Wie formbar ist der Mensch? Der technologische Fortschritt entwickelt sich in allen Bereichen rasant. Noch steht die Gentechnologie am Anfang. Aber was passiert, wenn die Allmachtsfantasie des Menschen auf seinen eigenen Körper trifft? Viktor F. hat quer durch die Fächer studiert: Gentechnologie, Eugenik, Historik, Bionik. Nun will er seinen Studien die Krone der Schöpfung aufsetzen: er schafft aus totem Material, aus »Lehm, Zeugs, Fleisch«, ein neues Lebewesen. Ausgehend von Mary Shelleys Roman »Frankenstein oder Der moderne Prometheus« schreibt Thomas Melle ein Stück, das mit Unsicherheiten und Realitätsmöglichkeiten spielt: Wer ist eigentlich Mensch und wer Monster?
»Am Anfang war das Alles, und das Alles war eins, und alles war gut. Unterschiedslos lebte das Leben und waberte im Ewigen. Dann kam Gott, und Gott war die Teilung. Alles spaltete sich auf in Etwas und Etwas, und in etwas anderes und noch etwas anderes, und das andere teilte sich in wieder anderes und anderes, immerfort und unaufhörlich. Himmel und Erde schieden sich voneinander, aber auch Luft, Wolken und Äther fielen ab, und Land und Meer teilten sich, aber auch Inseln, Watt und Ufer kamen ins Sein, und Mensch und Tier gingen verschiedener Wege, aber Zwitter, Zwischenwesen und Chimären kündeten von ihrer Verwandtschaft. Die Differenzierung war unendlich. Dann dachte der Mensch, er sei Gott, und wollte die Teilung überwinden. Oh, du armer, selbstsüchtiger Narr. Dich mit dem Leben selbst anzulegen.«