Dramatik am Strand

Mit weit über 80 Premieren geht aus unserer Sicht eine ereignisreiche Spielzeit zu Ende, die nicht zuletzt durch erneut fünf Einladungen zum Theatertreffen gekrönt wurde. 

Im September sehen wir uns dann wieder - den Beginn machen u. a. Ulrich Rasche mit der Eröffnung der neuen Intendanz am Wiener Burg-Theater, Ersan Mondtag am Berliner Ensemble, Falk Richter am Schauspielhaus Hamburg, Christian Weise an der Oper in Weimar, Thorleifur Örn Arnarsson (als Regisseur und Schauspieldirektor) an der Volksbühne Berlin, Anta Helena Recke an den Münchner Kammerspielen und Marco Štorman am Staatstheater Kassel. Das aber wird nur der September sein …

Wir freuen uns zudem auf eine erste Spielzeit mit neuen Künstler*innen, u. a. mit Saar Magal, Lucia Bihler, Nilsson & Eicke oder Laura Witzleben und natürlich auf die Fortsetzung der Zusammenarbeit mit vielen langjährigen Wegbegleiter*innen.

Im Strandkorb oder auf dem Jet-Ski sollten - aus aktuellem Anlaß - die frisch aufgeführten Stücke LEHRER*INNEN von Björn Bicker, DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER von Katja Brunner und IMPERIUM DES SCHÖNEN von Nis-Momme Stockmann nicht fehlen.

Tobias Philippen und Marc Schäfers wünschen einen frischen Sommer!

Thom Luz beeindruckt mit Radio Requiem in Basel

In seiner neuen Basler Inszenierung »Radio Requiem« hat Thom Luz die Melancholie der menschlichen Endlichkeit in ein formvollendet melancholisches Gewand gekleidet. Dafür hat er mit dem ehemaligen Radiostudio auf dem Bruderholz, aus dem der Schweizerische Rundfunk 70 Jahre lang sein Programm in den Äther sendete und das am Ende des Jahres dem Erdboden gleichgemacht wird, ein »Biotop [gefunden], das seiner künstlerischen Sprache in allem zudient.« (nachtkritik) In den Räumen des Studios hören die Besucher*innen Archivaufnahmen, erklingen längst vergessene Hits, wird der akustische und architektonische Abgesang zu einer sinnlichen Reflexion auf das unaufhaltsame Vergehen – Dreh- und Angelpunkt von Luz‘ künstlerischem Schaffen. nachtkritik meint begeistert: Konkreter habe der Schweizer Regisseur seine Weltschau noch nie ausgeformt. Auch Deutschlandfunk Kultur zeigt sich beeindruckt: »Es ist eine eigene Welt, die Luz erschafft. Überall tönt und wispert es. Und am Ende kann man sich vorstellen, was in diesem Studio über 50, 60 Jahre passiert ist. Und dass da auch eine Welt untergeht.« Die Türen des Radiostudios am Bruderholz sind noch bis Ende Juni geöffnet.

Jessica Glause in München: Eva und Adam

Im Rahmen der Opernfestspielen der Bayerischen Staatsoper wird am 19. Juni Jessica Glauses Stückentwicklung EVA UND ADAM uraufgeführt. Nach NOAH und MOSES ist dies der letzte Teil einer Musiktheatertrilogie, welche die Regisseurin gemeinsam mit jungen Geflüchteten und Münchner*innen mit und ohne Migrationshintergründe entwickelt hat. Die Arbeit führt zum Beginn der Menschheitsgeschichte, um dessen Darstellungsmonopol christliche, jüdische und muslimische Ursprungsmythen ringen. Welche Geschichten vom Anfang haben sich durch die Kulturen hindurch tradiert, welches Weltbild konstruiert die Geschichte vom Schöpfervater, der als ersten Menschen einen Mann erschafft? Und welche Rolle spielt die Frau, die aus einer Rippe geformt die Verantwortung für die Vertreibung aus dem Paradies zu tragen hat? Ausgehend von den Biographien des jungen Ensembles, stellt EVA UND ADAM Fragen nach dem Neuanfang in einer fremden Welt sowie nach Möglichkeiten eines emanzipierten Zusammenlebens. Benedikt Brachtel hat für die Produktion Arrangements aus Haydns »Die Schöpfung« mit Neukompositionen und musikalischen Ideen der Jugendlichen verbunden.

