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theater und medien

Evangelien und weiße Wale:

Voges und Gockel in Stuttgart

Folgt man den Rezensenten, so schlug das Theaterherz an diesem Wochenende kräftig in Stuttgart. Kay Voges inszenierte dort DAS 1. EVANGELIUM, Jan-Christoph Gockel folgte mit seiner Adaption von Melvilles größenwahnsinnigen Roman MOBY DICK.

Mit wilden Assoziationen, Verbindungen und Kappungen verwirre die Inszenierung die uns so bekannt scheinende Motivwelt der Lebensgeschichte Jesu. »Das Angebot ist gigantisch« resümiert Rainer Zerbst begeistert in seinem »Fazit« auf Deutschlandfunk Kultur. Voges habe einen Stoff gewählt, den jede*r zu kennen meint. Seine Inszenierung stelle jedes Gefühl der Vertrautheit aber grandios in Frage. Zerbst habe »seit Jahren nicht einen solchen fulminanten, so durchdachten und auch ästhetisch-sinnlich faszinierenden Theaterabend erlebt«.

»Geboten wird ein technisch opulenter, optisch spektakulärer, musikalisch von Paul Wallfisch hoch emotional untermalter Bilderfluss, ja, geradezu eine Bildersturzflut, ein theatralisches Wimmelbild«, schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung. Das 1. Evangelium' ist Theater von hohem Schauwert, das bei aller Coolness aber nicht vordergründig bleibt oder ironisch, sondern es inhaltlich durchaus ernst meint mit seinem Angebot an den Zuschauer, sich ein paar Fragen zu stellen. Woran glaubst du? Wie betest du? Wofür stehst du ein?«

Voges' Inszenierung schaffe es, mit ihren »überbordenden Assoziationsangeboten ein paar dringende Fragen zu stellen« und dabei die vermeintliche abendländische Selbstverständlichkeit des Textes zu unterwandern, schreibt Mirko Weber in der Stuttgarter Zeitung.

Auf nachtkritik urteilt Verena Großkreutz über Gockels MOBY DICK: »Es ist ein sehenswerter Theaterabend, der der Vorlage mit den Mitteln des Theaters erfolgreich gerecht zu werden versucht. Das ist wahrlich kein Kinderspiel.« Dafür sei auch das »ausdrucksstarke Bühnenbild von Julia Kurzweg« verantwortlich, das eine gute Vorlage liefere: »ein großes Schiffswrack, in zwei Teile zerborsten, eingesponnen in wirre Takelage und von innen illuminierbar wegen lichtdurchlässiger Bootswände.«

Für Thomas Rotschild (Stuttgarter Zeitung) gelingt es der Inszenierung, »der Gefahr des nur Hörspielhaften durch einen sinnfälligen visuellen Kontrapunkt zu den Worten zu entgehen.« Eine besonders hervorzuhebende Rolle spiele dabei das Bühnenbild: »Julia Kurzweg hat aus Brettern einen Schiffsrumpf entworfen, der die halbe Spielfläche bedeckt. Wo er mit der Mannschaft an Bord hin und her schwankt und die Lichtregie das Ihre dazu beiträgt, lässt sich sehr bühnenwirksam ein veritabler Sturm auf See imaginieren: Theaterzauber der feinen Art. Fazit: Als Romanadaption gehört dieser Theaterabend zur gelungenen Sorte.«

Debütstück von Philipp Stadelmaier

Philipp Stadelmaier schickt sich an, eine neue Gattung zu etablieren: den grotesken Edelboulevard – vielleicht die einzige Form, mit der der Wirklichkeit noch beizukommen ist, in welcher die Clowns längst übernommen haben. Dem Verdacht nachgehend, es könnte vielleicht doch nicht alles so schön und so einfach sein, wie es sich in deutschen Familienwohnküchen, WG-Runden und subventionierten Theatersälen gerne darstellt, feiert Philipp Stadelmaiers VANISHING POINTS noch einmal genüßlich die Errungenschaften des Abendlandes, die man sich von niemandem streitig machen läßt, weder von kleinen syrischen Jungs noch von den viel zu lauten »Scheißnazis« auf der Straße. Wochenendliche Sit-ins mit den lieben Nachbarn inklusive freier Meinungsäußerungen; die Altenpflege im Schichtdienst; der unreglementierte Genuß von Alkohol und seine erhebende Wirkung auf jedes noch so vor sich hinplätschernde Partygespräch; und natürlich die fröhlichen Wissenschaften – stichhaltiges und unbestechliches Erbe der Aufklärung, völlig einzigartig in der Welt. Die Dekonstruktion der bürgerlichen Großstädteridylle läßt in dieser stilbewußten Groteske nicht lange auf sich warten: Sie steckt bereits in jedem Winkel der nach der Maßgabe gehaltvoller Unterhaltung eingerichteten Wohnzimmerbühnen der Wohlfühlbürger und wartet darauf, ihnen ins Gesicht zu springen. In Auseinandersetzung mit dramatischen und bürgerlichen Konventionen verzerren sich in VANISHING POINTS die Perspektiven, und es prallen Szenarien aufeinander, die je für sich den Anspruch auf Realität erheben. Philipp Stadelmaier, geboren 1984 in Stuttgart, ist freier Autor, Filmkritiker und Filmwissenschaftler. Er lebt und arbeitet in Wien, wo er 2017 die groteske Komödie VANISHING POINTS fertig gestellt hat.

