Lily Sykes: Triumph in Hannover

»Sykes gelingt ein unterhaltsamer ›Orlando‹, der dem Publikum nichts aufdrängen möchte, aber dennoch unter all der Oberfläche in die Tiefe geht. Das Duo Harfouch-Olivo transportiert alle Ironie, aber auch die Einsamkeit mit lustvollem Spaß an Übertreibung. Es ist eine subtile Inszenierung, die nicht auf den großen Effekt setzt, aber dennoch kondensiert und mit Sinn für Timing das Publikum bei diesem eigentlich ernsten aktuellen Thema zum Lachen und beim Applaus schließlich sogar zum Aufstehen bringt», schreibt nachtkritik über die aktuelle Inszenierung von Lily Sykes (Bühne von Jelena Nagorni und Musik von David Schwarz) am Staatstheater Hannover. Und auch die Neue Presse ist begeistert: »Das ist Regisseurin Lily Sykes hervorragend gelungen. Bei diesem ›Orlando‹ räumt keineswegs nur Corinna Harfouch ab. Nach 90 Minuten gibt's großen Jubel für einen kleinen großen Abend.«

Sykes, 1984 in London geboren, nur knapp 100 Jahre später als Virginia Woolf, setzt sich bereits zum zweiten Mal mit dem provokanten Meisterwerk ihrer Landsfrau auseinander. Den »Orlando« bearbeitete und inszenierte sie 2016 schon einmal für das Staatstheater Darmstadt, allerdings nicht in einer solch reduzierten und schillernden Besetzung wie nun in Hannover.

Für Lily Sykes folgt dann in der aktuellen Spielzeit eine zweite Arbeit am Schauspiel Köln, die Uraufführung »Bomb« der israelischen Autorin Maya Arad Jasur sowie der Shakespeare-Mash-Up »Game of Crowns Part II.«.

Heidi Benneckenstein: Ein deutsches Mädchen

Heidi Benneckensteins Bestseller EIN DEUTSCHES MÄDCHEN über ihre Kindheit, Jugend und ihren Ausstieg aus einer Neonazi-Biographie wurde im Oktober am Landestheater Memmingen uraufgeführt. Dort befasst sich das Team um Intendantin Katrin Mädler in dieser Spielzeit thematisch intensiv mit Fragen zur deutschen Nazi-Vergangenheit und Gegenwart. Die ›Deutsche Bühne‹ erkennt in der Inszenierung »die Binnenschau, die Frage, wie in einer rechten Sozialisation die Organisationen bei der Persönlichkeitsbildung ineinandergreifen und zu einem inhumanen und intoleranten Weltbild führen. Was darüber hinaus versucht wird, ist, die zweifelsohne subjektive Geschichte zu verobjektivieren, anhand des Einzelfalls die gesellschaftliche Entwicklung aufzuzeigen. Das gelingt dem Regisseur Mirko Böttcher, weil er zwei exzellente Schauspieler zur Verfügung hat«. Die Memminger Zeitung schreibt von »einem der wichtigsten Abende in dieser Spielzeit.« Der Abend biete »geschickte Wechsel von lebendigen Spielszenen, persönliche Einblicken und informative Einschübe über die viel zu lange im Dunkeln gebliebenen radikalen Absichten und Strukturen in der Neonazi-Szene«. Nachtkritik ergänzt: »Dieser sehenswerten und pointierten Aufführung wünscht man tatsächlich viel Publikum in der kleinen Studiobühne unter dem Dach des Memminger Theaters, weil sie oft schneller auf den Punkt kommt als ihre Buchvorlage und so einen guten Einstieg ins Thema Rechtradikalismus bei jungen Zuschauer*innen schaffen wird.« Heidi Benneckensteins Autobiographie ist bei Klett-Cotta, Stuttgart, erschienen.

 

 

Der Reisende: die Banalitäten des Bösen

DER REISENDE ist ein Roman über die Mechanismen der Ausgrenzung und die Banalität des Bösen, verfasst von Ulrich Alexander Boschwitz, der auf der Flucht aus Nazi-Deutschland bereits mit 27 Jahren verstarb. Erschienen im Klett-Cotta Verlag, Stuttgart, hat dieser kleine große Roman für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Im vergangenen Mai wurde der Stoff am Schauspielhaus Zürich uraufgeführt, am Landestheater Schwaben sorgte die Intendantin und Regisseurin Kathrin Mädler nun für die Deutsche Erstaufführung. Im "Reisenden" irrt der jüdische Geschäftsmann Otto Silbermann nach der Progromnacht im November 1938 ziellos durch das Deutsche Reich. Nach und nach gehen ihm Heimat, bürgerliche Existenz und Existenz verloren - er wird sich schlussendlich das Leben nehmen. In Mädlers Inszenierung wird deutlich, wie die Mechanismen der Ausgrenzung funktionieren: »Weil sich die Figuren eben stets zu Silbermann positionieren, Stellung zu ihm nehmen, als ablehnender Menschenwall, oft chorisch sprechend, als ihn überwölbende Macht in kalter Diktion, als den Abgewiesenen Abweisende, als vor dem Flüchtling Flüchtende. Eine Inszenierung wie auf einem Spielbrett. Ideologie oder Herdentrieb oder Angst oder Gleichgültigkeit: Menschen folgen gern dem Magnetismus der ungebremsten Macht, die als Treibstoff Hass und Ausgrenzung benötigt. Sie stellen sich um und dumm. Wie Silbermann in dieser Geschichte ungläubig staunend erkennen muss, dass er dieser Treibstoff ist, macht der Memminger Theaterabend berührend – und die Berührten quälend – deutlich.« (nachtkritik)

