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Theater
Zitate

»Realtheater in der Tradition von Peter Weiss.«

(Alexander Kluge)

 

Person

1977 in Bern, studierte Soziologie, Germanistik und Romanistik in Paris, Zürich und Berlin, u. a. bei Tzvetan Todorov und Pierre Bourdieu. Ab 1997 erste Reportagereisen (Chiapas, Kuba), 2000 entsteht der erste Spielfilm »Paranoia Express« nach einem Roman von Thomas Pynchon. Ab 2001 ist Milo Rau tätig als Korrespondent für die NZZ, ab 2003 entstehen Inszenierungen an Theatern im In- und Ausland, u. a. am Maxim- Gorki-Theater Berlin, Staatsschauspiel Dresden, HAU Berlin, Theaterhaus Gessnerallee Zürich, Teatrul Odeon Bukarest und Beursschouwburg Brüssel.

Milo Raus Theaterinszenierungen, Aktionen und Filme (darunter MONTANA, »Pornografia«, DIE LETZTEN TAGE DER CEAUSESCUS, »Land of Hope«, »City of Change« und HATE RADIO), für deren Produktion und Auswertung er 2007 das IIPM-International Institute of Political Murder gründete, wurden zu den wichtigsten nationalen und internationalen Festivals eingeladen – u. a. ans »Festival d’Avignon«, ans »Berliner Theatertreffen«, ans »Noderzoon Festival«, ans »Festival Politik im Freien Theater«, an die »Journées de Soleure«, ans »Schweizer Theatertreffen« und ans Festival »Radikal Jung«.

Neben seiner Arbeit für Bühne und Film ist Milo Rau als Dozent für Regie, Kulturtheorie und soziale Plastik an Universitäten und Kunsthochschulen in Deutschland, der Schweiz und Frankreich tätig, seit 2010 entstehen Gesprächsfilme mit Alexander Kluge. Der Zürcher »Tagesanzeiger« bezeichnete ihn kürzlich als den »meistbegehrten Regisseur unserer Tage«.

Auf internationaler Gastspieltournee befindet sich momentan die Produktion HATE RADIO: »Vergleichen kann man dieses Stück mit gar nichts. Auch wenn man seit dem Vietnamkrieg um den Zusammenhang von Rock, Drogen, Mord und Massaker weiß, und Peter Weiss’ Ermittlung kennt, bietet das keinen Halt, aus dem man kulturell abgekühlt sich diesem Abend nähern könnte«, schrieb Cord Riechelmann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, und Peter Laudenbach urteilte in der Süddeutschen Zeitung: »Es ist ein gespenstischer Abend. Was Milo Rau unternimmt, wenn Angehörige der Tutsi-Minderheit, Überlebende als Darsteller zu Moderatoren des Hassradios werden, ist ein atemberaubender Perspektivwechsel, wie es so nur im Theater möglich ist. So ist Theater kein bloßes Transportmittel dokumentarischen Materials, sondern wird als Medium selbst Ort der Aufklärung.«

Zur Zeit arbeitet das IIPM an einem Reenactment der großen Moskauer Schauprozesse der Nuller-Jahre (DIE MOSKAUER PROZESSE) und einem szenischen Kongress zu totalitären Vernichtungs- und Justizsystemen (UA Nationaltheater Weimar/Sacharow-Zentrum Moskau 2012/13, in Zusammenarbeit mit Memorial Russland, der Stiftung Buchenwald, teatr.doc Moskau und der Zürcher Hochschule der Künste).

ZEIGENKritikerumfrage 2012: 11 Mal HATE RADIO

11 Mal HATE RADIO: 42 Kritiker aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben in der Umfrage des Fachmagazins »Theater Heute« abgestimmt und sich dabei 11 Mal für Milo Raus Produktion HATE RADIO entschieden. Fünfmal ernannten sie es zum »Deutschsprachigen Stück des Jahres« und zweimal zur »Inszenierung des Jahres«. Viermal fand die Produktion Erwähnung in der Kategorie »Beste/r Nachwuchskünstler/in«. Derweil ist die Produktion weiterhin auf Tournee zu sehen. Folgende Termine sind bereits bestätigt: Brut Wien (20.-22.9.2012), Kampnagel Hamburg (4.-7.10.2012), Apollo, Siegen (9.-10.10.2012), Théâtre La Villette, Paris (4.-12.12.2012).

