Da Papa und Mama auf dem Weg in den Urlaub sind, hat sich Lisa bereit erklärt, die Wohnung der Eltern sowie die im Garten gehaltenen Hühner zu hüten. Zudem freut sich die junge Frau auf ein paar ruhige Tage mit mütterlicher Marmelade und viel Schlaf.
Das Gehege mit dem Federvieh im Garten des Mehrfamilienhauses, so zeigt sich jedoch, ist ein begehrtes Objekt. Allzugerne würde sich die Frau Nachbarin an Hühnern und Eiern gütlich tun. Allein ein Mindestmaß an Anstand hat sie bislang von einem beherzten Zugriff auf das fremde Eigentum abgehalten. Nun aber erhält sie Konkurrenz aus der Luft und die hat mit nachbarschaftlicher Zurückhaltung gemeinhin wenig am Hut: inmitten der großstädtischen Umgebung hat ein Habicht den Hühnerstall ausfindig gemacht. Schnell ist das erste von insgesamt vier Hühnern tot und Lisa vor lauter Ekel und Schrecken hilflos. Bruder Max muß das Schlachtfeld säubern und deponiert das tote Tier im Hausmüll. Ob der verschärften Konkurrenzsituation bedient sich die hyänenhafte Nachbarin nun am sorglos entsorgten Kadaver. Wär ja schade um das gute Fleisch.
Es hilft nichts, Papa muß informiert werden. Über eine wacklige Mobilverbindung werden die Verluste kommuniziert. Lisa hofft auf einen Einzelfall, doch hat sie die Rechnung ohne Mutter Natur gemacht. Bald schon zeigt sich, daß der Habicht mitnichten genug hat, schließlich harren ja noch drei weitere Hühner wie auf dem Präsentierteller ihrem unausweichlichen Schicksal. Ob sich die Vögel von dem hysterisch verängstigten Mädchen abschrecken lassen, das in ihrer Not sogar eine Vogelscheuche baut? Auch die hungrigen Nachbarn verfolgen das ungleiche Duell Mensch gegen Tier mit großem Interesse und knurrendem Magen.
Charlotte Roos hat in ihrem neuen Stück eine schräge Hausgemeinschaft versammelt. Der Vater hat inmitten einer großstädtischen Wohngegend einen Hühnerstall errichtet, der nun für kurze Zeit von seiner vollkommen denaturalisierten Tochter zu hüten ist. In Zeiten, in denen der Euro-Lohn keine müde Mark mehr wert ist, besinnen sich auch die Nachbarn ihrer ländlichen Wurzeln und kokettieren mit dem Mundraub. Ob Vorratskeller oder Hühnerstall, fremdes Eigentum ist lediglich eine Frage der Perspektive. Tatsächlich stößt die junge Protagonistin des Stückes durch ihre Konfrontation mit den Gewalten der Natur auf existenzielle Probleme innerhalb einer bürgerlichen Kultur. Die Regeln des Alltags haben ihre Gültigkeit verloren. Beim Kampf der jungen Frau gegen die Angriffe aus der Luft bleibt es nicht bei der Verteidigung von Hühnerleben. Die unerwartete Rückkehr animalischer Gewalt in die so genannte Zivilisation macht auch vor dem Familienleben nicht halt.
Eingeladen zum Berliner Stückemarkt 2009
Jury- und Publikumspreis bei den St. Galler Autorentagen 2009
»Alle haben behauptet, daß der Habicht im Dunkeln nicht jagt. Daß er im Dunkeln nichts sieht und den Hühnern nichts passieren kann … Ich bekomme einen Anruf von meinem Bruder, der sagt, der Vogel ist wieder da, du mußt sofort nach Hause. Woher weißt du das? Die Frau von drüben hat ihn angerufen, aber er kann jetzt nicht weg, er bringt gerade die Kinder ins Bett. Ich soll mich beeilen. Mach du das bitte, sagt er zu mir, ich kann jetzt nicht, ich komme dann später nach, aber ich kann die Kinder nicht alleine lassen, und mitnehmen kann ich sie auch nicht, ein totes Puttputt-Huhn, das ist nichts für kleine Kinder, das ist auch nichts für mich, sage ich, aber ich soll mich jetzt zusammenreißen, das eine Huhn könne sowieso keiner mehr retten, es müsse jetzt darum gehen, daß der Habicht nicht gleich zwei Hühner auf einmal erledige. Er ist noch da, fügt er hinzu, er ist noch im Gehege, die Frau von oben wirft mit Steinen, um ihn zu vertreiben, du mußt da so schnell wie möglich hin, Papa ist immer noch nicht zurück, wir müssen ihm wenigstens ein Huhn retten, ich komme so schnell wie möglich nach, nimm das Megaphon, der Mann von oben soll im Notfall die Pistole benutzen, beeil dich.«