Jaroslav Rudiš: Die Geschichte und das Leben

Jaroslav Rudiš' Romane, Hörspiele und Theatertexte sind witzig, kritisch, politisch, irritierend, poetisch, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch – kurzum: literarischer Rock’n’ Roll. Sie spielen virtuos und sprachgewandt mit Klischees und gehen in die Nahaufnahme von Verlieren, von Schlägern, Säufern, Pöblern. Dabei entwerfen sie große Bilder der europäischen Geschichte. Mit »Winterbergs letzte Reise« hat der tschechische Autor nun seinen ersten Roman in deutscher Sprache geschrieben (Luchterhand, 2019), der für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Die ungewöhnliche Roadnovel ist ein »großer europäischer Roman« (NDR Kultur), der den 99-jährigen Deutschen Wenzel Winterberg und seinen tschechischen Sterbehelfer Jan Kraus auf einer aberwitzigen und melancholischen Zugfahrt durch verschneite Landschaften begleitet: Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest mitten durch die bewegte Geschichte Mitteleuropas. Dabei verbinden sich Erinnerungen an Winterbergs Familie und seine Berichte über historische Ereignisse zu einer »grotesken« Erzählung mit »uferlosem Schwung« (NZZ).
Mit zärtlichem Gespür für skurrile Charaktere und verfahrene Situationen hat Rudiš schon in früheren Arbeiten die Durchdrungenheit individueller Lebensgeschichten mit der europäischen Historie in den Blick genommen und zu ausufernden Gebilden eines Realismus mit grotesken Elementen verwoben. Dafür werden in seinen Texten die Grenzen zwischen den großen und den vermeintlich unbedeutenden Schauplätzen der Geschichte durchlässig, um den Ungereimtheiten und Eingenheiten der Lebensgeschichten seiner Protagonisten Platz zu geben.
In seinem Roman NATIONALSTRAßE schlüpft Rudiš in den Kopf und den Körper eines Schlägers. Der Monolog, der sich entschlossen der Hässlichkeit und der Verzweiflung eines Verlorenen der Prager Vorstadt widmet, wird nach der deutschsprachigen Erstaufführung am Theater Bremen (2017) im September 2019 am Hans-Otto-Theater in Potsdam erneut inszeniert. Sein aktuelles Stück BÖHMISCHES PARADIES spielt in einer Sauna, genauer gesagt – in einer Männersauna. Dort treffen sich wöchentlich Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlichster Berufe zum gemeinsamen Schwitzen und für den überlebensnotwendigen Austausch über ihre Wünsche und Sorgen. Die Uraufführung fand am 15. Februar am Theater Bautzen statt (weitere Termine im April und Mai).
Derzeit arbeitet Rudiš an einem neuen Stück für das Staatstheater Dresden, das in der Spielzeit 2019/20 zur Uraufführung kommen wird.

Für die Verleihung des Preises der Leipziger Buchmesse am 21. März drücken wir die Daumen!

Große Sonate: Das Imperium des Schönen

Das Drama unserer eigentlich so luxuriös ausgestatteten Leben kann wohl kaum ein Autor seiner Generation so präzise in vermeintlich harmlose Dialoge verpacken, die sich an Nebensächlichkeiten entzünden und innerhalb weniger Repliken zu monströsen Alltags-Apokalypsen anwachsen, aus denen es scheinbar keinen Ausweg mehr für die Beteiligten geben kann. Mit DAS IMPERIUM DES SCHÖNEN meldet sich Nis-Momme Stockmann nach längerer Theaterabstinenz mit einem fulminanten Konversationsstück zurück, das am 31. Januar am Stuttgarter Schauspiel zur Uraufführung kam. Mit dem explosiven Drama um die Unvereinbarkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe, die bei einer nicht einmal auf den ersten Blick harmlosen Familienreise nach Japan aufeinander prallen, gelingt Stockmann »ein Stück in oft atemlosem, glänzendem Neudeutsch, virtuos gebaut wie eine große Sonate mit allerhand Scherzi, Tiefgang und Tempo« (Stuttgarter Nachrichten). Wieder einmal zeigt sich, dass der Kampf um das eigene Wertesystem im Privaten mit der gleichen Unbarmherzigkeit ausgetragen wird wie im globalen Maßstab. Die Konfrontation mit einer fremden Kultur, die mit ganz eigenen sozialen Codes funktioniert, wirkt als Brandbeschleuniger für eine fragile Familienkonstellation. Die Situation eskaliert, Weltbilder geraten auf den Prüfstand – am Ende liegen alle Gewissheiten in Scherben. Die Süddeutsche Zeitung resümiert nach der Uraufführung: »Diesen kühlen Text der starken Emotionen sollte man genau so spielen, wie er da steht.«

