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theater und medien
Theater, 1D - 3H, Uraufführung: 8. Mai 2015, Theater Dortmund, Regie: Andreas Gruhn
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Synopsis

Christopher, Tobias und Marc arbeiten in einer »Zentrale auf dem Schrottplatz« und suchen nach ihrem Weg fürs Leben. Zunächst geht es um vermeintliche Banalitäten und jugendgerechte Sorgen: Der Hund ist verschwunden. Verantwortlich allerdings scheint kein Geringerer als Alfried Krupp und seinesgleichen zu sein. Ach je, wäre doch alles so schlicht wie in den Hörspielen unserer Jugend, von denen wir uns an unruhigen Tagen noch immer in den sicheren Schlaf wiegen lassen. Schnell ist klar, daß Krupp nicht nur hinter dem Abhandenkommen des Hundes steckt - sämtliche Abartigkeiten der modernen Welt werden ihm von den Jungs zur Last gelegt: Weltverschwörung, Kapitalismus, Ausbeutung. Da kommt dann doch so einiges zusammen, erst recht, wenn man Punkt sieben am Abendbrottisch zu sitzen hat.

Marie-Ann, das einzige Mädchen im Stück, sucht die Liebe und prallt brutal an allem ab. Wird sie doch nur beachtet, weil sie etwas hat, was die anderen wollen. Am ersehnten 15. Geburtstag bietet sie ihren Körper an, um die Liebe zu finden, denn so geht das, sie hat es im Kino gesehen. Aber sie erfährt wieder nur Ablehnung. Ihr letzter verzweifelter Versuch, Anschluß zu finden, mündet in transsexueller Hilflosigkeit. In den »Klub der Söhne« wird sie dennoch nicht aufgenommen. Mädchen sind Außenseiter, per se, und Marie-Ann scheitert an einer männlich dominierten Gesellschaft, in der Liebe keinen Platz hat.

ACH JE DIE WELT ist die skurrile Darstellung einer Gegenwart, in die der Einzelne entweder als funktionierender Teil hineinpaßt oder untergeht.

Für das Theater Dortmund hat Anne Lepper ihr erstes Jugendstück geschrieben, in dem sie aber weiterhin ihre sehr eigenen Referenzsysteme erforscht. Die Jungs vom Schrottplatz wirken ähnlich neunmalklug wie Hitchcocks Fragezeichen, und auch die Suche nach einem verschwundenen Hund erinnert an einschlägige Abenteuer-Literatur. Wie kurz die Jugend und mithin die Infragestellung des Altbewährten aber tatsächlich währt, darüber macht sich Anne Lepper keine Illusionen: Als aus dem Spiel bitterer Ernst wird, flüchten die drei Jungs in den »Klub der Söhne« - wahrscheinlich, um es ihren Vätern oder gar Alfried Krupp gleichzutun. Marie-Ann hingegen bleibt außen vor, mit dramatischem Ausgang. Um es frei nach Fassbinder zu formulieren: »Die Jugend ist kälter als der Tod«.

ZEIGENAnne Lepper
Mit ihrem Debütstück SONST ALLES IST DRINNEN gewann Anne Lepper beim Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik den Publikumspreis. 2011 wurde sie zum Berliner Stückemarkt eingeladen. Es folgten die Uraufführungen der Stücke SEYMOUR und KÄTHE HERMANN sowie die erste Einladung zu den Mülheimer Theatertagen 2012. Theater Heute wählte sie zur Nachwuchsdramatikerin des Jahres 2012. Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft verlieh ihr 2013 den mit 10.000 EURO dotierten Dramatikerpreis. Für ihr Stück MÄDCHEN IN NOT wurde sie mit dem Mülheimer Dramatikerpreis 2017 ausgezeichnet.
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Anne Lepper zeigt in ihrem Stück "Ach je die Welt" Jugendliche, die um ihren Platz im Leben kämpfen. Und dabei ausprobieren, was die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts zu bieten hat. Sie diskutieren, was Alfried Krupp und seinesgleichen wohl von ihnen erwarten würden. Doch die Industrie samt ihren Kapitänen ist längst verschwunden. In ihrem ersten Jugendstück hat die Autorin ihren Stil kaum verändert. Im Gegenteil, sie ist noch assoziationsreicher geworden. Einen Fluchtpunkt finden die drei Jungs im "Club der Söhne", der aus Fritz Langs "Metropolis" entlehnt ist, ein trügerisches Paradies der Reichen. Ein Mädchen möchte unbedingt dazu gehören. Marie-Ann sehnt ihren 15. Geburtstag herbei und stellt sich dann den Jungs als Lustobjekt zur Verfügung. Dann fasst Marie-Ann einen anderen Plan. Sie ist bereit, sich zu verwandeln, ein anderer Mensch zu werden, um einen Platz zu finden im Club der Söhne. Hans-Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau steckt ebenso in dieser Figur wie Frauenfiguren Ödön von Horváths und Rainer Werner Fassbinders. Anne Lepper montiert sprachliche Stilzitate in ihren Text, der ein faszinierend schillerndes dramatisches Gebilde ist. Anne Lepper hat sich schon früher mit Kindern beschäftigt: in ihrem skurril-boshaften Stück SEYMOUR über dicke Internatszöglinge, die von ihren lieblosen Eltern abgeschoben wurden. Sie ist keine Kompromisse eingegangen, "Ach je die Welt" ist eine Herausforderung an die Spieler wie die Zuschauer. Ein Verlorenheitsblues über die Industriegebietskinder, Theater, das auf subtile Weise zum Widerstand aufruft.

Aufführungen

Uraufführung: 8. Mai 2015,

Theater Dortmund