Triumph einer Oper über die Geschichte

An der Staatsoper Stuttgart gelingt Marco Štorman mit seiner begeistert besprochenen Interpretation der Oper »Nixon in China« (Komposition: John Adams) »eine der intelligentesten Inszenierungen, die derzeit auf Opernbühnen zu erleben ist« (SWR 2).

»We came in peace for all mankind« – das ist nicht nur die Inschrift, die die US-amerikanische Besatzung der Apollo 11 im Jahr 1969 auf dem Mond hinterließ. So lautete auch Richard Nixons Motto für seinen Staatsbesuch in China drei Jahre nach dem siegreichen Run auf den Himmelskörper. Die Mondlandung wie der Besuch im Fernen Osten: US-amerikanische Mythen kosmischen Ausmaßes, getragen von medialen Repräsentationen, Bildern von staatstragender Größe auf allen Kanälen. Von der zweifelhaften Macht der Bilder erzählt auch Štormans kluge Interpretation, die auf allzu offensichtliche Aktualisierungen verzichtet – die liegen ohnehin auf der Hand.

Seine Inszenierung befragt vielmehr »sorgsam, opulent und aufmerksam« (Frankfurter Rundschau) die Bedingungen und Effekte der Inszenierung selbst und setzt so auf der Bühne der Geschichte kongenial die Machtspiele aktueller Politik in Szene. In Štormans »so fulminante[r] wie aberwitzige[r] Revue auf einem revolutionären Blutmond« würde »Politik als Kunst der Auslöschung von Menschen und Selbstzweifeln« vorgeführt, schreibt BR-klassik und resümiert: »Wahnsinn, diese Oper, triumphal diese Deutung.« 

Štormans »kluge und zupackende« Regie, das hervorragende Ensemble, die »spektakulären Kostüme« (von Sara Schwartz) und »perfekt eingepaßten Videos«, begeisterten in Stuttgart das Publikum, »das am Ende des […] immerhin fast vierstündigen Abends längere Zeit jubelte« (FR). Und Reinhard Brembeck bemerkt in der SZ, die Inszenierung würde als »eine große Befreiungstat von den gewohnten Zwängen und Usancen des europäischen Musiktheaters bejubelt: Diese Musik bewahrt sich bei all ihrer Zugänglichkeit ein nicht zu entschlüsselndes Geheimnis.«
Die nächsten Aufführungen von »Nixon in China« an der Staatsoper Stuttgart finden am 20. April sowie am 3., 9. und 11. Mai 2019 statt.

Štormans nächste Arbeit, eine Inszenierung von Elfriede Jelineks »Das schweigende Mädchen«, entsteht am Theater Bremen. Premiere dort ist am 14. Juni 2019.

Die nächsten Premieren des Frühlings

Der Frühling hält noch einige aufregende Termine parat: Am 20. April feiert Gordon Kämmerers Inszenierung von Bernhard Studlars NACHT OHNE STERNE (DE) am Schauspiel Leipzig Premiere. Kämmerer hat dafür auch die Bühne entworfen, von Josa Marx stammen die Kostüme. Christian Weises Inszenierung von Molières Komödie »Der Bürger als Edelmann« hat am am 27. April am Staatstheater Darmstadt Premiere. Am Tag danach wird Maxi Obexers Text »Dritte Generation« in der Regie von Clemens Bechtel am Staatstheater Wiesbaden uraufgeführt. Die neue Zusammenarbeit von Malte Jelden und Björn Bicker - LEHRER*INNEN - kommt am 04. Mai im Bochumer Stadtraum zur Uraufführung. Auch Markus Heinzelmann hat (zusammen mit Bo Wiget) ein neues Stück entwickelt: »Sgt. Pepper's Lonely Hearts Come Back« feiert am 11. Mai Premiere. Nach ihren von der Kritik gefeierten Arbeiten in Karlsruhe und Köln inszeniert Lily Sykes Tschechows »Drei Schwestern« in Lübeck, die Premiere ist am 17. Mai. An der Berliner Volksbühne inszeniert Pınar Karabulut die Uraufführung von Katja Brunners »Die Hand ist ein einsamer Jäger«. Weitere Premieren im schönen Monat Mai folgen von Thorleifur Örn Arnarsson, Ersan Mondtag, Roscha A. Säidow...

