Maxi Obexer: Im Zeichen des Widerstands

In ihrem aktuellen Stück VERLORENE KÄMPFER läßt Maxi Obexer fragen: »Wann wird Widerstand zur Pflicht?« Das Stück ergründet das Ende der RAF, es zeigt die Protagonisten am Scheideweg: Weiterkämpfen, oder einsehen, daß der Kampf womöglich schon vorbei und die Methode grundfalsch ist?
Die Uraufführung von VERLORENE KÄMPFER inszenierte Clemens Bechtel am Staatstheater Wiesbaden. Nach GEHEN UND BLEIBEN und WENN WIR LIEBEN ist dies bereits die dritte gemeinsame Arbeit der beiden.

Um Widerstand geht es auch in Obexers bisher erfolgreichsten Stücken, DAS GEISTERSCHIFF und ILLEGALE HELFER, die nun erstmals in Italien und somit gewissermaßen am Ort der Entstehung und der unmittelbarsten Dringlichkeit  inszeniert werden. Beide Stücke sind aktueller denn je und reagieren auf zutiefst gegenwärtige italienische und europäische Konflikte gleichermaßen.

Mit DAS GEISTERSCHIFF hat Obexer die Realität im Mittelmeer ins deutschsprachige Theater gebracht, als die täglichen Schiffskatastrophen auf dem Mittelmeer noch weit weg erschienen. Vor einigen Jahren brach sie nach Sizilien auf, um über eine Schiffskatastrophe mit fast dreihundert Toten zu schreiben, die von der italienischen Regierung geheim gehalten worden war. In der Ära Berlusconi wurde die Seenotrettung zum illegalen Akt, Fischer, die halfen, gingen reihenweise ins Gefängnis. Schon damals hätte man sie kommen sehen können: »Geisterschiffe« die wie im »Fliegenden Holländer« dazu verdammt sind, ewig auf den Weltmeeren zu segeln. Heute hat sich die Lage drastisch verschärft: wer hilft, kommt erst gar nicht mehr an Land. Eine Politik, die Unmenschlichkeit vorgibt, ist salonfähig geworden, auch innerhalb der EU.

Aber es gibt Menschen, die versuchen zu retten, was zu retten ist, hartnäckig, mitunter verzweifelt. Eine Zivilgesellschaft, die hilft, die protestiert, die wieder und wieder an internationales Recht erinnert, und die europaweit vernetzt ist. In ILLEGALE HELFER kommen jene zu Wort, die Hilfe und Unterstützung auch denen anbieten, für die der Staat nichts übrig hat oder deren Lage er mitverschuldet.

Beide Stücke wurden auf deutschen Bühnen mehrfach inszeniert, sie sind in etlichen Sprachen übersetzt und waren international zu sehen, u.a. in Paris, Budapest, Prag, Chicago, Washington, New York.

Nun greifen also auch italienische Theater zu den Stücken, und das nicht ohne Grund: Sie reagieren damit auf die Folgen einer menschenverachtenden und europafeindlichen Regierung. DAS GEISTERSCHIFF ist heute, da sich die mediale Aufmerksamkeit langsam von den inakzeptablen Zuständen auf dem Mittelmeer abwendet, aktueller denn je: Schiffe werden sich selbst überlassen, die Hassrhetorik der Regierung wird immer bodenlosen, aber auch der Widerstand dagegen: Wöchentlich legen sich Bürgermeister, Zivilisten und Intellektuelle mit dem Außenminister Salvini an. Und sie finden zusammen, auf den Straßen - und im Theater.

DAS GEISTERSCHIFF wird im Zuge des Festivals Primavera dei teatri vom Teatro della Marucca in Castrovillari, Kalabrien, inszeniert (Regie: Rita De Donato) inszeniert. ILLEGALE HELFER wird in Turin beim Festival Teatro delle Colline zu sehen sein (Regie: Simonetta Solder, Paola Rota).

