Azar Mortazavi: Stille Nachbarn in München

Wie weit muß man gehen, um fremd zu sein, fremd zu werden, sich fremd zu fühlen? Manchmal reicht schon der Weg ins gemeinsame Schlafzimmer, oder quer über den Flur. Ein ander Mal ist selbst ein Meer nicht breit genug, um die innigste Verbundenheit zu kappen.

Von dem, was uns auseinandertreibt, aber ebenso von der Sehnsucht, die uns wieder zueinander hinführt, spricht Azar Mortazavis neues Stück STILLE NACHBARN. Von Einzelschicksalen, die sich partout nicht in Statistiken einfangen lassen wollen. Von der großen Welt, die in die kleinste eindringt, und umgekehrt von dem Persönlichsten, aus dem Gesellschaft, Politik und Zeitgeschichte erst erwachsen.

Azar Mortazavi erzählt uns einen Mikrokosmos von vier Menschen, die wie einsame Planeten zu ihrem je eigenen Weg verdammt scheinen, während sie unvermeidlich die Bahnen der anderen beeinflussen, diese kreuzen und dabei manchmal kollidieren. Die eine hat Streß mit ihrer Mutter, die andere hat Streß mit ihrem Freund. Der wiederum hat Streß mit all den Leuten, die Streß haben, weil er so aussieht, wie er aussieht. Und das ist erst der Anfang. Das ist noch gar nichts!

Azar Mortazavis ebenso poetischer wie präziser Text zeichnet das Sittengemälde einer Gesellschaft, die sich im Wandel befindet, die um ein neues Selbstverständnis ringt, während sie zwischen sehr neuen und sehr alten Herausforderungen aufgerieben zu werden droht. Eindrucksvoll führt die Autorin vor Augen, wie schwer es ist, unser Gegenüber tatsächlich wahrzunehmen, und wie wir gerade dann verstummen, wenn wir am lautesten schreien.

Die Uraufführung am 25. Januar am Münchner Residenztheater inszeniert der junge Regisseur Aureliusz Smigiel.

Brodowsky: auf der Höhe des Diskurses

Mit seinem aktuellen und zur Uraufführung freien Stück DAS INNERE JAHRHUNDERT tritt Paul Brodowsky in eine hochaktuelle und dringend notwendige Auseinandersetzung mit einem Teil des dramatischen Erbes, das an den deutschen Stadt- und Staatstheatern gespielt wird. Ganz auf der Höhe des Diskurses erzählt Brodowsky eine fiktive und in den Geschlechterrollen verdrehte Wedekind-Biographie, mit der er gleichzeitig den irrwitzigen und klugen Versuch unternimmt,  eine im höchsten Maße verwirrende und fordernde Bestandsaufnahme zu formulieren. Auf einer Zeitachse von 1918 bis 2018 scheitern Frank Wedekind und ihr Mann Till an den unentwirrbaren Themen des Miteinanders, der Erotik, der Gleichberechtigung und der schönen Kunst. Brodowskys Text begleitet die Wedekinds kurz vor Frankas Tod auf eine letzte Gastspielreise und dokumentiert ihre großen und kleinen Wehwechen. Vor dem Hintergrund des zertrümmerten Europas rekonstruiert er dabei eine Gesellschaft in Bewegung. Doch sind Wedekinds Figuren wirklich so emanzipiert, wie manch ein Stadttheaterregisseur sie gerne hätte? Was würde die Geschichte erzählen, wäre Wedekind gar kein Mann gewesen, sondern eine Franka? Und seine Tilly – vielleicht ein Till? Was zunächst wie ein Taschenspieltrick daherkommt, entpuppt sich bald als ein kaum zu überblickendes Spiel mit einstudierten Identitäten und überlieferten Hierarchien, das einige althergebrachte Selbstverständlichkeiten als Absurditäten der Geschichte entlarvt. 

