Das Imperium des Schönen

Mit DAS IMPERIUM DES SCHÖNEN meldet sich Nis-Momme Stockmann nach längerer Theaterabstinenz mit einem fulminanten Konversationsstück zurück. Das Drama unserer eigentlich so luxuriös ausgestatteten Leben kann wohl kaum ein Autor seiner Generation so präzise in vermeintlich harmlose Dialoge verpacken, die sich an Nebensächlichkeiten entzünden und innerhalb weniger Repliken zu monströsen Alltags-Apokalypsen anwachsen, aus denen es scheinbar keinen Ausweg mehr für die Beteiligten geben kann. Das ist ebenso hochkomisch wie tragisch.

Zwei ungleiche Brüder – erfolgreicher Intellektueller der eine, Lebenskünstler der andere – reisen mit ihren Partnerinnen nach Japan. Vier unterschiedliche Lebensentwürfe prallen aufeinander, und wieder einmal zeigt sich, dass der Kampf um das eigene Wertesystem im Privaten mit der gleichen Unbarmherzigkeit ausgetragen wird wie im globalen Maßstab. Die Konfrontation mit einer fremden Kultur, die mit ganz eigenen sozialen Codes funktioniert, wirkt als Brandbeschleuniger. Die Situation eskaliert, Weltbilder geraten auf den Prüfstand – am Ende liegen alle Gewissheiten in Scherben. 

Die unbeschadete Koexistenz zweier Parallelwirklichkeiten ist so alt wie das Sprechen an sich. In der jüngsten Vergangenheit ist diese geradezu paradigmatisch für das gesellschaftliche Plateau des frühen 21. Jahrhunderts geworden, „alternative Fakten“ heißt das Schlagwort der Stunde. Gibt es sie noch, die Wahrheit?

Nis-Momme Stockmanns Text entsteht als Auftragswerk für die Frankfurter Positionen, ein seit 2001 bestehendes interdisziplinäres Uraufführungsfestival, das sich als Forschungslabor zu aktuellen Themen der Zeit versteht. Heute steht die Frage nach den Grenzen der Verständigung im Zentrum. Erschweren das Erstarken politischer und religiöser Fundamentalismen und die Zunahme autoritärer Denkmuster die Kommunikation, weil die Gesellschaft immer weiter auseinanderdriftet? Gibt es noch ein »Wir«, das miteinander spricht?

Jessica Glause inszeniert Grossmann in Frankfurt

Mit der Deutschsprachigen Erstaufführung des Bestsellers »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« von David Grossmann beginnt das neue Jahr für Jessica Glause am Schauspiel Frankfurt. Gemeinsam mit dem Dramaturgen Alexander Leiffheidt hat die Regisseurin den Stoff für die Bühne bearbeitet. Ora flieht vor einer möglichen (Todes)Nachricht: Ihr Sohn ist freiwillig in den Krieg gezogen. Indem sie nicht erreichbar ist, hofft sie ihren Sohn Ofer zu beschützen und ihn in ihren Erinnerungen geborgen zu halten. David Grossman, dessen Sohn Uri 2006 im Libanon fiel, beschreibt in seinem Werk die existentielle Verstrickung von Leben und Politik, die scheinbar unheilbaren Wunden des Nahost-Konflikts und die Möglichkeit einer Hoffnung auf Frieden. Mit Ora hat er eine der faszinierendsten Frauenfiguren der modernen Literatur erschaffen. Jessica Glause wird auch in den kommenden zwei Spielzeiten am Schauspiel Frankfurt inszenieren. Im Frühjahr 2019 kehrt sie für die inzwischen dritte Regie-Arbeit an die Bayerische Staatsoper München zurück. Nach den Uraufführungen NOAH und MOSES wird sie erneut und unter dem Titel EVA UND ADAM mit einem multikulturellen jungen Ensemble arbeiten. Für die musikalische Leitung zeichnet Beni Brachtel verantwortlich. 