Roscha A. Säidow mit »Wir« in Mannheim

Die Regisseurin Roscha A. Säidow arbeitet an den Schnittstellen von Schauspiel, Musik, Figurentheater, Videokunst und Lichtinstallation. Mit ihrer interdisziplinären Arbeitsweise begibt sie sich für jede ihrer Produktionen auf die Suche nach einer neuen, angemessenen Formensprache. Auch institutionell arbeitet Säidow gelungen zwischen den Stühlen: Während und nach ihrem Studium an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« in Berlin realisierte sie Arbeiten sowohl an festen Häusern als auch an freien Häusern und bei zahlreichen Festivals mit ihrer freien Compagnie RETROFUTURISTEN. Sie ist zudem Gastdozentin in der Abteilung Puppenspiel an der HfS »Ernst Busch« und seit der Spielzeit 2017/18 als Artist in Residence am Puppentheater Magdeburg tätig. Am Nationaltheater Mannheim hat sie nun den vergessenen Science-Fiction Klassikers »Wir« des russisch/sowjetischen Autors Jewgenij Samjatin als eine dystopisch musikalische Mischung aus Schauspiel und Figurentheater inszeniert. Die Premiere in Mannheim ist am Freitag, den 24. Mai. Weitere Termine sind für Juni und Juli angesetzt.

Frühlings-Endspurt: die nächsten Premieren

Der Frühling hält noch einige aufregende Termine parat: An der Berliner Volksbühne inszeniert Pınar Karabulut am 23. Mai die Uraufführung von Katja Brunners Text DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER. Am 24. gibt es gleich zwei Premieren: Von Roscha A. Säidow am Nationaltheater Mannheim (»Wir«) sowie von Ersan Mondtags »Hass-Triptychon« bei den Wiener Festwochen. Dessen neue Produktion DE LIVING feiert bereits am 15. Mai Premiere am NT Gent. Nach »Die Räuber« am Theater Basel, inszeniert Thorleifur Örn Arnarsson in Dortmund einen eigenen Text: Die Premiere von »Im Irrgarten des Wissens« ist am 25. Mai. Ebenfalls ein neues Stück erarbeitet Thom Luz. Sein »Radio Requiem« eröffnet am 29. Mai im ehemaligen SRF-Radiostudio in Basel. Nach seiner erfolgreichen Operninszenierung »Nixon in China« feiert Marco Storman Premiere mit einer neuen Jelinek Bearbeitung. Premiere von »Das schweigende Mädchen« ist am 14. Juni am Theater Bremen. Den Abschluss der Spielzeit macht Jessica Glause mit einem neuen Stück. »Eva und Adam« feiert seine Uraufführung am 19. Juni bei den Opernfestspielen der Bayerischen Staatsoper. Die Musik dafür hat Benedikt Brachtel komponiert.

Katja Brunner an der Volksbühne

Für, gegen und wegen multipler Chauvinismen wie Orgasmen – Katja Brunner hat ein neues Stück geschrieben. Darin zu sehen: Viele. Viele Quotenfrauen. Weniger bis keine Quotenmänner. DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER handelt von männlichen Blicken und weiblichen Identifizierungen, von Schmerz, Unterdrückung und schreibt zum Glück für den Widerstand. Während mythische Frauenfiguren und Projektionsflächen noch in zu engen Kleidern stecken, proben die Wunschvorstellungen schon mal den Aufstand. Dabei gelingt es Brunner auf grandiose Weise Widersprüche zu vertiefen, genußvoll Gräben zu graben, Verletzungen aufzureißen. Sie findet dafür eine wundersam poetische, klagend kraft- und lustvolle Sprache mit Textflächen, deren Ausmaß jeder Festlegung entgegenarbeitet. Brunners Text ist widerständig und zärtlich, zugleich rätselhaft und glasklar. Die Uraufführung ihres anspruchsvollen Stücks hat die Regisseurin Pınar Karabulut inszeniert, die Premiere findet am Donnerstag, 23.05.2019, im 3. Stock der Berliner Volksbühne statt. Weitere Termine sind im Mai und im Juni geplant.

Neuigkeiten
Thorleifur Arnasson in Dortmund: Im Irrgarten des Wissen

Nach seiner bezaubernd bildgewaltigen und rätselhaft verschrobenen Inszenierung der Isländischen Mythensammlung »Die Edda« in Hannover, und einer Inszenierung von Schillers »Räubern« in Basel, inszeniert Thorleifur Örn Arnarsson in Dortmund ein das ganze Schauspielhaus bevölkerndes Traumspektakel. Mit »Im Irrgarten des Wissens« - das wiederum in der Zusammenarbeit mit dem Autor Mikael Torfason entstanden ist - schafft Arnarsson einen poetischen und berührenden Theaterabend, der die Toten zum Sprechen bringt und die Geister des Theaters beschwört. Die Premiere findet am 25. Mai statt. Weitere Termine folgen noch im Juni.