ZEIGENZweijährige Basisförderung für das IIPM

Wie am 19. Juni bekannt wurde, erhält das IIPM - International Institute of Political Murder - für die Jahre 2013/14 vom Berliner Senat eine Basisförderung. Auf Vorschlag der unabhängigen Jury (Anja Dirks, Claudia Feest, Dr. Gerhard Müller, Tom Mustroph, Grzegorz Olszowka und Tim Sandweg), der insgesamt 69 Anträge vorlagen, entschied sich der Berliner Kulturstaatssekretär André Schmitz u. a. für eine Förderung der künstlerisch-theoretischen Produktionsgesellschaft IIPM.

ZEIGENPower and Dissent in Weimar

Der szenische Kongress POWER AND DISSENT, die erste Stufe des IIPM-Grossprojekts DIE MOSKAUER PROZESSE für die Spielzeit 2012/13, findet vom 19. bis 21. Oktober 2012 am DNT Weimar statt. POWER AND DISSENT ist eine wissenschaftlich-künstlerische Konferenz, die anhand aktueller und historischer machtpolitischer Dispositive sowie künstlerischer Interventionsstrategien Funktionsweise und ästhetische Darstellbarkeit von „Staatsmacht“ untersucht. Russische, deutsche und amerikanische Wissenschaftler und Künstler diskutieren über historische und aktuelle Topologien staatlicher Macht - und die Zusammenhänge von Kunst und Dissidenz im heutigen Russland und Europa.

Werke
Amnesie

Lost Generation revisited. Kindheit in den 80ern, Jugend zur Wende, Schule und erste Arbeitserfahrungen während des wirtschaftlichen Abschwungs. Der Utopieverlust einer ganzen Generation wird als Krankheitsbild ausgespielt: des amnestischen Verlusts einer sinnvollen, fortsetzbaren, vertretbaren Biographie in eine gesicherte Zukunft hinein.

Bei Anruf Avantgarde!

Avantgarde? Ist die Kunst Gemüse oder eine Explosion im Kopf? Sind wir bloß Statisten oder ändern unsere Handlungen Gottes Masterplan? Werfen wir einen Blick ins protzige Klassenbuch der Avantgardisten, der Kunstrevolutionäre und ihrer genervten Teammitglieder.

ZEIGENHate Radio

Als am 6. April 1994 das Flugzeug des ruandischen Präsidenten Habyarimana kurz vor der Landung von zwei Raketen getroffen wurde, war dies das Startsignal für den grausamsten Genozid seit dem Ende des Kalten Kriegs. Die Hilfsmittel, mit denen Menschen jeden Alters und Geschlechts erniedrigt und zu Tode gebracht wurden, waren denkbar einfach – Macheten, Knüppel, einige wenige Gewehre. Doch das wohl wichtigste Mittel des Genozids war eine Radiostation: das »Radio- Télévision Libre des Mille Collines« (RTLM). Mit unbeschreiblichem Zynismus hatten die Mitarbeiter des populären Senders den Völkermord seit Monaten wie eine Werbekampagne vorbereitet. Das Projekt Hate Radio rekonstruiert diese Dichotomie von Alltag und Massenmord, von Unterhaltung und Extermination und versucht, sich dem Unbegreiflichen szenisch anzunähern.