Lucia Bihler: starker Auftakt am Volkstheater München

Lucia Bihler hat dem Volkstheater mit ›Hedda Gabler‹ »einen bonbonfarbenen, würdigen und sehenswerten Start in die neue Saison beschert«, schreibt die SZ. Bihler interessiere sich in ihrer Arbeit »sehr für diesen Daseinszustand zwischen Leben und Tod. Sie versetzt ihre Figuren gern hinein in jenes wankende Funktionieren, roboterhaftes Agieren, das kaum durch irgendeine persönliche Motivation zustande kommen kann. Sie schiebt ihre Figuren hinter Schminke und Kostüme, sie dürfen nicht mal alle Geräusche selbst machen, die kommen teils vom Band.« Das erinnere ein wenig an Susanne Kennedy, heißt es weiter in der Süddeutschen Zeitung. »Anders als Kennedy aber entmenschlicht Bihler ihre Figuren damit nicht, sie saugt ihnen nur das Feuer aus den Adern, macht sie zu schlaffen Funktionierenden. Das erzählt viel über menschliche Unfreiheit und über das gigantische Kasperltheater, was wir Tag für Tag veranstalten, um bloß nicht unser wahres Gesicht zeigen zu müssen.« Fazit: »Wenn Traurigkeit und begrabene Sehnsucht so konsequent in Marzipanfarben daher kommen wie in dieser ›Hedda Gabler‹, sieht man sehr gern dabei zu.« Die Münchner Abendzeitung findet, daß Bihler »eine Aufführung gelungen ist, die auf eine im Sprechtheater ungewöhnliche Weise durch Bilder erzählt, deren virtuose Mechanik unmittelbar mitreißt, die aber auch Zuschauer anspricht, die das Stück kennen und sich mehr für die Nuancen interessieren.« Auch auf Nachtkritik gibt es viel Lob: »Diese Hedda Gabler beeindruckt mit erstaunlich stilsicherer Konsequenz und zynischer Leichtigkeit abseits der erwartbaren Klassiker-Dekonstruktion.«

 

Neuigkeiten
Wilke Weermann erneut in Kassel

Viel los für Wilke Weermann: Im vergangenen Jahr begann er seine auf drei Jahre ausgelegte Zusammenarbeit mit dem Staatstheater Kassel. Nach ODEM (2018) folgt in dieser Spielzeit die Stückentwicklung I AM PROVIDENCE mit Premiere am 8. November. Zu Beginn der Spielzeit hat er für das Deutsche Theater Berlin das Klassenzimmerstück COMING OF RAGE geschrieben und inszeniert. Das Schauspielhaus Wien wiederum wird im Februar 2020 sein aktuelles Stück ANGSTBEISSER uraufführen.

Thom Luz beginnt in München

Mit OLYMPIAPARK IN THE DARK beginnt Thom Luz seine Zusammenarbeit mit dem Residenztheater unter der Leitung von Andreas Beck. Teresa Frenzmann schreibt für die FAZ von einer »hin­rei­ßend nost­al­gi­sch, hu­mor­vol­len, fein­sin­nig künst­le­ri­schen Hom­mage an Mün­chen.« Anna Sandfeld hat für Deutschlandfunk Kultur einen »magischen, bezaubernden Abend« gesehen, und Christine Dössel schließt in der SZ, Thom Luz sei mit einem sensiblen, skurril versponnenen und versonnen Abend »angekommen.«

Eine Quote für neue Dramatik!

Gerne weisen wir auf einen bemerkenswerten Artikel aus der aktuellen FAZ hin. Friederike Emmerling, Oliver Franke, Stefanie von Lieven, Barbara Neu und Bettina Walther rufen zur Stärkung der zeitgenössischen Dramatik auf und bringen in diesem Zusammenhang eine Quote für neue Dramatik ins Gespräch.

Štorman im Blick der Opernwelt

In der jährlichen Kritikerumfrage des Magazins »Opern-Welt«zu den Opernereignissen des Jahres bringt es Marco Štorman auf insgesamt 9 Erwähnungen. Sieben davon entfallen auf sein sensationelles Debüt »Nixon in China«an der Stuttgarter Oper, zwei weitere beziehen sich auf seine Lulu-Inszenierung an der Oper Bremen. In der aktuellen Spielzeit inszeniert Štorman an den Opern in Bremen und Klagenfurt. Für das Sydhavn Teater Kopenhagen und das Glad Teater Kopenhagen entsteht zudem das Musiktheater-Projekt »Man on the Moon«.

Film-Premiere von Nationalstraße

Das FilmFestival Cottbus (5. bis 10. November 2019) zeigt die Deutschlandpremiere von NATIONALSTRAßE, nach dem gleichnamigen Buch von Jaroslav Rudiš. Regisseur Štepán Altrichter ist eine mit leichter Hand inszenierte wie treffende Mentalitätsstudie über Befindlichkeiten im dreißigsten Jahr nach dem Fall des Eisernen Vorhangs gelungen. Sein Protagonist, der Hooligan und Wutbürger Vandam, lebt in einer Plattenbausiedlung am Rande von Prag. Hier hat er seine Kindheit verbracht, hier ist er zu Hause. Als seine Stammkneipe der Gentrifizierung zum Opfer fallen soll, gilt es für ihn zu handeln. 

Spiegel-Portrait über Anta Helena Recke

Anlässlich der Premiere ihres Stückes DIE KRÄNKUNGEN DER MENSCHHEIT (Kammerspiele München) hat Wolfgang Hobel die Regisseurin Anta Helena Recke für den Spiegel portraitiert.