Premiere in Basel: Radio Requiem

Einen wunderschönen Abgesang hat Thom Luz in Basel kreiert: Ende 2019 wird das geschichtsträchtige Basler Radiostudio auf dem Bruderholz abgerissen. Seit siebzig Jahren wurde an diesem Standort Radiogeschichte geschrieben, Information in den Äther übertragen und hunderte Stunden Hörspiel produziert. Luz - »Spezialist für alles, das verschwinden kann« - lädt ein auf einen »Requiemspaziergang« durch das Gebäude und lässt Stimmen aus der Vergangenheit klingen, spielt fast vergessene Lieder und taucht ein in verwunschene Geschichten aus einer kaum vergangenen Zeit. Premiere von »Radio Requiem« ist am 29. Mai.

Spitzenförderung für Hofmann & Lindholm und SEE!

Seit 2000 realisieren Hannah Hofmann und Sven Lindholm gemeinsam interdisziplinäre Projekte an der Schnittstelle zwischen Theater und Bildender Kunst. Zum dritten Mal wurde ihnen jetzt die Spitzenförderung des Landes NRW im Bereich Theater zugesprochen. In der Jurybegründung heißt es: »Hofmann & Lindholm prägen seit nunmehr 20 Jahren das, was in Theater und Performance passiert und setzen bundesweit neue Impulse. Hofmann & Lindholm zählen zu den wichtigsten Theatermacherinnen und -machern des Landes.« Neu im Programm der Spitzenförderung sind SE Struck und Alexandra Knieps, die als SEE! zusammenarbeiten. Die Jury meint: SEE! arbeitet daran das »Dispositiv des Theaters zu befragen und mitunter zu verschieben. SEE! [arbeitet] mit hoher Eigenständigkeit und jenseits des Marktes an aufwendigen wie beeindruckenden Bühnenprojekten, die sich durch ihre sprachliche Qualität, choreografische Poesie und außergewöhnliche räumliche Setzungen auszeichnen.« Wir freuen uns mit diesen großartigen Künstler*innen!

Sauter und Studlar in der Slowakei

Mit GELD - HER DAMIT hat das Autorenduo Andreas Sauter und Bernhard Studlar 2009 ein Stück zur Finanzkrise geschrieben (UA: 14.11.2009, Oldenburgisches Staatstheater, Regie: K. D. Schmidt). Dass sogenannte Krisen mittlerweile zu einem viel beschworenen Dauerzustand geworden sind, beweist nicht zuletzt, dass ihr Stück nun seine slowakische Erstaufführung erfährt. Ihre Auseinandersetzung sucht dabei die Erzählungen abseits von Krisenrhetorik und populistischem Getöne. Premiere der Inszenierung von Marián Amsler ist am 08. Juni 2019 am Mestské divadlo Žilina (Stadttheater Žilina).

Schweizer Theaterpreis für Thom Luz

Mit THE FIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY ist der Regissuer Thom Luz gerade zum dritten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ende April wurde ihm außerdem der Schweizer Theaterpreis verleihen. In der Jurybegründung heißt es: »Ein einzelner Scheinwerfer und ein alter Spiegel, der den Lichtkegel in die Dunkelheit zurückwirft: So wenig genügt Thom Luz, um sein Publikum staunen zu lassen. Sein Theater [...] ist von Geistern, Nebeln, Kerzenflackern und immer wieder von betörender Musik bewohnt. Ein Theater, das der schwerfälligen Bühnenmaschinerie und dem altmodischen Klavier leichtfüssigen Zauber abringt. Der Mensch ist in diesen Stücken immer ein Halt suchender, inmitten der Flüchtigkeit des Lebens. Luz schafft es, diesen im Grunde beunruhigenden Zustand in schwebende Leichtigkeit zu verwandeln. Dafür danken wir.«

Café Populaire auf Reisen

Das »Witzigste, was derzeit auf Schweizer Bühnen zu sehen ist« (Tagesanzeiger), gibt es nun endlich auch in Deutschland. Nora Abdel-Maksouds »humorvolle Abrechnung mit dem Dunstkreis der Kreativen« (nachtkritik), die Kleinstadt-Chose CAFÉ POPULAIRE, erlebte am 20.04. am Schauspiel Stuttgart ihre Deutsche Erstaufführung. Am 27.04. eröffnete sie damit Festival radikal jung in München. Nach einem Auftritt beim Schweizer Theatertreffen (25.05.) kommt die Produktion Anfang Juni nach Berlin: Abdel-Maksoud ist damit zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater eingeladen und erhält den alle zwei Jahre vergebenen Hermann-Sudermann-Preis für »herausragende Leistungen im Bereich der deutschsprachigen Dramatik«. Vorstellungen sind für den 04. und 05. Juni angesetzt.