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theater und medien
Theater, UA: 12.11.2010, Schauspiel Frankfurt, Regie: Martin Kloepfer
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Synopsis

Die Brüder Eirik und Berg finden ihren Vater tot in seiner Wohnung auf. Was ist zu tun? Bestatter? Polizei? Im Sessel lassen, aufs Bett legen? Was klein beginnt und eine traurige Normalität des Lebens sein könnte, wächst sich schnell zur Extremsituation für die Brüder aus. Unter dem Hochdruck der Konfrontation mit der Leiche tritt einiges subtil und doch gnadenlos zu Tage: Die Angst vor dem Tod und der eigenen Vergänglichkeit, die sich ihnen durch den Vater darstellt - und auch ein namenloses Leid, dessen Ursache sich in diesem nicht finden lässt.

So ähnlich die Lage für die Brüder scheint, so unterschiedlich bewähren sie sich. Denn Berg entwickelt fast unmerklich eine erschreckende Bestimmtheit, die ihn auf ganze andere Wege führt, als zu erwarten wäre.

Und über allem schweben die überraschend auftauchenden Zettel des Vaters, Gedichte, Prosafragmente, die wegführen aus dieser Geschichte - in andere Beklemmungen oder andere Freiheiten.

Nis-Momme Stockman hat mit DIE ÄNGSTLICHEN UND DIE BRUTALEN ein kunstvolles Kammerspiel geschaffen, das gleichermaßen die unerträgliche Langsamkeit wie die zerstörerische Wucht des Aufeinandertreffens zweier Brüder mit dem toten Vater einfängt. Obwohl die Not der Brüder so konkret ist, bleibt der Text nicht hängen am Naheliegenden. Er bewahrt ein Geheimnis. Die Verstörung ist eine größere als die über den Anblick eines toten Vaters in einem Sessel.

Ein Stück über die gesellschaftlich institutionalisierte Distanz zum Menschlichen - der Parzellisierung und Funktionalisierung seines Lebens und seines Sterbens, seiner Liebe, seiner Ängste. Ein Text über die Dialektik von Angst und Brutalität, Knecht- und Herrschaft als  treibende gesellschaftstrukturelle Kräfte – nicht nur zwischen Vater und Sohn.

ZEIGENNis-Momme Stockmann
Nis-Momme Stockmann schreibt Theaterstücke, Hörspiele, Lyrik und Prosa. Für das Stück DER MANN DER DIE WELT ASS erhielt er beim Heidelberger Stückemarkt 2009 Haupt- und Publikumspreis. KEIN SCHIFF WIRD KOMMEN wurde 2010 für den Mülheimer Dramatikerpreis nominiert, »Theater Heute« wählte ihn zum Nachwuchsdramatiker des Jahres. 2011 erhielt er den Friedrich-Hebbel-Preis. 2012 inszenierte Lars-Ole Walburg die Uraufführung TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR, die zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen und mehrfach nachgespielt wurde. 2016 erschien Stockmanns Debütroman DER FUCHS (nominiert für den Leipziger Buchpreis). Die Zeit nennt ihn »ein echtes Sprachgenie«.
Neuigkeiten
Presse
Frankfurter Rundschau

Lese man DIE ÄNGSTLICHEN UND DIE BRUTALEN, so Peter Michalzig in der Frankfurter Rundschau, sei »sehr deutlich zu spüren, dass da etwas arbeitet in einem jungen Autor«. Man meine, »ein düsteres inneres Drama zu erahnen, einen unaufgelösten Knoten aus Wut und Verzweiflung, Hass und Hoffnung, Liebe und Lebenslust«: »Dieser Dramenknoten ist in jedem Stockmann-Stück zu erkennen, nie aber so deutlich wie in diesem fünften. Im hochaufgeladenen Gestammel zündet der Autor verschiedene katastrophal-komische Eskalationsstufen. Stockmann hat keine Angst davor, auf Gefühle direkt zuzusteuern. Etwas Verletzliches, Selbstbezogenes und Inbrünstiges steckt in seinen Emotionaldramen.«

Süddeutsche Zeitung

»Ekel und Scham sind die bestimmenden Gefühle und Motive in diesem Stück, das sich von der grotesk schwarzen Komödie immer mehr zum tiefenpsychologisch qual- und rätselvollen Seelendrama entwickelt. Noch stärker aber ist diese Scheiß-Angst, die dieses Drama durchzieht, eine existentielle, namenlose Angst vor dem Leben, der Wahrheit und vor dem jeweils anderen, die Eirik und Berg offenbar schon seit ihrer Kindheit begleitet.«

Zeit

»Wieder erkennt man das enorme Talent von Stockmann, mit subitl stilisierter Alltagssprache und fein austarierten Dialogen seine Jungmänner so genau zu zeichnen, wie es wahrhaftiger und flackernder kaum geht. Mit grimmigem Witz schlendert der Dramatiker auf dem Reza-Bouevard entlang und spielt unentwegt mit dem Gedanken, auch noch federnd in die Beckett-Road einzubiegen. Just dafür, für dieses kühn kokette Gedankenspiel, drückt ihn das Feuilleton ja so fest ans Herz.«

Offenbachpost

»Berg und Eirik verfangen sich nach anfänglicher Sprachlosigkeit in einem clownesken Herr-und-Knecht-Spiel von abgründiger Komik. Die sich als zupackend gebärdende Spießerseele Eirik kanzelt den lockenköpfigen Kunstgeist Berg als handlungsunfähig ab. Zwischen schwarzem Humor und Slapstick mit der Leiche stößt das sich in cholerischen Ausbrüchen ergießende Kästchendenken des Krawattenträgers auf den Freigeist seines schlaksigen Antipoden. Schließlich ist es der Freigeist, der sich als der Geerdete, Lebensfähige erweist. Das Familienbild gerät ins Schwimmen, das Bild des Vaters auch: Die Brüder finden heraus, daß er Gedichte verfasst hat. Die Komödie hat sich zum Melodram gewendet. Stockmann ist offenkundig mehr als ein Talent. Emotionen vermittelt er über Sprache, unsentimental und pathosfrei. Sein Blick auf die Figuren ist sezierend und mitfühlend zugleich. Stockmann kann Figuren zeichnen, die typisch sind, zum Klischee aber nicht erstarren. Über das rechte Maß hinaus ist der Mann nicht gepriesen worden!«

kultiversum

»Zwei Brüder, ihr toter Vater, eine Katze. Das ist das Personal und im Prinzip auch das Setting von Nis-Momme Stockmanns neuem Stück. Allein aus dieser Konstellation schöpft er einen Bogen von der bitterkomischen Analyse tradierter Trauerstrukturen hin zur Höllenfahrt in die Abgründe von drei angstzerfressenen Existenzen.



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Aufführungen

Uraufführung

12.11.2010, Schauspiel Frankfurt

Aufführung

7.4.2011, Deutsches Theater, Berlin

Aufführung

Februar 2012, Theater Keller, Köln