ZEIGENDie letzten Tage der Ceausescus

Die Bilder der Aburteilung und Hinrichtung des Diktatorenehepaars Elena und Nicolae Ceausescu am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1989 gruben sich ins kollektive Unterbewußtsein mehrerer Generationen westlicher Fernsehzuschauer. The Last Hour of Elena and Nicolae Ceausescu erzählt das historische Geschehen zum ersten Mal vollständig in der Form einer fiktionalen Echtzeit-Dokumentation.

ZEIGENMontana

MONTANA entwickelt, inspiriert von Euripides Weltuntergangstragödie »Die Bakchen«, die mögliche Allegorie einer Gesellschaft, der mit der Arbeit und dem sozialen Zusammenhalt auch das Bewußtsein ihrer humanen Möglichkeiten abhanden zu kommen droht. So ensteht ein vielschichtiges Porträt zeitgenössischer Befindlichkeiten, eine soziale Utopie mit schlimmstmöglichem Ausgang.

ZEIGENDie Moskauer Prozesse

Die Bilder des Schauprozesses gegen „Pussy Riot“ gingen diesen Sommer durch alle Medien. Wegen eines 5-minütigen Auftritts in der Moskauer Erlöserkathedrale wurden drei der Aktivistinnen von »Pussy Riot« zu 2 Jahren Haft verurteilt. Ein absurdes Urteil, das im Westen Entsetzen hervorrief. Doch was als plötzliche Offenbarung eines autoritären Gottesstaats erscheint, hat eine lange Vorgeschichte. Im Winter 2003 wurde im Sacharow-Zentrum Moskau die Kunstausstellung »Vorsicht! Religion« vier Tage nach der Eröffnung von radikalen orthodoxen Christen zerstört. Kurze Zeit darauf forderte das russische Parlament die Generalstaatsanwaltschaft mit nur zwei Gegenstimmen auf, gegen die Organisatoren der Ausstellung wegen »Erregung religiösen Hasses« zu ermitteln. Es folgte ein Schauprozess nach dem Vorbild der Moskauer Prozesse der 30er Jahre: bestellte Experten, vorinstruierte Zeugen und eine nationale Medienkampagne brandmarkten die beteiligten Künstler zu Feinden Russlands. Die MOSKAUER PROZESSE nehmen den Fall in einem dreitägigen Spektakel mit damals Beteiligten, neuen Zeugen und Experten wieder auf – mit offenem Ausgang.

ZEIGENPornografia

Milo Rau wirft in seinem Stück PORNOGRAFIA einen satirischen Blick auf unsere westliche, bis in den letzten Winkel sexualisierte Gesellschaft und fragt nach ihrer Liebesfähigkeit. Erzählt wird die Geschichte eines gealterten Sexmaniacs, der - durch einen Unfall ans Bett gefesselt - nicht weiß, wohin mit seiner Libido.

ZEIGENDie Zürcher Prozesse

Wenn der historische Kommunismus ein ästhetisches Format für die Ewigkeit hervorgebracht hat, so ist es das Format des Schauprozesses: öffentlichkeitswirksam inszenierte und von massiven Agitationskampagnen begleitete, hinsichtlich ihres inhaltlichen Ablaufs präzise geplante und gelenkte Strafgerichtsverfahren, unter genereller Missachtung rechtstaatlicher Regeln und zu politischen Demonstrationszwecken gegen Regimegegner geführt. Die Wirklichkeit vor Gericht. Milo Rau inszeniert in Moskau und Zürich zwei Schauprozesse mit offenem Ausgang. Nachdem im Moskauer Sacharow- Zentrum der umstrittene Prozess gegen die Ausstellung »Achtung, Religion!« aus dem Jahr 2003 mit damals Beteiligten und neuen Zeugen und Experten wieder aufgenommen wird, wird im Mai 2013 das Neumarkt-Theater zum Gerichtssaal. Zeugen, Experten, Schöffen, Anwälte und Verteidiger werden gecastet, ein Fall von nationaler Relevanz ausgewählt und im Stil der amerikanischen Gerichtsdramen live und vor Publikum verhandelt, bis zum Urteilsspruch – Ausgang ungewiss.