Abdel-Maksoud: female Pollesch, nur lustiger

Mit ihren Stücken wurde Nora Abdel-Maksoud zuletzt allerorten gefeiert und wiederholt als ›weiblicher Pollesch‹ bezeichnet. Eine Einordnung, die etwas hinkt und vielleicht gar nicht notwendig ist, da Abdel-Maksoud einen sehr eigenständigen Theateransatz verfolgt. In CAFÉ POPULAIRE (Theater Neumarkt Zürich) beschäftigte sie sich in hochkomischer Form mit aktuellen Klassenbegriffen und dem damit verbundenen Phänomen des Klassismus. Der Tagesanzeiger konstatierte, dies sei »etwas vom Witzigsten, was derzeit auf den Bühnen läuft.« Nachtkritik bezeichnet den Abend als »entwaffnend, entlarvend und präzise« sowie als »sehr lustig und wahnsinnig klug«. Mit THE MAKING OF (Maxim Gorki Theater, Berlin) schrieb die Autorin eine böse Satire über (Theater-)Ideale und unerfüllbare Rollenbilder. Mit THE SEQUEL (ebenfalls Maxim Gorki) hat Maksoud mit »bewundernswertem und im Theater selten zu findendem Scharfblick« (Tagesspiegel) eine Fortsetzung dieser Arbeit geschrieben und inszeniert. Darin verbrennt sich die feministische Regisseurin Gordon am heißesten Eisen, das es derzeit zu schmieden gibt, die Flossen: der allgegenwärtigen Political Correctness, die wie ein Fallbeil jede freie Meinungsäußerung bedroht.

 

Gordon Kämmerer reüssiert erneut in Dortmund

Der junge Regisseur Gordon Kämmerer inszeniert regelmäßig am Schauspiel Leipzig  und am Theater Dortmund. Am Dortmunder Haus hat er nun mit »Tartuffe« bereits seine dritte Arbeit im Großen Haus vorgelegt. Von einem »rasanten, scharfsinnigen Abend« schreibt Ralf Stiftel im Westfälischen Anzeiger. »Knapp anderthalb muntere Stunden braucht Kämmerer für Aufstieg und Fall des moralischen Hochstaplers«. Auch die Westdeutsche Allgemeine Zeitung berichtet von einem »höchst kurzweiligen Abend« mit vielen »starken Momenten«. Kai-Uwe Brinkmann schreibt in den Ruhr-Nachrichten von einer »schrillen, temporeichen Farce, die konsequent mit Lust in die Vollen geht und dabei Hysterie und Energie einer duschgeknallten Sitcom versprüht«. Auch er lobt explizit den Regisseur, der u.a. »mit Kasperletheater und Schmierenkomödie jongliert, das Stück aber immer kurz vor der Vollklamotte« abfange. Im Frühjahr 2019 zeichnet Gordon Kämmerer für seine inzwischen fünfte Leipziger Regie-Arbeit verantwortlich. Er wird dann - u.a. mit seinem Kostümbildner Josa Marx - die Deutsche Erstaufführung von Bernhard Studlars »Nacht ohne Sterne« inszenieren.

 

Neuigkeiten
Die Premieren im Januar

Mit insgesamt zehn Premieren geht es nach der Weihnachtspause für viele von schaefersphilippen ™ vertretene Künstler*innen direkt in die nächste Runde. Jessica Glause inszeniert in eigener Bearbeitung (gemeinsam mit Alexander Leiffheidt) David Grossmanns Erfolgsroman »Eine Frau flieht vor einer Nachricht« (11.01.2019, Schauspiel Frankfurt). Nis-Momme Stockmann hat für das Staatstheater Stuttgart (gemeinsam mit den Frankfurter Positionen) das Auftragswerk DAS IMPERIUM DES SCHÖNEN geschrieben. Pinar Karabulut inszeniert das Stück mit Premiere am 16. Januar 2019. Mareike Mikat zeigt am 18. Januar »Draußen vor der Tür« am Theater Konstanz, Christopher Rüping bringt »In der Sache Oppenheimer« am Deutschen Theater Berlin auf die Bühne. Ersan Mondtag setzt an den Münchner Kammerspielen seine enge Zusammenarbeit mit der Autorin Olga Bach fort, die die Uraufführung DR. ALICI geschrieben hat (UA: 24. Januar 2019). Eine weitere Uraufführung findet am Folgetag auf der anderen Straßenseite statt: Am Residenztheater wird Azar Mortazavis STILLE NACHBARN gezeigt. Am 26. Januar 2019 sind Inszenierungen von Thor Arnarsson (»Faust« am Nationaltheater Oslo, gemeinsam mit Mikael Torfason) und Jan-Christoph Gockel (»Sklaven Leben«, Schauspiel Frankfurt) zu sehen. Marco Štorman kehrt mit »Lulu« an die Oper Bremen zurück, während Lily Sykes mit »Viel Lärm um Nichts« erstmals am Staatstheater Karlsruhe arbeitet.

