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theater und medien
Theater, UA: 25.9.2011, Staatstheater Hannover, Regie: Peter Kastenmüller
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Synopsis

Noch vor ein paar Wochen ging Elvira auf eine Schule in Deutschland und war frisch verliebt. Jetzt wohnt sie auf einer Müllkippe im Kosovo und starrt auf ihr Handy, mit dem sie nicht mehr telefonieren kann.

Elviras Familie wurde nach vielen Jahren plötzlich aus Deutschland ausgewiesen. Zurück im Kosovo, sind sie als Roma noch immer von Armut und Diskriminierung bedroht. Elviras Eltern streiten, ihr großer Bruder ist ständig unterwegs, der kleine weicht ihr nicht von der Seite: Egzon. Seit er mit vier Jahren in einer brennenden Siedlung zurückgelassen wurde, spricht er nicht mehr. Niemand weiß, was er gesehen oder erlebt hat. Elvira will es auch gar nicht wissen. Sie will überhaupt nichts mehr mit dem Krieg, mit der Verfolgung und erst recht nichts mit diesem Land zu tun haben, dessen Sprache sie nicht einmal spricht. Sie möchte nach Hause. Nach Deutschland. Zu ihrem Freund Bruno. »Ich hol dich da raus«, steht in seiner letzten SMS.

In Deutschland findet Bruno heraus, dass sein eigener Vater als Pilot einen Abschiebeflug gesteuert hat. Ist er schuld, daß Elvira nicht mehr in Deutschland ist? Oder die übereifrige Sachbearbeiterin im Ausländeramt? Und was ist mit der Lehrerin?

Björn Bickers Text verwebt die Geschichten zweier Familien zu einem bewegenden und vielschichtigen Spiel um Verantwortung und Schuld. Auf wessen Seite ist das Recht? Und wer spielt seine Rolle am überzeugendsten?

ZEIGENBjörn Bicker
Von 2001-09 war Björn Bicker Dramaturg an den Münchner Kammerspielen. Dort erfand, entwickelte und leitete er u. a. gemeinsam mit Peter Kastenmüller und Michael Graessner die Stadtprojekte BUNNYHILL und ILLEGAL. Für sein Stück DEPORTATION CAST erhielt er den Deutschen Jugendtheaterpreis. 2013 folgte mit WAS WIR ERBEN (Kunstmann Verlag) Bickers erster Roman. 2016 folgte, ebenfalls bei Kunstmann München, das Buch WAS GLAUBT IHR DENN. Zuletzt entstanden gemeinsam mit Malte Jelden die Stadtraumprojekte URBAN PRAYERS (Münchner Kammerspiele), NEW HAMBURG (Schauspielhaus Hamburg), CITY OF YOUTH (Staatstheater Stuttgart), MUNICH WELCOME THEATRE (Münchner Kammerspiele) und URBAN PRAYERS RUHR.
Neuigkeiten
ZEIGENDeutscher Jugendtheaterpreis 2012 für Deportation Cast

Der mit 10.000 Euro dotierte Deutsche Jugendtheaterpreis 2012 geht an Björn Bicker für sein Stück DEPORTATION CAST. In der Begründung der Jury heißt es: »In DEPORTATION CAST ergibt sich aus der Summe subjektiver Blickwinkel und Erfahrungen ein vielschichtiges Panorama unserer Gesellschaft. Es ist eine Gesellschaft, die in grundsätzlichen Fragen wortwörtlich an ihre Grenzen stößt. Wir erfahren etwas von den Leerstellen und Defiziten eines Systems im Umgang mit Menschen.« DEPORTATION CAST, ein Auftragswerk des Staatstheaters Hannover, wurde in der Regie von Peter Kastenmüller am 25. September 2011 uraufgeführt. 2013/14 wird das Stück u.a. am Theater Aachen, am Theater Baden-Baden, am Kölner Bauturm Theater, am Oldenburgischen Staatstheater und am Theater Freiburg gezeigt.

Presse
Theater Heute

»Deportation Cast ist – zumal für Jugendliche – wahrscheinlich ein maximal differenziertes Stück. Daß Bicker immer wieder Basis-recherchierte »Expertenkommentare« ins Feld führt, trägt zu dieser Qualität maßgeblich bei. Bickers Plan sieht vor, daß zwei Schauspielerinnen und zwei Schauspieler sich in sämtliche zwölf Rollen teilen. Was auf dem Papier ein bißchen spätbrechtianisch klingt, erweist sich in der Aufführung tatsächlich als wirkungsvoller Effekt, weil die konträren Lebenswelten auf diese Art wohltuend unaufgeregt und erklärungsfrei gegeneinander geschnitten werden: eine ziemlich erhellende Lektion.«