Jessica Glause inszeniert Grossmann in Frankfurt

Mit der Deutschsprachigen Erstaufführung des Bestsellers »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« von David Grossmann beginnt das neue Jahr für Jessica Glause am Schauspiel Frankfurt. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Alexander Leiffheidt hat die Regisseurin den Stoff für die Bühne bearbeitet. Ora flieht vor einer möglichen (Todes)Nachricht: Ihr Sohn ist freiwillig in den Krieg gezogen. Indem sie nicht erreichbar ist, hofft sie ihren Sohn Ofer zu beschützen und ihn in ihren Erinnerungen geborgen zu halten. David Grossman, dessen Sohn Uri 2006 im Libanon fiel, beschreibt in seinem Werk die existentielle Verstrickung von Leben und Politik, die scheinbar unheilbaren Wunden des Nahost-Konflikts und die Möglichkeit einer Hoffnung auf Frieden. Mit Ora hat er eine der faszinierendsten Frauenfiguren der modernen Literatur erschaffen. Jessica Glause wird auch in den kommenden zwei Spielzeiten am Schauspiel Frankfurt inszenieren. Im Frühjahr 2019 kehrt sie für die inzwischen dritte Regie-Arbeit an die Bayerische Staatsoper München zurück. Nach den Uraufführungen NOAH und MOSES wird sie erneut und unter dem Titel EVA UND ADAM mit einem multikulturellen jungen Ensemble arbeiten. Für die musikalische Leitung zeichnet Beni Brachtel verantwortlich. 

Dr. Alici: Bach und Mondtag in München

Olga Bach und Ersan Mondtag sind ein Erfolgsteam. Mit ihrer ersten gemeinsamen abendfüllenden Arbeit DIE VERNICHTUNG wurden die beiden zu Deutschlands wichtigsten Autoren- und Regie-Festivals eingeladen, Ersan Mondtag wurde u.a. zum »Kostüm- sowie Bühnenbildner des Jahres« gekürt, Olga Bach war 2017 »Nachwuchsautorin des Jahres«. DAS ERBE wiederum war die erste Zusammenarbeit des Duos an den Münchner Kammerspielen, der nun mit DR. ALICI - einer sehr eigenen Schnitzler-Paraphrase - eine weitere Arbeit (diesmal im Großen Haus) folgt. Olga Bach greift in ihrem Stück die Konflikte und Fragen Arthur Schnitzlers auf und übersetzt sie in die Gegenwart. Wo verlaufen heute die Konfliktlinien zwischen Ethik und Politik? Wie weit sind Menschen bereit für ihre Karriere zu gehen? Das Krankenhaus wird zum Polizeipräsidium, und Professor Bernhardi zu Doktor Alıcı. Ein Mann wird zur Frau, das Judentum wird zum Islam. Die Konflikte verlaufen nicht gleich, genauso wenig wie sich die Vergangenheit wiederholt – aber die schleichende Veränderung des menschlichen Zusammenlebens und Zusammenarbeitens, die subtilen Mechanismen, mit denen Rassismus gesellschaftsfähig wird und die Korruption des Politikbetriebs finden ihr zeitgenössisches Pendant in DOKTOR ALICI. Am 24. Januar inszeniert Ersan Mondtag die Uraufführung.