Thorleifur Arnarsson gewinnt Faust-Preis

Für seine fulminante EDDA-Inszenierung (Schauspiel Hannover) wurde Thorleifur Örn Arnarsson mit dem »Regie-Faust« 2018 ausgezeichnet. Wir gratulieren herzlich! Auch mit seiner aktuellen Regie-Arbeit »Macbeth« sorgt Arnarsson für Aufmerksamkeit: Die Neue Presse sah in der Premiere am 18. Oktober »bildgewaltiges, wirkungsmächtiges Theater« mit »grandios reduziertem Versuchsaufbau«. Statt Figuren erlebt man »Bewußtseinspunktuationen, Facetten eines frappierend modernen Selbst, die Handlung ein einziger Gedankenstrom … Eine düstere, brettharte, fordernde und oft auch überfordernde Inszenierung, gespeist aus schwärzestem Nihilismus.« Für den NDR erkannte Agnes Bührig »Anklänge an die bildende Kunst – und an den Free Jazz.« Stefan Keim faßte seine Eindrücke für Deutschlandfunk Kultur in der Sendung »Fazit« zusammen: »Die Auflösung der Macbeth-Figur ist grandios gemacht. Arnarsson öffnet viele Assoziationsräume in unsere Gegenwart hinein und schafft unglaublich dichte und gruselige Momente.« Arnarsson hat »Lust an den Mythen« und kann »die ganz großen Geschichten erzählen.«

Aspekte-Literaturpreis für Bettina Wilperts »Nichts, was uns passiert«

Bettina Wilpert erhält für ihr Romandebüt »Nichts, was uns passiert« (Verbrecher Verlag, Berlin, 2018) den Aspekte-Literaturpreis 2018. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ist die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingsprosa. Wir gratulieren sehr herzlich! schaefersphilippen vertritt im Namen des Verbrecher Verlages die Bühnenaufführungsrechte an »Nichts, was uns passiert«. In der Begründung der Jury heißt es: »Bettina Wilpert hat für ihr Romandebüt ein äußerst schwieriges Sujet gewählt: Sie begibt sich auf die Spurensuche einer Vergewaltigung. Was hat sich in jener Partynacht zwischen den Studenten Anna und Jonas ereignet? War es richtig, daß Anna sich irgendwann entscheidet, Jonas anzuzeigen? Oder ist Jonas doch unschuldig? In einer Art Vernehmungsprotokoll lässt Bettina Wilpert nicht nur Anna und Jonas sprechen, sondern auch Freunde, Kollegen, Familienangehörige, die in der Beschreibung des Geschehens immer auch etwas über sich selbst verraten. Bei all dem ist Bettina Wilpert eine beeindruckend souveräne Erzählerin, die in knapper, manchmal lakonischer, aber immer zielsicherer Sprache ihren Stoff konzentriert zu arrangieren weiß. Die Handlung ist mit langem Spannungsbogen erzählt. Alle Figuren dürfen der Geschichte angemessen ambivalent und widersprüchlich sein. Die Autorin gibt einem nicht zuletzt durch #MeToo drängend gewordenen Thema unserer Zeit eine literarische Stimme. Dabei gelingt ihr das Kunststück, sich auf keine Seite zu schlagen, und das tut sie in einer stilistisch einzigartigen und konsequenten Weise, die preiswürdig ist.«