Štorman in Bremen: Das schweigende Mädchen

Nach der Lektüre des »feinsinnigen, aber eigentlich nicht bühnengeeigneten Text der Vorlage« staunt Christine Gordy auf Radio Bremen «daß man daraus so lebendiges Theater machen«. Gerade erst hat der NSU-Untersuchungsausschuss in Brandenburg seinen Abschlussbericht vorgelegt und kommt zu dem kaum überraschenden Ergebnis: Ein Versagen des Verfassungsschutzes sei nicht nachzuweisen. Und mitten in die behördliche Sehnsucht, diese Geschichte zu den Akten zu legen, prallt die Nachricht vom rechtsradikalen Politiker-Mörder in Hessen. Mit »Das schweigende Mädchen« hat Elfriede Jelinek einen Text voll rasender und leider auch tagesaktueller Fassungslosigkeit über die Verbrechen des NSU geschrieben. Ihre Auseinandersetzung mit der unaufgearbeiteten politischen und gesellschaftlichen Schuld hat Marco Štorman nun zum Ende der Saison am Theater Bremen inszeniert. Zuletzt arbeitete Štorman in Stuttgart, wo seine von der Kritik begeistert besprochene Inszenierung der Oper »Nixon in China« entstanden ist, in der er sich mit historischen und medialen Bedingungen der Repräsentation von (staatlicher) Macht auseinandersetzte. 

Neuigkeiten
Spitzenförderung für Hofmann & Lindholm und SEE!

Seit 2000 realisieren Hannah Hofmann und Sven Lindholm gemeinsam interdisziplinäre Projekte an der Schnittstelle zwischen Theater und Bildender Kunst. Zum dritten Mal wurde ihnen jetzt die Spitzenförderung des Landes NRW im Bereich Theater zugesprochen. In der Jurybegründung heißt es: »Hofmann & Lindholm prägen seit nunmehr 20 Jahren das, was in Theater und Performance passiert und setzen bundesweit neue Impulse. Hofmann & Lindholm zählen zu den wichtigsten Theatermacherinnen und -machern des Landes.« Neu im Programm der Spitzenförderung sind SE Struck und Alexandra Knieps, die als SEE! zusammenarbeiten. Die Jury meint: SEE! arbeitet daran das »Dispositiv des Theaters zu befragen und mitunter zu verschieben. SEE! [arbeitet] mit hoher Eigenständigkeit und jenseits des Marktes an aufwendigen wie beeindruckenden Bühnenprojekten, die sich durch ihre sprachliche Qualität, choreografische Poesie und außergewöhnliche räumliche Setzungen auszeichnen.« Wir freuen uns mit diesen großartigen Künstler*innen!

Schweizer Theaterpreis für Thom Luz

Mit THE FIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY ist der Regissuer Thom Luz gerade zum dritten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Ende April wurde ihm außerdem der Schweizer Theaterpreis verleihen. In der Jurybegründung heißt es: »Ein einzelner Scheinwerfer und ein alter Spiegel, der den Lichtkegel in die Dunkelheit zurückwirft: So wenig genügt Thom Luz, um sein Publikum staunen zu lassen. Sein Theater [...] ist von Geistern, Nebeln, Kerzenflackern und immer wieder von betörender Musik bewohnt. Ein Theater, das der schwerfälligen Bühnenmaschinerie und dem altmodischen Klavier leichtfüssigen Zauber abringt. Der Mensch ist in diesen Stücken immer ein Halt suchender, inmitten der Flüchtigkeit des Lebens. Luz schafft es, diesen im Grunde beunruhigenden Zustand in schwebende Leichtigkeit zu verwandeln. Dafür danken wir.«

Hermann-Sudermann-Preis für Nora Abdel-Maksoud

Das »Witzigste, was derzeit auf Schweizer Bühnen zu sehen ist« (Tagesanzeiger), gibt es nun endlich auch in Deutschland. Nora Abdel-Maksouds »humorvolle Abrechnung mit dem Dunstkreis der Kreativen« (nachtkritik), die Kleinstadt-Chose CAFÉ POPULAIRE, erlebte am 20.04. am Schauspiel Stuttgart ihre Deutsche Erstaufführung. Am 27.04. eröffnete sie damit Festival radikal jung in München. Nach einem Auftritt beim Schweizer Theatertreffen (25.05.) kommt die Produktion Anfang Juni nach Berlin: Abdel-Maksoud ist damit zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater eingeladen und erhält den alle zwei Jahre vergebenen Hermann-Sudermann-Preis für »herausragende Leistungen im Bereich der deutschsprachigen Dramatik«. Vorstellungen sind für den 04. und 05. Juni angesetzt.