Neuigkeiten
Das böhmische Paradies nach Jaroslav Rudiš

Jaroslav Rudiš ist der derzeit in Deutschland bekannteste tschechische Schriftsteller. Sein Stück BÖHMISCHES PARADIES  spielt in einer Sauna, genauer gesagt – in einer Männersauna. Dort treffen sich wöchentlich Männer unterschiedlichen Alters und unterschiedlichster Berufe zum gemeinsamen Schwitzen und Schwatzen. Die Uraufführung des von Mirko Kraetsch übersetzten Dramas findet am 15. Februar am Theater Bautzen statt, Stefan Wolfram inszeniert. Jaroslav Rudiš zeichnet in seinen Texten mit Ironie und feinem Gespür für die Alltagsängste der Menschen die Gesellschaft anhand von besonderen Typen, die häufig Opfer tragikomischer Ereignisse sind. Dabei begibt er sich gern in den Untergrund und an die Ränder von Orten, Zeiten und Leben, um einen umso schärferen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. So sind seine Bücher cool, witzig, kritisch, politisch, poetisch, widerständig, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch – kurzum: literarischer Rock’n’ Roll. Nachdem sein kurzer Roman NATIONALSTRAßE u.a. am Staatsschauspiel Dresden aufgeführt wurde, schreibt Rudiš nun im Auftrag der Dresdner für die Spielzeit 2019/20 ein neues Stück. Am 25. Februar erscheint mit »Winterbergs letzte Reise« ein neuer Roman von Jaroslav Rudiš  bei Luchterhand. 

Gordon Kämmerer reüssiert mit »Tartuffe« in Dortmund

Der junge Regisseur Gordon Kämmererinszeniert regelmäßig am Schauspiel Leipzig  und am Theater Dortmund. Am Dortmunder Haus hat er nun mit »Tartuffe« bereits seine dritte Arbeit im Großen Haus vorgelegt. Von einem »rasanten, scharfsinnigen Abend« schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger. »Knapp anderthalb muntere Stunden braucht Kämmerer für Aufstieg und Fall des moralischen Hochstaplers«. Auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtet von einem »höchst kurzweiligen Abend« mit vielen »starken Momenten«. Kai-Uwe Brinkmann schreibt in den Ruhr-Nachrichten von einer »schrillen, temporeichen Farce, die konsequent mit Lust in die Vollen geht und dabei Hysterie und Energie einer duschgeknallten Sitcom versprüht«. Auch er lobt explizit den Regisseur, der u.a. »mit Kasperletheater und Schmierenkomödie jongliert, das Stück aber immer kurz vor der Vollklamotte« abfange. Im Frühjahr 2019 zeichnet Gordon Kämmerer für seine inzwischen fünfte Leipziger Regie-Arbeit verantwortlich. Er wird dann - u.a. mit seinem Kostümbildner Josa Marx - die Deutsche Erstaufführung von Bernhard Studlars »Nacht ohne Sterne« inszenieren.

Die Premieren im Januar

Mit insgesamt zehn Premieren geht es nach der Weihnachtspause für viele von schaefersphilippen ™ vertretene Künstler*innen direkt in die nächste Runde. Jessica Glause inszeniert in eigener Bearbeitung (gemeinsam mit Alexander Leiffheidt) David Grossmanns Erfolgsroman »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« (11.01.2019, Schauspiel Frankfurt). Nis-Momme Stockmann hat für das Staatstheater Stuttgart (gemeinsam mit den Frankfurter Positionen) das Auftragswerk DAS IMPERIUM DES SCHÖNEN geschrieben. Pinar Karabulut inszeniert das Stück mit Premiere am 16. Januar 2019. Mareike Mikat zeigt am 18. Januar »Draußen vor der Tür« am Theater Konstanz, Christopher Rüping bringt »In der Sache Oppenheimer« am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne. Ersan Mondtag setzt an den Münchner Kammerspielen seine enge Zusammenarbeit mit der Autorin Olga Bach fort, die die Uraufführung DR. ALICI geschrieben hat (UA: 24. Januar 2019). Eine weitere Uraufführung findet am Folgetag auf der anderen Straßenseite statt: Am Residenztheater wird Azar Mortazavis STILLE NACHBARN gezeigt. Am 26. Januar 2019 sind Inszenierungen von Thor Arnarsson (»Faust« am Nationaltheater Oslo, gemeinsam mit Mikael Torfason) und Jan-Christoph Gockel (»Sklaven Leben«, Schauspiel Frankfurt) zu sehen. Marco Štorman kehrt mit »Lulu« an die Oper Bremen zurück, während Lily Sykes mit »Viel Lärm um Nichts« erstmals am Staatstheater Karlsruhe arbeitet.