Brodowsky: auf der Höhe des Diskurses

Mit seinem aktuellen und zur Uraufführung freien Stück DAS INNERE JAHRHUNDERT tritt Paul Brodowsky in eine hochaktuelle und dringend notwendige Auseinandersetzung mit einem Teil des dramatischen Erbes, das an den deutschen Stadt- und Staatstheatern gespielt wird. Ganz auf der Höhe des Diskurses erzählt Brodowsky eine fiktive und in den Geschlechterrollen verdrehte Wedekind-Biographie, mit der er gleichzeitig den irrwitzigen und klugen Versuch unternimmt,  eine im höchsten Maße verwirrende und fordernde Bestandsaufnahme zu formulieren. Auf einer Zeitachse von 1918 bis 2018 scheitern Frank Wedekind und ihr Mann Till an den unentwirrbaren Themen des Miteinanders, der Erotik, der Gleichberechtigung und der schönen Kunst. Brodowskys Text begleitet die Wedekinds kurz vor Frankas Tod auf eine letzte Gastspielreise und dokumentiert ihre großen und kleinen Wehwechen. Vor dem Hintergrund des zertrümmerten Europas rekonstruiert er dabei eine Gesellschaft in Bewegung. Doch sind Wedekinds Figuren wirklich so emanzipiert, wie manch ein Stadttheaterregisseur sie gerne hätte? Was würde die Geschichte erzählen, wäre Wedekind gar kein Mann gewesen, sondern eine Franka? Und seine Tilly – vielleicht ein Till? Was zunächst wie ein Taschenspieltrick daherkommt, entpuppt sich bald als ein kaum zu überblickendes Spiel mit einstudierten Identitäten und überlieferten Hierarchien, das einige althergebrachte Selbstverständlichkeiten als Absurditäten der Geschichte entlarvt. 

Berliner Theatertreffen: 5 out of 10 ... again!

Nach dem Jahrgang 2017 werden auch zum diesjährigen Theatertreffen Berlin erneut fünf Produktionen von Künstlern eingeladen, die wir die Freude haben zu vertreten. 2017 waren neben den auch in diesem Jahr geladenen Regisseuren Thom Luz, Ersan Mondtag und Ulrich Rasche auch Milo Rau und Kay Voges mit dabei. 2019 fahren auch der Autor PeterLicht mit der Uraufführung seines TARTUFFE (Regie: Claudia Bauer) sowie Christopher Rüping mit seinem megalomanen Projekt DIONYSOS STADT (Münchner Kammerspiele) nach Berlin. Die eingeladenen Produktionen im Einzelnen: DAS INTERNAT von Ersan Mondtag (Bühne, Kostüm, Regie), mit Texten von Alexander Kerlin und Matthias Seier (Theater Dortmund). DIONYSOS STADT von Christopher Rüping  (Kammerspiele München). GIRL FROM THE FOG MACHINE FACTORY von Thom Luz, eine Produktion von Thom Luz und Barnetta Theaterproduktionen sowie diversen Koproduzenten. DAS GROßE HEFT, Bühne und Regie von Ulrich Rasche (Staatsschauspiel Dresden) und TARTUFFE ODER DAS SCHWEIN DER WEISEN von PeterLicht, Regie von Claudia Bauer (Theater Basel). Wir gratulieren allen Beteiligten zu ihrem großartigen und kontinuierlichen Erfolg!