Rudiš erhält Preis der Literaturhäuser 2018

Das Netzwerk der Literaturhäuser verleiht den mit 15.000 EUR dotierten »Preis der Literaturhäuser 2018« dem tschechischen Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor und Publizisten Jaroslav Rudiš. Der heute 45-jährige tschechische Schriftsteller hat die tschechische und deutschsprachige Literatur in den vergangenen Jahren aber nicht nur mit seiner Prosa bereichert, große Aufmerksamkeit erregte er vor allem durch Crossover-Arbeiten. So erschien gemeinsam mit dem Künstler Jaromír Švejdík alias Jaromír 99 – in Tschechien als Rocksänger gefeiert – die Graphic Novel Alois Nebel. Die gleichnamige Filmversion wurde als Bester Animationsfilm mit dem Europäischen Filmpreis ausgezeichnet. Jaroslav Rudiš zeichnet in seinen Texten mit Ironie und feinem Gespür für die Alltagsängste der Menschen die Gesellschaft anhand von besonderen Typen, die häufig Opfer tragikomischer Ereignisse sind. Dabei begibt er sich gern in den Untergrund und an die Ränder von Orten, Zeiten und Leben, um einen umso schärferen Blick auf die Wirklichkeit zu werfen. So sind seine Bücher cool, witzig, kritisch, politisch, poetisch, widerständig, anti-bürgerlich, berührend und verführerisch – kurzum: literarischer Rock’n’ Roll. Mit dem Preis der Literaturhäuser 2018 ist er nun endgültig in der deutschsprachigen Literatur angekommen. Der Preis wird am 15. März 2018 im Rahmen einer Veranstaltung im Literaturhaus Leipzig verliehen. Er besteht - neben dem eingangs erwähnten Preisgeld - aus einer Lesereise durch die im Netzwerk zusammengeschlossenen Literaturhäuser. Wir gratulieren!

Kurt-Hübner-Preis für Regie an Nora Abdel-Maksoud

Nora Abdel-Maksoud erhält für ihre Inszenierung THE MAKING OF den Kurt-Hübner-Regiepreis. Der Förderpreis für Regie wird jährlich von der Stadt Bensheim zusammen mit der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste vergeben. Mit ihrer Inszenierung wurde Abdel-Maksoud 2017 bereits zum Festival Radikal jung nach München eingeladen, von den Kritiker*innen des Fachmagazins Theater heute Zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt und für das nachtkritik.de-Theatertreffen nominiert. In seiner Begründung betont Juror Peter Kümmel: »Die Aufführung platzt schier vor Künstlichkeit, sie verhandelt Abgründe an der äußersten Oberfläche, man könnte an Commedia dell'Arte denken – 'The Making-of' ist eine Commedia dell‘Arte fürs Serienzeitalter, zum Platzen affektiert, eitel, verlogen, selbstverliebt, selbstmitleidig, verlegen, betreten, kindlich. Aber vermutlich wahr. Und auf eine Art dann doch übermütig und Mut machend, die im deutschen Theater sehr selten ist. Vielleicht hat Nora Abdel-Maksoud diese Komödie geschrieben und inszeniert, um es in diesem Habitat auszuhalten. Man kann ihr nur weiterhin alles Gute wünschen.« Die Preisverleihung des Kurt-Hübner-Regiepreises findet am 17. März 2018 im Parktheater Bensheim statt. Nora Abdel-Maksoud ist Autorin und Regisseurin; ihre eigenen Stücke inszenierte sie u.a. für das Volkstheater München, das Neue Theater Halle, das Maxim Gorki Theater Berlin und das Ballhaus Naunynstraße, Berlin. Im kommenden Frühjahr inszeniert und schreibt sie erstmals für das Theater Am Neumarkt in Zürich.

