Lena muß schlafen. Dringend. Wenigstens mal eine Nacht. In ein paar Tagen hat sie ein wichtiges Shooting und ihre Schwester ist in großer Sorge. Was, wenn bei der empfindlichen Lena wieder die Allergie ausbricht? Das muß verhindert werden. Ihr Freund Daniel ist sichtlich genervt vom Beschützerinstinkt seiner Freundin, der zur Folge hat, daß auch er kaum noch ein Auge zu tut. Lena, Lena, immer nur Lena. Vielleicht ahnt Daniel aber auch, daß hinter der schwesterlichen Fürsorge noch etwas anderes steckt.
Aus der Ich-Perspektive erzählt Charlotte Roos in sieben Szenen die Geschichte zweier Schwestern, die zugleich die Geschichte einer zerstörerischen und zwanghaften Symbiose ist. Zwischen »Ich« und »Lena« tobt ein subtiler Kampf um Macht, Aufmerksamkeit und Kontrolle, der den Abstand zwischen den beiden Frauen derart verringert, daß für Daniel kaum etwas übrigbleibt. Schließlich wird ihm die Grenze zwischen Freundin und Schwester ganz und gar abhanden kommen.
Die Grenze, an der das Ich aufhört und das Du beginnt, haben Lena und ihre Schwester in ihren schlaflosen Nächten – und wohl auch schon lange davor – überschritten. Anlaß für die vermeintliche Sorge ist Lenas rätselhafte Allergie, die vor allem dann auszubrechen scheint, wenn Streß droht. Der aber prasselt von allen Seiten auf die sensible junge Frau ein: aus dem Fernseher, der die Greuel der Welt ins heimische Schlafzimmer trägt, ebenso wie durch die ständigen Anrufe der Schwester.
Kaum merklich dreht Charlotte Roos an den Schrauben eines Dramas, in dem Tag und Nacht ineinanderzufließen scheinen. Leise und präzise erschafft sie aus sich scheinbar wiederholenden Sequenzen ein beängstigendes und verstörendes Psychogramm zweier junger Frauen im Kampf mit der Welt und sich selbst. ALLERGIE wirft unter somnambuler Oberfläche Fragen auf, die uns ins Mark treffen. Wie können wir uns abgrenzen von dem, was ungebeten in unser Leben dringt? Wie gehen wir um mit den Schrecken dieser Welt, den täglichen Sensationen, die uns anschreien, mit einer Flut von Informationen, die uns täglich überrollt und den Dingen, mit denen uns andere ungebeten den Kopf füllen.
ICH: Ach Mensch, das ist alles so traurig, wieso kommt das denn jetzt, es war doch so lange gut, was bedrückt dich denn, hast du Stress, und wieso hat der seine eigene Mutter mit einer Kettensäge umgebracht?