Nora Abdel-Maksoud: Die Fortsetzung

Mit ihren Stücken, die sie ausschließlich selbst inszeniert, wurde Nora Abdel-Maksoud zuletzt allerorten gefeiert.

In CAFÉ POPULAIRE, uraufgeführt am Theater Neumarkt in Zürich, beschäftigte sie sich in hochkomischer Form mit aktuellen Klassenbegriffen und dem damit verbundenen Phänomen des Klassismus. Der Tagesanzeiger konstatierte, dies sei »etwas vom Witzigsten, was derzeit auf den Bühnen läuft.« Nachtkritik bezeichnet den Abend als »entwaffnend, entlarvend und präzise« sowie als »sehr lustig und wahnsinnig klug«.

Mit THE MAKING OF, ihrer ersten Auftragsarbeit für das Maxim-Gorki-Theater, schrieb die Autorin eine böse Satire über (Theater) Ideale und unerfüllbare Rollenbilder.

Ihr neues Stück THE SEQUEL ist als Fortsetzung dieser Arbeit gedacht. Gordon, der Fledermaus-Mann aus THE MAKING OF verbrennt sich diesmal am heißesten Eisen, das es derzeit zu schmieden gibt, die Superhelden-Flossen: der allgegenwärtigen Political Correctness, die wie ein Fallbeil jede freie Meinungsäußerung bedroht. Als weißer, heterosexueller Mann dreifach gestraft, wankt der verunsicherte Held durch einen von Orwells 1984er Schreckensvision inspirierten unerbittlichen Zeitgeist.

Wir freuen uns auf die Premiere (23. November, Maxim Gorki Theater, Berlin) dieser komischsten aller politisch korrekten Autoren-Regisseurinnen!

 

Thorleifur Arnarsson gewinnt Faust-Preis

Der insgesamt in 8 Kategorien vergebene Theaterpreis »Der Faust« wurde in diesem Jahr bei einem Festakt im Theater Regensburg verliehen. In der Kategorie »Regie Schauspiel« gewann   Thorleifur Örn Arnarsson. Er wurde damit für seine fulminante EDDA-Inszenierung am Schauspiel Hannover ausgezeichnet. Wir gratulieren herzlich! In seiner aktuellen Arbeit in Hannover – MACBETH – schickt Arnarsson mit Lusa Nathalie Arnold, Johanna Bantzer und Sarah Franke gleich drei Lady Macbeths sowie mit Jakob Benkhofer, Philippe Goos und Daniel Nerlich drei Macbeths auf die Bühne. Die Neue Presse sah in der Premiere am 18. Oktober »bildgewaltiges, wirkungsmächtiges Theater« mit »grandios reduziertem Versuchsaufbau«. Statt Figuren erlebt man »Bewußtseinspunktuationen, Facetten eines frappierend modernen Selbst, die Handlung ein einziger Gedankenstrom … Eine düstere, brettharte, fordernde und oft auch überfordernde Inszenierung, gespeist aus schwärzestem Nihilismus.« Für den NDR erkannte Agnes Bührig »Anklänge an die bildende Kunst – und an den Free Jazz.« Stefan Keim faßte seine Eindrücke für Deutschlandfunk Kultur in der Sendung »Fazit« zusammen: »Die Auflösung der Macbeth-Figur ist grandios gemacht. Arnarsson öffnet viele Assoziationsräume in unsere Gegenwart hinein und schafft unglaublich dichte und gruselige Momente.« Arnarsson hat »Lust an den Mythen« und kann »die ganz großen Geschichten erzählen.«

