»Was vom Gelächter des Abends übrig bleibt, ist ein wehmütiger Schmerz. Es kränkt, wie Autor Thomas Melle dem Publikum mit seinem Stück einen Spiegel vorhält. Wer bist du? Wer willst du sein? Thomas Melle hat mit seiner Auftragsarbeit "Das Herz ist ein lausiger Stricher" eine Hommage an die Unabhängigkeit geschaffen, die nirgends besser platziert gewesen wäre, als in dem kleinen Jenaer Theater mit seinem jungen Ensemble und seiner offenen, unkomplizierten Atmosphäre. Sechs Figuren, sechs Lebensentwürfe, sechs Träume prallen aufeinander. "Das Leben geht verschlungene Wege": Jenni wird 18. Sie lebt mit ihrem Vater allein in einem "Karton" - einer sozial schwachen Wohngegend. Die Mutter hat kurz nach Jennis Geburt die Familie verlassen, für einen Mann mit Geld und Perspektive, weder das eine noch das andere bleiben ihr am Schluß. An Jennis 18. Geburtstag taucht nicht nur ihre Mutter Helene wieder auf, es tritt auch Ran in ihr tristes Leben. Ran ist Food-Company-Manager und verbringt im Rahmen eines Näher-am-Kunden-Programms einen Tag bei Jenni und ihrem Vater, während seine hochschwangere, hysterisch veranlagte Verlobte Katja darüber nachdenkt, wie sie ihre IKEA-Möbel in der gemeinsamen Eigentumswohnung verteilt. Jennis Vater Hans indes wünscht sich nur eines, daß seine Tochter ihm all seine unverwirklichten Träume erfüllt. Und zwischen Helene, Hans, Ran, Katja und Jenni irrt ein lausiger Stricher, der ausgediente Rockstar Bill, für den das Wetter immer mies ist und der seine Leidenschaft längst verkauft hat. Regisseur Ronny Jakubaschk hat es geschafft, sechs Charaktere auf die Bühne zu bringen, die in all ihrer Überzogenheit authentisch wirken. Er hat die Absurditäten des Alltags enthüllt. Zwischen Schauspielerei und Slapstick schaffen es die Darsteller dabei, ihre Rollen auszufüllen, ohne ins Lächerliche abzugleiten. Der Charakter, bei dem die Fäden der Geschichte zusammenlaufen und sich auch wieder auflösen, ist Jenni. Sie dreht an dem großen Rad, um die Richtung, in die ihr junges Leben sich bewegt, zu ändern. Das tut sie mit einer entschlossenen Härte, die bis zum Mord an ihrem geliebten Vater führt. Damit befreit sie sich von den Lasten fremder Ansprüche und Hoffnungen. Auf ihre Reise in die Freiheit - nach Island zu den Elfen - nimmt sie den Food-Company-Manager Ran mit. Beide haben sich von ihren Zwängen befreit, unnötigen Ballast rücksichtslos abgeworfen, um höher steigen zu können. "Dies könnte der Anfang einer wunderbaren Generation sein." Man möchte den letzten Satz des Stücks fast glauben, lägen da nicht so viele Leichen im Keller.«