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theater und medien
Theater, UA: 23.8.2012, Schauspiel Frankfurt, Regie: Auftrag:Lorey
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Synopsis

Erinnern stellt einen Riss im Informationskontinuum einer Welt der rasenden Bild- und Sensationswechsel dar. Erinnern bedeutet Anhalten, Absondern, Aufmerken, Sammeln und Verweilen. In ihrem neuen Projekt, das Auftrag:Lorey zusammen mit den Ensemblemitgliedern Traute Hoess und Felix von Manteuffel entwickeln, geht es um kollektive und persönliche Erinnerung, um Erlebtes, Erfundenes und den vagen Raum, der dazwischen liegt. Um Momente, die dem Leben eine unerwartete Wendung geben, um Augenblicke des Kontrollverlusts und des Glücks, um kleine Begebenheiten, die manchmal genügen, plötzlich die Welt ganz anders zu begreifen als zuvor, um die eigene Vergänglichkeit, das Vergessen und das Verschwinden.

Auftrag:Lorey inszenieren keine dramatischen Texte, sie begeben sich auf die Suche nach anderen Mitteln, Theater zu machen. Ein Theater, das keine abgeschlossene Kunstwelt behauptet, sondern eintaucht in die Wirklichkeit, um deren theatrales Potenzial zu erkunden. Ihre Inszenierungen ergeben sich aus der Logik des versammelten Materials: aus Rechercheergebnissen, aus den Biografien, den Interessen und den besonderen Fähigkeiten der Beteiligten, aus gesellschaftlichen Diskursen und schließlich aus der individuellen Wahrnehmung des Zuschauers.

Immer wieder geht es Auftrag:Lorey in ihren Theaterentwürfen um das, was sich in den engen Grenzen einer Spielregel, eines Systems zeigt, was aber letztlich unfassbar und unbeherrschbar bleibt. Eine Ästhetik, die sich gegen starre Grenzen und scharfe, scheinbar unverrückbare Definitionen wehrt und die dem Unvorhergesehenen und Unberechenbaren, den regionalen und individuellen Eigentümlichkeiten Spielräume eröffnet.

 

ZEIGENAuftrag:Lorey
Seit 2001 realisieren Auftrag:Lorey Projekte, die sich an der Grenze zwischen Performance und installativer Kunst bewegen. Ausgangspunkt bildet ein jeweils vor Ort recherchiertes Material. »Auftrag:Lorey legen die Brüche in unserer Welt offen, die wir im Alltag aus pragmatischen Gründen übersehen müssen«, so Gerald Siegmund über die beiden Künstler. Für das Schauspiel Frankfurt entstanden die Arbeiten HORROR VACUI und BOUNCING IN BAVARIA. Für das Deutsche Theater Berlin schrieben und inszenierten sie die Uraufführung BACK TO BLACK (2015). In der Spielzeit 2017/18 setzen Auftrag:Lorey ihre Arbeit am DT mit einer weiteren Arbeit unter dem Titel HIER UND DORT fort.
Neuigkeiten
Presse
Frankfurter Allgemeine Zeitung

»So kann man anfangen. So vergnüglich, so melancholisch. So unaufgeregt spielerisch vordringen zum Kern der Frage, was das denn eigentlich sei, das Theater. Und was es heute soll. Daß der Auftakt im Frankfurter Schauspiel rundum gelungen ist, liegt zunächst an den glänzenden Schauspielern mit ihrer Bühnenpräsenz, ihrer Ironie und Selbstironie, ihrem Witz und ihrem lakonischen Ernst. Aber auch daran, daß Stefanie Lorey und Bjoern Auftrag auf Form in der Formlosigkeit Wert legen und die mal großen, mal kleinen Gefühle, die das menschliche Leben grundieren, nicht unter den Tisch der ästhetischen Theorie fallen lassen. Traute Hoess und Felix von Manteuffel geben viel von sich preis. Und behalten doch viel für sich. Es ist ihrer hohen schauspielerischen Kunst zu verdanken, daß es unklar bleibe, was an Improvisationen beabsichtigt war und was nicht. Der Erinnerungsdialog wirkt ungemein authentisch, und das Durchspielen der Metapher vom Leben als Theater ist kein blutleeres Geplänkel, sondern bekommt eine geradezu existenzialistische Wucht.«

Frankfurter Rundschau

»Traute Hoess und Felix von Manteuffel elektrisieren sich - und das Publikum. Dieses feiert zuletzt mit rhythmischem Klatschen auch das Wiedererkennen. Vor allem die Älteren finden in den meisten dieser Ich-erinnere-Michs eine Andockstelle fürs Gedächtnis. Der Markenzwieback Brandt und die Ahoj-Brause, die Ermordung Kennedys und das Waldsterben, AFN und Claudia Cardinale in »Spiel mir das Lied vom Tod«. Auftrag : Lorey reduzieren ihre Theaterabende auf einen ebenso zarten wie festen Kern, auf die Essenz des Erzählens.«

nachtkritik

»Ich erinnere mich an Felix von Manteuffel und Traute Hoess, diese großen Schauspieler mit ihren erfahrenen Körpern, wie sie im raschen Wortwechsel eine Topographie der Kindheit entwerfen, ihrer Gerüche und Geschmäcker, diese ersten Welterkundungen, deren Intensität und Einzigartigkeit ihrer Ausschnitthaftigkeit entspringen – wie das Licht, das durch die angelehnte Tür ins Schlafzimmer fällt. Ich erinnere mich, dass die einfache Struktur des Abends die Wahrnehmung schärfte für die kleinen Verschiebungen, die halbgeöffneten Lider des Felix von Manteuffel zum Beispiel. Ich erinnere mich an Erinnern, das zur Anekdote gerinnt und an solches, das überspringt und die eigene Erinnerung in Gang setzt. Ich erinnere mich an die gründliche, nahezu pedantische Durchforstung von Schichten und Qualitäten der Erinnerung an diesem Abend, die im Moment ihrer Aufführung gleichwertig werden und ein Bild dessen entwerfen, was man »ein Leben« nennt.«

Deutschlandradio

»Felix von Manteuffel und Traute Hoess sind eine Erinnerungsmaschine: ein Gedächtnis mit zwei Hirnen. Die beiden Erinnerungskombattanten reden pausenlos, immer in kurzen Sätzen - wie in Pointen, Aphorismen. So verkürzt, dass sie grotesk, lehrreich, erhellend, frappierend auch für andere sind. Aus den vielen Einzelheiten schälen sich im Laufe des Abends eine Reihe von philosophischen und psychologischen Erkenntnissen über das Erinnern: wie rudimentär es ist, wie es verkürzt, wie viele Details man behält, dass es fast immer Kleinigkeiten sind, die sich geradezu symbolhaft aufblasen. Man lernt, wie sich Erinnerungen in kleinen Kapseln abspalten. Man merkt, wie man verfälscht, hinzufügt, idealisiert und am Ende wieder vergisst. Man lernt aus der parallelen Erzählweise von Traute Hoess und Felix von Manteuffel, daß simultane Erinnerungen häufig synchron erscheinen. Fälschlicherweise. Am Ende zweifelt man an der Wahrhaftigkeit von Erinnerungen überhaupt: sie sind Geschichten, die man in sich trägt, ein Konstrukt, das uns zu dem macht, für das wir uns halten.«

Aufführungen

Uraufführung:

23.8.2012, Schauspiel Frankfurt