Neuigkeiten
Ehrendoktorwürde für Milo Rau

Wie die Lunds Universitet Malmö vergangene Woche bekannt gab, wird Milo Rau erster Ehrendoktor der Fakultät für bildende Kunst und Performance. Die Lunds Universität, die unter anderem Thomas Mann und Kofi Annan mit dem Ehrendoktor auszeichnete, begründet die Ernennung eines der ›einflussreichsten und provokativsten Theater- und Filmregisseurs unserer Zeit‹ wie folgt: »Raus Kunst beschränkt sich nicht auf Regie, sondern beinhaltet auch eine Weiterentwicklung der Sozialanalyse, der Interaktion mit dem Publikum und der Arbeit des Schauspielers. Als Autor und weltweit Vortragender analysiert Rau das Theater unter anderem mit den Mitteln der Soziologie und der Kulturtheorie. Als künstlerischer Leiter des NTGent hat er ein Manifest veröffentlicht, das die zukünftige Rolle der Institutionen in den Darstellenden Künsten umreißt und kollaboratives Arbeiten sowie die Inklusion neuer Stimmen als mögliche Alternative zum aktuellen System fordert.« Wir gratulieren sehr herzlich!

Falk Richter wird Professor in Kopenhagen

Ab dem 1. März 2019 übernimmt Falk Richter eine Professur für »Performing Arts« an der Danish National School of Performing Arts in Kopenhagen. Richter wird eine eigene internationale Masterclass leiten, deren Unterricht in Kopenhagen, Berlin und Hamburg stattfinden wird. Weitere internationale Kooperationen sind für die nächsten Jahre geplant. Die zunächst auf 5 Jahre angelegte Professur richtet sich an internationale Nachwuchskünstler*innen, die eigene Projekte an der Schnittstelle von neuer Dramatik, Performance, Tanz, Videokunst, Live-Musik sowie sozialer und politischer Forschung entwickeln wollen - entweder als Autoren, Regisseure oder durch kollektive, künstlerische Kooperationen.

Anta Helena Recke und Nora Abdel-Maksoud bei »radikal jung«

Anta Helena Recke (»Angstpiece«, mit Julia*n Meding, sophiensaele Berlin) und Nora Abdel-Maksoud (CAFÉ POPULAIRE, Theater Neumarkt Zürich) sind zum Festival »radikal jung« nach München eingeladen. Für beide ist es nicht die erste Nominierung bei diesem Festival für junge Regie. Abdel-Maksoud ist nach 2014 (KINGS) und 2017 (THE MAKING OF) bereits zum dritten Mal dabei, Anta Helena Recke nach 2018 (Mittelreich) zum zweiten Mal in Folge. Wir gratulieren diesen beiden großartigen Künstlerinnen!

THE MAKING OF in NYC

Nora Abdel-Maksouds viel beachtetes und am Berliner Maxim Gorki Theater hoch und runter gespieltes Stück THE MAKING OF ist zum »PEN World Voices International Playwrights Festival 2019« eingeladen, das vom 6.-9. Mai 2019 in New York stattfinden wird. Das Stück wird auf dem Festival in einer szenischen Lesung präsentiert. Die Inszenierung, für die Abdel-Maksoud ebenfalls verantwortlich zeichnet, wurde 2017 mit dem Kurt-Hübner-Preis für Regie ausgezeichnet und im selben Jahr zum Festival »radikal jung« eingeladen.

Anne Lepper gewinnt Kinder- und Jugenddramatikerpreis

Anne Lepper hat den mit 2000 Euro dotierten 21. Niederländisch-Deutschen Kinder- und Jugenddramatikerpreis gewonnen, der am 17.2. im Rahmen des Festivals »Kaas & Kappes« in Duisburg verliehen wurde. In der Jurybegründung heißt es, ihr Text MAXIM sei ein sprachliches »Meisterwerk« über die strapaziöse und aufregende Reise zweier unangepasster und eigensinniger Kinder mit ihren tierischen Begleitern, das, mit (musikalischen) Zitaten von Trude Herr, Krafwerk und Adorno gespickt, nicht nur Kinder zum Nachdenken bringe: »Man möchte dieses Stück auf der Bühne sehen.« Die Gelegenheit dazu gibt es wieder am 13. und 14. März am Theater Dortmund. Wir gratulieren der Preisträgerin!