll, der erfolgreiche Zusammenschluss aus Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi prägten das Comeback des dokumentarischen Theaters wie keine andere Gruppe am Anfang des dritten Jahrtausends. Auch sie gehören zu dieser Auswahl.

Lily Sykes: Triumph in Hannover

»Sykes gelingt ein unterhaltsamer ›Orlando‹, der dem Publikum nichts aufdrängen möchte, aber dennoch unter all der Oberfläche in die Tiefe geht. Das Duo Harfouch-Olivo transportiert alle Ironie, aber auch die Einsamkeit mit lustvollem Spaß an Übertreibung. Es ist eine subtile Inszenierung, die nicht auf den großen Effekt setzt, aber dennoch kondensiert und mit Sinn für Timing das Publikum bei diesem eigentlich ernsten aktuellen Thema zum Lachen und beim Applaus schließlich sogar zum Aufstehen bringt», schreibt nachtkritik über die aktuelle Inszenierung von Lily Sykes (Bühne von Jelena Nagorni und Musik von David Schwarz) am Staatstheater Hannover. Und auch die Neue Presse ist begeistert: »Das ist Regisseurin Lily Sykes hervorragend gelungen. Bei diesem ›Orlando‹ räumt keineswegs nur Corinna Harfouch ab. Nach 90 Minuten gibt's großen Jubel für einen kleinen großen Abend.« Sykes, 1984 in London geboren, nur knapp 100 Jahre später als Virginia Woolf, setzt sich bereits zum zweiten Mal mit dem provokanten Meisterwerk ihrer Landsfrau auseinander. Den »Orlando« bearbeitete und inszenierte sie 2016 schon einmal für das Staatstheater Darmstadt, allerdings nicht in einer solch reduzierten und schillernden Besetzung wie nun in Hannover. Für Lily Sykes folgt dann in der aktuellen Spielzeit eine zweite Arbeit am Schauspiel Köln, die Uraufführung »Bomb« der israelischen Autorin Maya Arad Jasur sowie der Shakespeare-Mash-Up »Game of Crowns Part II.«.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Heidi Benneckensteins Bestseller EIN DEUTSCHES MÄDCHEN über ihre Kindheit, Jugend und ihren Ausstieg aus einer Neonazi-Biographie wurde im Oktober am Landestheater Memmingen uraufgeführt. Dort befasst sich das Team um Intendantin Katrin Mädler in dieser Spielzeit thematisch intensiv mit Fragen zur deutschen Nazi-Vergangenheit und Gegenwart. Die ›Deutsche Bühne‹ erkennt in der Inszenierung »die Binnenschau, die Frage, wie in einer rechten Sozialisation die Organisationen bei der Persönlichkeitsbildung ineinandergreifen und zu einem inhumanen und intoleranten Weltbild führen. Was darüber hinaus versucht wird, ist, die zweifelsohne subjektive Geschichte zu verobjektivieren, anhand des Einzelfalls die gesellschaftliche Entwicklung aufzuzeigen. Das gelingt dem Regisseur Mirko Böttcher, weil er zwei exzellente Schauspieler zur Verfügung hat«. Die Memminger Zeitung schreibt von »einem der wichtigsten Abende in dieser Spielzeit.« Der Abend biete »geschickte Wechsel von lebendigen Spielszenen, persönliche Einblicken und informative Einschübe über die viel zu lange im Dunkeln gebliebenen radikalen Absichten und Strukturen in der Neonazi-Szene«. Nachtkritik ergänzt: »Dieser sehenswerten und pointierten Aufführung wünscht man tatsächlich viel Publikum in der kleinen Studiobühne unter dem Dach des Memminger Theaters, weil sie oft schneller auf den Punkt kommt als ihre Buchvorlage und so einen guten Einstieg ins Thema Rechtradikalismus bei jungen Zuschauer*innen schaffen wird.« Heidi Benneckensteins Autobiographie ist bei Klett-Cotta, Stuttgart, erschienen.