Neuigkeiten
Viele Nominierungen beim virtuellen Theatertreffen

Die nachtkritik Redaktion hat 38 Produktionen des letzten Jahres nominiert und noch bis zum 24. Januar können die Leser*innen wieder über die Auswahl der 10 Inszenierungen für das 10. virtuelle nachtkritik Theatertreffen abstimmen. Wir freuen uns, daß auch in diesem Jahr wieder Arbeiten von uns vertretener Künstler*innen in dieser Zusammenstellung der interessantesten Inszenierungen des Jahres 2017 vertreten sind: Für die Münchner Kammerspiele stehen zur Wahl DAS ERBE von Olga Bach in der Inszenierung von Ersan Mondtag sowie TROMMELN IN DER NACHT und HAMLET, beide inszeniert von Christopher Rüping. Zum zweiten Mal unter die besten Zehn könnte es in diesem Jahr Milo Rau schaffen; dessen Produktion LENIN geht für die Berliner Schaubühne ins Rennen. Aus Wuppertal ist BILDER VON UNS von Thomas Melle (Regie: Henri Hüster) dabei. Auch aus Österreich und der Schweiz sind einige Produktionen ausgewählt worden. Vom Schauspielhaus Graz DER AUFTRAG: DANTONS TOD nach Heiner Müller und Georg Büchner, auf die Bühne gebracht von Jan-Christoph Gockel. Zum Schuss freuen wir uns mit dem Theater Basel über zwei Mal Büchner: Thom Luz‘ Inszenierung von LEONCE UND LENA und Ulrich Rasches Version von WOYZECK – auch Rasche hat somit Chancen auf die zweite Top-Ten Platzierung in Folge.

ARD-Interview mit Björn Bicker

Der Schriftsteller und Theatermacher Björn Bicker berichtet in einem ausführlichen Interview auf ARD alpha von seiner Arbeit und Methodik. Das vollständige Gespräch ist in der ARD Mediathek zu sehen.

Deportation Cast in Toronto

Nach zahlreichen Inszenierungen v.a. im deutschsprachigen Raum gelangt Bickers Stück DEPORTATION CAST zu seiner englischsprachigen Erstaufführung: Übersetzt von Birgit Schreyer Duarte und durch die Unterstützung des Goethe Instituts Kanada ermöglicht, feiert die Inszenierung von Keira Loughran am 25.01. im Foster Studio der York University Toronto Premiere. Unter dem Spielzeitmotto „World of Exiles“ setzt sich das Programm des Studios mit Sehnsüchten, Zugehörigkeiten und örtlichen und psychischen Verdrängungsmechanismen auseinander. Weitere Spieltermine sind für den 26. und 27.01. vorgesehen.

Die nächsten Premieren im neuen Jahr

Das neue Jahr beginnt aus unserer Sicht turbulent und mit einer Vielzahl spannender und interessanter Theaterabende. Marco Štorman hat mit Tankred Dorsts Großwerk »Merlin« am 11. Januar am Staatstheater Kassel den Anfang gemacht. Es folgt ein dreitägiger Marathon am Staatstheater Stuttgart mit Premieren von Kay Voges (»Das 1. Evangelium«), Jan-Christoph Gockel (»Moby Dick«) und Wilke Weermann (»Fahrenheit 451«) vom 19.-21. Januar. Auch Jessica Glause (»Der thermale Widerstand« in Bozen) und Michael von zur Mühlen (»Aida« in Halle) starten an diesem Wochenende mit aktuellen Arbeiten ins neue Jahr. Der BR sendet das Hörspiel-Debüt des Schweizer Autors Michael Fehr (SIMELIBERG) am 20.1. sowie Thomas Melles Hörspiel ÄNNIE (nach dem gleichnamigen Theaterstück) am 21.1. Lily Sykes und ihre Bühnenbildnerin Jelena Nagorni arbeiten erstmals am Theater Lübeck; die Inszenierung »Der widerspenstigen Zähmung« gelangt am 2. Februar zur Premiere, Ulrich Rasche wiederum inszeniert (auch zum ersten Mal) am Staatsschauspiel Dresden (»Das Große Heft« am 4. Februar 2018). In der darauffolgenden Woche, am 9.2., zeigt das Theater Dortmund mit DAS INTERNAT eine Uraufführung von Ersan Mondtag (Regie, Kostüm, Bühne). Olga Bach hat für das Berliner Rambazamba-Theater FRAUEN VOM MEER überschrieben. In der Uraufführung am 16. Februar spielt u.a. Angela Winkler mit. Mit der Stückentwicklung WENN WIR LIEBEN feiert Maxi Obexer am 18. Februar Premiere am Nationaltheater Mannheim, gefolgt von einer weiteren Inszenierung von Marco Štorman am Theater Bonn (»Die schmutzigen Hände« am 22.2.18).

Ersan Mondtag/Ausstellung im MMK Frankfurt


HR2 über die Arbeit: »Die Ausstellungsstücke sind zum Teil bekannt, aber die Inszenierung von Ersan Mondtag stellt sie in einen komplett neuen und radikalen Zusammenhang. Unsere Kunstkritikerin Stefanie Blumenbecker war restlos begeistert.«