nachtkritik

»Diesen Konflikt recherchiert, differenziert aufbereitet und multiperspektivisch dramatisiert hat Björn Bicker. Dem Deutschen Jugendtheaterpreis, den er dafür 2012 erhielt, folgen immer neue Inszenierungen, da das Thema an traurig brisanter Aktualität seit der Uraufführung 2011 nichts eingebüßt hat. Der Wallgraben der Festung Europa, das Mittelmeer, ist weiterhin ein Massengrab. Und wer vor Krieg, Hunger, Armut Verfolgung flüchtet und über die Insel Lampedusa lebend nach Deutschland gelangt, wird bald retour fliegen. Bickers Heldin Elvira durchleidet ein exemplarisches Schicksal. Denn Roma sind nicht nur in Deutschland eine stigmatisierte, relativ machtlose Minderheit. Auch im Kosovo haben sie mit Vorurteilen und Diskriminierung zu kämpfen und kaum eine Chance auf Arbeit und Integration. Dorthin abgeschoben zu werden – für Elvira der Super-GAU. Fast alle ihrer 16 Lebensjahre verbrachte sie in Deutschland, hatte Freunde, Bildung, Zukunftsperspektiven, nun lebt sie vom Müllsammeln und der Prostitution. In einem Land, das sie nicht kennt, in dem sie unerwünscht ist und dessen Sprache sie nicht beherrscht. Dazu collagiert Bicker Aussagen diverser Funktionäre des "Rückkehrmanagements". Die den juristisch einwandfreien, exakt geregelten Verwaltungsvorgang "Abschiebung" organisierende Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde tritt auf, auch der für die "Heimreise"-Gesundheit verantwortliche Polizeiarzt, ein irgendwie engagierter Anwalt und die resignierte Idealistin einer Hilfsorganisation. Alle haben nachvollziehbare Gründe für ihr Verhalten, alle wissen wie sie sich selbst belügen, um moralisch sauber dazustehen.«

taz

»Es ist eine tragische Dynamik, die die Schicksale vom Punkt der Abschiebung an nehmen. Am Ende zerbrechen beide daran: Elvira und ihre Familie, eine unerwünschte Minderheit hier wie dort, und Brunos Familie, die zur Mehrheit gehört, die die Minderheit erst zu Unerwünschten macht.›Deportation Cast‹ geht dabei über die individuelle Ebene hinaus. Intensiv hat Autor Björn Bicker recherchiert: Er hat nicht nur mit Betroffenen gesprochen, sondern auch mit Sachbearbeitern von Ausländerbehörden, Anwälten, Aktivisten von Organisationen wie dem Roma Center Göttingen. All das fließt als übergeordnete Ebene ein: Der Arzt, der den Abschiebeflug begleitet, die Sachbearbeiterin, die die Abschiebung anordnet, der Anwalt, der das nicht verhindern kann, die Aktivistin, die das Ganze begleitet - alle treten in Bickers Stück auf. Daß ›Deportation Cast‹ keine moraline Anklage mit erhobenem Zeigefinger ist, liegt auch an der Inszenierung von Regisseur Peter Kastenmüller. Zurückgenommen, fast nüchtern, bringt er das Stück auf die Bühne. Dem Ensemble gelingen die Szenenwechsel mit Leichtigkeit: Vier DarstellerInnen spielen die zwölf Figuren - höchste Konzentrationsarbeit. Unmittelbar wird zwischen Schauplätzen und Rollen gewechselt, vom Kosovo nach Deutschland, von der abgeschobenen Elvira zur Sachbearbeiterin in der Ausländerbehörde. Er folge ›einem aufklärerischen Impuls‹, sagt Autor Bicker über sein Stück. Gut 10.000 Roma droht die Zwangsabschiebung, seit Deutschland vor anderthalb Jahren ein Rückübernahmeabkommen mit der kosovarischen Regierung abgeschlossen hat. Eine öffentliche Debatte darüber aber fehle, sagt Bicker, nur eine Nebenöffentlichkeit nehme Notiz. ›Deportation Cast‹ soll für den Autor auch ein Beitrag zu mehr Emphase und Sachlichkeit sein. Das gelingt bestens - ein Pflichtprogramm nicht für Schulklassen, sondern auch Niedersachsens schwarz-gelber Landesregierung nur zu empfehlen.

Westfälische Nachrichten

»Die Ausgangslage des Theaterstücks gibt dem Zuschauer innerhalb weniger Minuten einen präzisen Einblick in den Verlauf einer Abschiebung. Autor Björn Bicker hat sich für »Deportation Cast« ein hochaktuelles Thema gesucht: In den vergangenen Jahren wurden Tausende Roma aus Deutschland abgeschoben. Regisseur Peter Kastenmüller erklärt dieses Drama in immer schnelleren Schnitten bis zum tragischen Finale. Die Erzählung pendelt zwischen Deutschland und dem Kosovo. Die vier Schauspieler stellen in ihren zwölf Rollen Betroffene dar, aber auch so etwas wie Abschiebungsverwalter: als Anwalt, als Sachbearbeiterin bei der Ausländerbehörde, als Beobachterin und als begleitender Arzt, der den Betroffenen gegen die Angst vor der ›Rückführung ins Heimatland‹ Beruhigungsmittel gibt. »Deportation Cast« beleuchtet das Thema in einer ernsthaften, sachlichen Weise und gibt dem Geschehen so ein Gesicht. Zuschauern fällt es schwer, danach bei dem Wort Abschiebung nicht mehr an das persönliche Schicksal von Menschen zu denken, die sich nicht aussuchen können, wo sie leben.«

Aufführungen

Uraufführung

25.9.2011

Staatstheater Hannover

Aufführung

Theater Freiburg, 2012/13

Aufführung,

Theater Aachen, 2012/13

Aufführung

Theater im Bauturm, Köln, 2012/13

Aufführung

Oldenburgisches Staatstheater, 2013/14

Aufführung

Theater Baden-Baden, 2013/14

Aufführung 

little black fish productions, Berlin, 2013/14

Aufführung,

 Lichthof Theater, Hamburg, 2014/15

Aufführung,

Staatstheater Mainz, 2015/16

Aufführung

Staatstheater Kassel, 2015/16

Aufführung

Theater junge Generation, Dresden,  2016/17

Aufführung

Theater Koblenz, 2017/18