 

 

Neuigkeiten
Christian Weises ›Möwe‹ in Mannheim

Christian Weise, Haus-Regisseur am Nationaltheater Mannheim und seine Kostüm- und Bühnenbildnerin Paula Wellmann werden auf Nachtkritik für ihre aktuelle Arbeit ›Die Möwe‹ gelobt: »Weise inszeniert Tschechows vielgespielte "Möwe" als träumerische Groteske mit schön schrägen Momenten. Ihm und dem gut aufgestellten Mannheimer Ensemble gelingt ein berückender, eigenwilliger, sanfter und todtrauriger Theaterabend, an dem Träume der Protagonist*innen bleischwer wiegen und die Zeit doch wie im Tanz vergeht.«

Nestroy für Gockel und Rüping

Christopher Rüpings »Dionysos Stadt« räumt ab: Nach diversen Auszeichnungen - u.a. Inszenierung des Jahres in der aktuellen Umfrage von Theater Heute - erhält Rüping nun den Nestroy-Preis für »die beste Aufführung im deutschsprachigen Raum«. Jan-Christoph Gockel kommt als Wiederholungstäter zu seiner zweiten Nestroy-Ehrung und wird für seine Inszenierung »Die Revolution frisst ihre Kinder!« (Kategorie: Beste Bundesländer-Aufführung) ausgezeichnet. Herzlichen Glückwunsch auch an Sibylle Berg und das Team um Ersan Mondtag:  Das »beste Stück« ist »Hass-Triptychon« in der Produktion der Wiener Festwochen und des Maxim Gorki Theaters, Berlin.

Ersan auf arte

Anlässlich der BAAL-Premiere am Berliner Ensemble hat ARTE den Künstler Ersan Mondtag portraitiert. Hier kommen Sie zum Beitrag,

Theater der Zukunft

In der Welt resümiert Stefan Keim die Dortmunder Jahre unter der Intendanz von Kay Voges, der mit Beginn der Spielzeit 2020/21 ans Volkstheater Wien wechselt. »Er schuf ein Theater der Zukunft« schreibt Keim. »Wie kaum ein anderer hat er das Stadttheater verändert und ihm zu Erfolg verholfen.« Den ganzen Artikel können Sie hier einsehen.

Jahresendspurt: die nächsten Premieren

In den letzten Wochen des Jahres geht es in eine weitere Premierenrunde, u.a. mit der von Gordon Kämmerer inszenierten Uraufführung »Fluss, stromaufwärts« am Schauspiel Leipzig (Kostüm: Josa Marx). Christian Weise und Paula Wellmann setzen als gut eingespieltes Team ihre Arbeit am Nationaltheater Mannheim fort (»Die Möwe«, am 29.11.2019). Nele Stuhler und Jan Koslowski kehren als AutorInnen & Regie-Duo mit 1994 - FUTURO AL DENTE (Uraufführung am 6.12.2019) ans Schauspiel Frankfurt zurück. Das Vorgänger-Stück DER ALTE SCHINKEN avancierte dort zwischenzeitlich zum absoluten Publikumserfolg. Ersan Mondtag bringt DIE VERDAMMTEN nach Luccino Visconti am Schauspiel Köln auf die Bühne (7.12.2019), während Anne Leppers MÄDCHEN IN NOT am 9. Dezember am Bungakuza Theatre Tokyo seine Japanische Erstaufführung erlebt. Die Wochen vor Weihnachten sind dann prall gefüllt mit weiteren wichtigen und beachtenswerten Premieren. Stefan Pucher inszeniert an der Volksbühne LEGENDE von Schernikau (121.12.), gefolgt von Lucia Bihlers FINAL FANTASY (12.12., ebenfalls Volksbühne). Am 14.12. feiert Kay Voges sein Wiener Debüt mit DIES IRAE - TAG DES ZORNS (Burgtheater), Peter Kastenmüller debütiert am Residenztheater mit der Uraufführung »Kassandra/Prometheus. Recht auf Welt« von Kevin Rittberger am 19.12. Die aus unserer Sicht letzte Premiere des Jahres findet dann ebenfalls am Residenztheater statt, wenn PeterLicht und Claudia Bauer den EINGEBILDETEN KRANKEN uraufführen.

Wilke Weermann erneut in Kassel

Viel los für Wilke Weermann: Im vergangenen Jahr begann er seine auf drei Jahre ausgelegte Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Kassel. Nach ODEM (2018) folgte in dieser Spielzeit die Stückentwicklung I AM PROVIDENCE. Die HNA schreibt über die Premiere am 8. November: »Mit welcher Liebe zum Detail hier gearbeitet wird, überzeugt ebenso wie die kleinteilige Schauspielerführung. Jede Geste passt zum Formalismus der Bildtableaus.« Zu Beginn der Spielzeit hat er für das Deutsche Theater Berlin das Klassenzimmerstück COMING OF RAGE geschrieben und inszeniert. Das Schauspielhaus Wien wiederum wird im Februar 2020 sein aktuelles Stück ANGSTBEISSER uraufführen. Im Spielzeitheft des Schauspielhauses gibt es einen Text von Weermann zu lesen (ab S. 21), darin geht es um die Faszination von kosmischem Horror, Hyperobjects und die Angst als grundlegenden Antrieb.