»An diesem Abend kommt das Publikum im Maxim-Gorki-Theater aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Molières Geizkragen in der Neufassung des Musikers und Autors Peter Licht ist ein regelrechter Schenkelklopfer – und eine perfekte Inszenierung für das kleine Gorki. So etwas schwebte Intendant Armin Petras wohl vor, als er zur Neueröffnung vor einigen Jahren vom schnellen Großstadttheater sprach. Heutige Kritik, das heißt, nicht aus einer fingierten Außenseiterposition formuliert, sondern von innen heraus, systemimmanent, wie es so schön heißt. Aber wie geht das eigentlich, sagen wir, an einem immer extremer werdenden Warenfetischismus Kritik zu üben, wenn man selbst Warenfetischist ist, wie es PeterLicht in einem Interview kürzlich bekannt hat? Es geht wohl nur, indem man dieses Dilemma mit intelligentem Witz und Selbstironie beschreibt.
Papa hat es, die Kinder wollen es. Alle Versammelten reden, begleitet vom Cemballosound einer Hintergrundorgel, in einem sehr lustigen und seltsamen Comic- oder Rumpfdeutsch, mit vielen „Okays“ und empörten „Hääääs?“ und Dutzenden „Ich so: voll genervt“. Da ist jedes Wort in seiner Albernheit allerdings auch sehr musikalisch gesetzt, so daß, man kann es kaum glauben, mithilfe dieser sehr beschränkten Kunstsprache eine Fülle von Assoziationen oder Stimmungen aufgerufen werden. Den Höhepunkt dieses minimalistischen Pingpongs bildet ein aus Floskeln und Versatzstücken bestehender virtuoser Dialog, bei dem Papa dem Sohn erst Geld verspricht, um es ihm dann wieder zu verwehren. Peter Licht hat Molières Sympathieträger vertauscht. Die Kinder sind die narzisstischen, konsumorientierten Weicheier, besonders Cléanthe, dem Robert Kuchenbuch eine weinerliche Selbstgerechtigkeit gibt. Umgekehrt wird aus Harpagon eine Art Zen-Buddhist des Geldes. Hinter Peter Kurths jovial-despotischem Gebaren pocht ein charismatisches esoterisches Bedürfnis nach Reinheit. Am liebsten will er, daß Geld nur für sich steht, unabhängig von Begehrlichkeiten der anderen, als pures Material des Imaginären, der Möglichkeit, das als solches immer perfekter als jede Wirklichkeit ist. Wie ihm hat PeterLicht auch den anderen Figuren überdrehte Zwischenmonologe aus der Hölle der heutigen Konsum- und Alltagswelt auf den Leib geschrieben. Valère berichtet von einer mystischen Begegnung mit einem äffischen Hosengott, der ihm befiehlt, seine Jeans nie zu waschen, um so das Verblassen der Optik zu verhindern. Und Sabine Waibel als Bedienstete der Familie berichtet eindrücklich von ihrem morgendlichen Bittgespräch mit ihren Rückenwirbeln zwecks Minimierung des Schmerzes. Jan Bosse hat das mit dezenter Verbeugung vor der Ästhetik der alten Volksbühne vergnüglich umgesetzt. Der Rhythmus stimmt, die Pointen sitzen, und als Running Gag klingelt immer wieder das Telefon. Vater und Sohn hoffen jedes Mal, dass es Marianne ist, auf die beide ein Auge geworfen haben. Und wie geht die Geschichte aus? Wer bekommt Geld und Marianne? Es gibt keine Lösung, denn ein Dilemma bleibt ein Dilemma. Oder, nach der zauberischen Perfidie Peter Lichts: Jeder bekommt alles. Und Singen hilft immer. Da stehen sie also am Ende in ihren Reifröcken und Schnallenschuhen und singen „Über uns wölbt sich der Immobilienhimmel“ und heben die Arme wie Waldorfschüler, die eine unendliche Null in die Luft malen.«