Große Sonate: Das Imperium des Schönen

Das Drama unserer so luxuriös ausgestatteten Leben kann wohl kaum ein Autor so präzise in vermeintlich harmlose Dialoge verpacken, die sich an Nebensächlichkeiten entzünden und innerhalb weniger Repliken zu monströsen Alltags-Apokalypsen anwachsen, aus denen es keinen Ausweg mehr zu geben scheint. Mit DAS IMPERIUM DES SCHÖNEN meldet sich Nis-Momme Stockmann nach längerer Theaterabstinenz mit einem fulminanten Konversationsstück zurück. Mit seinem Drama um die Unvereinbarkeit unterschiedlicher Lebensentwürfe, die bei einer Familienreise nach Japan aufeinander prallen, gelingt Stockmann »ein Stück in oft atemlosem, glänzendem Neudeutsch, virtuos gebaut wie eine große Sonate mit allerhand Scherzi, Tiefgang und Tempo« (Stuttgarter Nachrichten). Wieder einmal zeigt sich, daß der Kampf um das eigene Wertesystem im Privaten mit der gleichen Unbarmherzigkeit ausgetragen wird wie im globalen Maßstab. Die Konfrontation mit einer fremden Kultur, die mit ganz eigenen sozialen Codes funktioniert, wirkt als Brandbeschleuniger für eine fragile Familienkonstellation. Die Situation eskaliert, Weltbilder geraten auf den Prüfstand – am Ende liegen alle Gewissheiten in Scherben. Die Süddeutsche Zeitung resümiert nach der Uraufführung: »Diesen kühlen Text der starken Emotionen sollte man genau so spielen, wie er da steht.«

Ersan Mondtag in Brüssel und Wien

Gleich zwei neue Inszenierung von Ersan Mondtag feiern im Mai Premiere: Mit DE LIVING entwickelt Mondtag seine erste Arbeit für das Kunstenfestivaldearts in Brüssel. Darin geht es um die letzten Momente vor dem Selbstmord einer Frau. Von diesen letzten Szenen ihres Lebens ausgehend spinnt die Inszenierung Fäden in die koloniale Vergangenheit Europas, spannt ihren Horizont auf zwischen individueller Depression, nicht zu vergeltender Schuld und totgeschwiegenem Leid. Nachdem er bereits für die Uraufführung von Sibylle Bergs »Wonderland Ave.« am Schauspiel Köln verantwortlich zeichnete, übernimmt Mondtag auch die Erstaufführungsinszenierung ihres neuen Stücks. Das »Hass-Tryptichon - Wege aus der Krise« feiert seine Premiere bei den Wiener Festwochen am 24.05. Die Inszenierung erzählt in aberwitzig-brutalen Szenen von Missgunst, Ressentiments, Zorn und Zerstörungswut, die sich durch alle Gesellschaftsschichten ziehen. Ob Hausfrauen oder Schwule, Alte und Junge, Migrant*innen und Einheimische – sie morden und vergewaltigen. Als zentrale Figur der Inszenierung beschreibt und kommentiert ein Hassmaster das Geschehen. Stellt er am Ende auch die Frage: Wieviel Hass ist genug?

Neuigkeiten
Hans-Gratzer-Stipendium vergeben

Für seinen Stückentwurf »Angstbeißer« erhält Wilke Weermann das Hans-Gratzer-Stipendium des Schauspielhaus Wien. Damit verbunden ist eine Uraufführung des Textes, die 2020 am Schauspielhaus Premiere feiern wird. Die fünf Finalist*innen - neben Weerman: Svenja Viola Bungarten, Philipp Gärtner, Annika Henrich und Johannes Koch - die gemeinsam einen Workshop unter der Leitung von Nis-Momme Stockmann besuchten, gaben bekannt, das Preisgeld von 5000 Euro zu gleichen Anteilen untereinander aufzuteilen. In einem gemeinsam verfassten Schreiben, bringen sie ihre Hoffnung zum Ausdruck, damit eine breitere Diskussion über die Förderung junger Dramatik jenseits von Prekarisierung und Konkurrenzkampf anzuregen.