Wilke Weermann: Ein Talent auf bestem Wege

Zur Stückentwicklung ODEM, die Wilke Weermann just am Staatstheater Kassel in eigener Regie uraufführte, schreibt Michael Langes für Nachtkritik: »Wilke Weermann hat eine verstörende kleine Spielanordnung voller kluger Material-Zitate entwickelt, deren thematische Zusammenhänge eine Menge Gedankenfutter bereithalten für die Zeit danach. Die szenische Umsetzung gerät verspielt und elegant; Weermann gehört offenbar zu denen, die sich in beträchtlicher Selbstsicherheit Zeit lassen können und nichts überstürzen. Da ist ein Talent auf bestem Wege.« Der junge Autor und Regisseur wurde mit seiner Inszenierung »Fahrenheit 451« am Schauspiel Stuttgart zuletzt zum Festival Radikal Jung 2018 eingeladen. Damals schrieb die Stuttgarter Zeitung: »Weermann […] versucht vieles – und es gelingt ihm, auf widerspenstige aber fesselnde Weise.« In ODEM schreibt Weermann über die Unsicherheiten des digitalen Menschen. Ist mein Gegenüber noch ein Mensch oder schon eine Maschine? Bald werden wir nicht mehr wissen, ob unser Chauffeur ein Mensch gewesen ist mit einem Bewusstsein, ob ein Mensch uns operiert hat oder unsere Heimatstadt zerstört. Und was also tut sich in unserer Gefühlswelt, wenn wir uns vor der Einsamkeit nur mit noch mehr Technik verschanzen? Was ist der Unterschied zwischen Erlösung und Fortschritt? Wo bleibt die Zivilgesellschaft im Cyberspace? Ist der Cyborg nicht unser Freund gegen die virale Macht des gestaltlosen Netzes wie der gute alte Terminator? Worin unterscheidet sich das elektrische Einhorn, von dem der Android vor dem Tannhauser Gate in »Blade Runner« träumt, von dem süßen Einhorn in unseren Kinderzimmern?

 

 

 

Neues Album von PeterLicht

Unter dem Titel WENN WIR ALLE ANDERS SIND (Tapete Records) erschien am 19. Oktober nach biblischen 7 Dürrejahren endlich ein neues Studioalbum des Universalkünstlers PeterLicht. Tatsächlich wird seine Stimme mehr denn je gebraucht in diesen Zeiten der globalen Hyperperformance. Beinahe sehnsüchtig erinnern wir uns daran, als der Kapitalismus noch ein Schlawiner war und man sein iPhone an der Biegung des Flusses begrub. Die Zeit hat Gas gegeben, PeterLicht hat sie in alten Schuhen überholt. Es ist an der Zeit, neue Hymnen zu singen! Nach DER GEIZIGE, und DER MENSCHEN FEIND hat PeterLicht mit TARTUFFE ODER DAS SCHWEIN DER WEISEN zu Beginn der neuen Theatersaison derweil seinen dritten Molière überschrieben. Sein Tartuffe ist schenkelklopfende Komödie und feingliedrige Gesellschaftsanalyse gleichermaßen geworden. Er macht genauso schwindelig wie das moderne Leben selbst. Immerhin darf man noch laut lachen, bevor es den Bach runtergeht. Claudia Bauer brachte das Stück im September am Theater Basel zur Uraufführung. Deutschlandfunk sieht in Licht und Bauer »ein starkes Duo, deren Gesellschaftskritik sitzt«, der BR nannte PeterLicht anlässlich der Premiere seines »Menschenfeindes« im Vorjahr einen »Lichtblick am Deutschen Stadttheater«. Tatsächlich bedient sich PeterLicht Molières Tableau, um in meisterhaften, sprachirren Kaskaden eine Gesellschaft zu portraitieren, die sich in wahnwitzigem Oberflächentempo keinen Millimeter voranbewegt.

Neuigkeiten
Štorman zwischen Händel und Joy Division

Im Rahmen des Spitalfields Music Festivals wird Marco Štorman die Hybrid-Oper »Unknown, Remembered...« inszenieren. Der Komponist Shiva Feshareki hat Elemente aus Händels »La Lucrezia«mit Texten von Joy Division mit einer Film-Installation von Haroon Mirza verbunden. Die Produktion ist vom 4.-9. Dezember 2019 in London zu sehen.

Nestroy für Rasche

Ulrich Rasches Inszenierung »Die Perser« (Salzburger Festspiele in Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt) ist bei der Verleihung der 19. Nestroy-Preise als »beste Aufführung im deutschsprachigen Raum« ausgezeichnet worden. Wir gratulieren sehr herzlich!