Orestes in Mossul: Premiere am NTGent

Die Orestie ist nicht nur eine der größten Tragödien die uns aus der Antike erreicht hat, sondern ist auch ein großer Mythos über die Grundlagen einer Gesellschaft, in der das Prinzip der Blutfehde, der endlose Kreislauf der Rache - Auge um Auge, Zahn um Zahn – von den Prinzipien von Gerechtigkeit, Integration und Versöhnung abgelöst wird. Milo Rau ist mit einem internationalen Ensemble in die irakische Stadt Mossul gereist, in der 2014 das Dschihad-Kalifat des IS erklärt wurde. Dort fand im März die Uraufführung des Rechercheprojekts »Orestes in Mossul« statt. Am 17.04. feiert die Produktion ihre Premiere am NTGent.

Michael von zur Mühlen wird Bertolt Brecht Gastprofessor

Seit 2017 fördert die Bertolt Brecht Gastprofessur am Centre of Competence for Theatre (CCT) der Universität Leipzig den nachhaltigen Theorie-Praxis Transfer zwischen Wissenschaften und Künsten sowohl in der Lehre an der Universität als auch im öffentlichen Diskurs der Stadt Leipzig. Im Sommermester 2019 wird Michael von zur Mühlen die Gastprofessur übernehmen: »Er ist einer der spannendsten Regisseure des gegenwärtigen Sprech- wie Musiktheaters mit internationaler Wirkung und Ausstrahlung. Seine Produktionen haben einen besonderen Bezug zu Bertolt Brecht, dessen Dramen und Opern er seit über 10 Jahren immer wieder inszeniert«, heißt es in der Begründung des CCT. Aus Anlass seines Antritts findet am Dienstag, 16. April 2019 ein Empfang der Stadt Leipzig und des CCT mit Michael von zur Mühlen im Neuen Rathaus in Leipzig statt. Neben einem Vortrag von Michael von zur Mühlen selbst gibt es ein live improvisiertes Brecht Mashup mit dem Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer und dem Musiker und DJ Enrico Meyer.

3sat-Preis für Ersan Mondtag

Der Theaterregisseur Ersan Mondtag erhält den mit 10.000 Euro dotierten 3sat-Preis beim diesjährigen Theatertreffen für seine Inszenierung DAS INTERNAT (Schauspiel Dortmund). In der Begründung der Jury heißt es: »Ersan Mondtag zeigt sich in ›Das Internat‹ einmal mehr als bildmächtiger Regisseur, der gekonnt mit den Ängsten der Zuschauer spielt. Märchen- und Horrormotive und ihre vielfältigen Assoziationsmöglichkeiten verknüpft er zu einer spektakulären Feier des Unheimlichen. Kongenial verbindet er Regie, Bühne und Kostüm zu einer Installation der Angst, einem Diorama der Unterdrückung«. Seit 1997 vergibt 3sat als Medienpartner des Berliner Theatertreffens jährlich den 3sat-Preis für eine künstlerisch innovative Leistung an eine/n oder mehrere Künstlerinnen und Künstler aus dem Kreis der eingeladenen Ensembles. Bisherige Preisträger*innen waren unter anderen Wiebke Puls, Milo Rau, Herbert Fritsch, Sandra Hüller und Christoph Schlingensief. Wir gratulieren sehr herzlich!

Anta Helena Recke und Nora Abdel-Maksoud bei »radikal jung«

Anta Helena Recke (»Angstpiece«, mit Julia*n Meding, sophiensaele Berlin) und Nora Abdel-Maksoud (CAFÉ POPULAIRE, Theater Neumarkt Zürich) sind zum Festival »radikal jung« nach München eingeladen. Für beide ist es nicht die erste Nominierung bei diesem Festival für junge Regie. Abdel-Maksoud ist nach 2014 (KINGS) und 2017 (THE MAKING OF) bereits zum dritten Mal dabei, Anta Helena Recke nach 2018 (Mittelreich) zum zweiten Mal in Folge. Wir gratulieren diesen beiden großartigen Künstlerinnen!