Orden für Richter

Falk Richter wird noch in diesem Jahr von der französischen Kulturministerin zum »Chevalier de l'Ordre des Arts et des Lettres« ernannt (deutsch: Ritter des Ordens der Künste und der Literatur). Der Orden gilt als eine der höchsten Auszeichnungen in Frankreich und wird verliehen an »Personen, die sich durch ihr Schaffen im künstlerischen oder literarischen Bereich oder durch ihren Beitrag zur Ausstrahlung der Künste und der Literatur in Frankreich und in der Welt ausgezeichnet haben«. Wir gratulieren!

Aspekte-Literaturpreis für Bettina Wilperts »Nichts, was uns passiert«

Bettina Wilpert erhält für ihr Romandebüt »Nichts, was uns passiert« (Verbrecher Verlag, Berlin, 2018) den Aspekte-Literaturpreis 2018. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis ist die bedeutendste Auszeichnung für deutschsprachige Erstlingsprosa. Wir gratulieren sehr herzlich! schaefersphilippen vertritt im Namen des Verbrecher Verlages die Bühnenaufführungsrechte an »Nichts, was uns passiert«. In der Begründung der Jury heißt es: »Bettina Wilpert hat für ihr Romandebüt ein äußerst schwieriges Sujet gewählt: Sie begibt sich auf die Spurensuche einer Vergewaltigung. Was hat sich in jener Partynacht zwischen den Studenten Anna und Jonas ereignet? War es richtig, daß Anna sich irgendwann entscheidet, Jonas anzuzeigen? Oder ist Jonas doch unschuldig? In einer Art Vernehmungsprotokoll lässt Bettina Wilpert nicht nur Anna und Jonas sprechen, sondern auch Freunde, Kollegen, Familienangehörige, die in der Beschreibung des Geschehens immer auch etwas über sich selbst verraten. Bei all dem ist Bettina Wilpert eine beeindruckend souveräne Erzählerin, die in knapper, manchmal lakonischer, aber immer zielsicherer Sprache ihren Stoff konzentriert zu arrangieren weiß. Die Handlung ist mit langem Spannungsbogen erzählt. Alle Figuren dürfen der Geschichte angemessen ambivalent und widersprüchlich sein. Die Autorin gibt einem nicht zuletzt durch #MeToo drängend gewordenen Thema unserer Zeit eine literarische Stimme. Dabei gelingt ihr das Kunststück, sich auf keine Seite zu schlagen, und das tut sie in einer stilistisch einzigartigen und konsequenten Weise, die preiswürdig ist.«

Falk Richter ist Regisseur des Jahres

Das von Falk Richter am Deutschen Schauspielhaus Hamburg uraufgeführte Jelinek-Stück "Am Königsweg" begeisterte nicht nur Presse und Publikum, es überzeugte auch die über 40 Kritiker*innen bei der Kritikerumfrage von Theater heute in gleich vier Kategorien: Stück des Jahres, Inszenierung des Jahres, Kostümbildner des Jahres (Andy Besuch) und Schauspieler des Jahres (Benny Claessens). Damit ist Falk Richter auch Regisseur des Jahres. Das habe es laut Chefredaktuer Franz Wille so noch nie geben: keine Inszenierung hat jemals in vier Kategorien die höchste Anzahl an Nennungen bekommen. Wir gratulieren herzlich! Derweil begeistert Richters Inszenierung SAFE Kritiker und Publikum am Royal Dramaten gleichermaßen. Die Aufführung eröffnete das Bergman Festival im Jubiläumsjahr: "Ein Drama, das besser geeignet ist, das Festival zu eröffnen, ist schwer zu finden." (Kulturmagasinet Kulturbloggen). Auch andere Kritiker zeigten sich begeistert und sprachen von einem "spannenden, dystopischen Start" des Festivals gar von einer Katharsis für unsere Zeit (Svenska Dagbladet). SAFE beschreibt die conditio humana der westlichen Gesellschaft, die sich im Angesicht der aktuellen Ereignisse im permanenten Ausnahemzustand befindet. In seiner choreografischen Uraufführung verschiebt Falk Richter< mit internationalen Tänzer*innen und Schauspieler*innen aus dem Ensemble Dramaten die Grenzen des Theaters, in einem massiven Fluss, der Video, Text, Tanz und Musik integriert.