Sanja Mitrović

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You could consider Sanja Mitrović's work, on the one hand, as a perpetual reenactment of the loss of a meaningful overarching narrative, and, on the other, as the search for a new identity. There is no hope, or even wish, to ever fix that identity in a definite and permanent way. The puzzle can never be completed. 'We always come back to our wounds,' she says. A wound which is autobiographical, yet universal.
(Evelyne Coussens, journalist and theatre critic)

 

Person

Sanja Mitrović arbeitet als Theaterregisseurin, Performerin und Dozentin. Sie wurde in Zrenjanin im ehemaligen Jugoslawien geboren. Sie absolvierte ein Studium der Japanischen Sprache und Literatur an der Universität Belgrad und studierte »Mime Studies« an der Akademie für Theater und Tanz der Universität Amsterdam. 2009 gründete sie die Compagnie »Stand Up Tall Productions«, die kollaborative Projekte im Bereich der »socially engaged practices« realisiert. Seit 2013 lebt Mitrović in Brüssel, wo sie Drama and Documentary Theatre am Royal Institute für Theatre, Cinema and Sound unterrichtet.

Für die Durchdringung der Verbindungen von Theater und den sozialen, politischen und kulturellen Realitäten unserer Zeit hat Mitrovićs Arbeit international Anerkennung erfahren. Ihr Ansatz spielt an der Schnittstelle zwischen Drama, Performance, Tanz und visueller Kunst. Oft entstehen ihre Arbeiten in enger Zusammenarbeit mit diversen Communities. Sie hat eine dokumentarische Herangehensweise entwickelt, die auf das Weltgeschehen und die Biografien der Beteiligten gleichermaßen eingeht. Humorvoll und doch scharf in der Analyse, zeichnen sich ihre Arbeiten durch den Drang aus, den Einfluß kollektiver Prozesse auf das private Leben der Individuen zu untersuchen.
Mitrovićs Produktionen entstanden als Aufträge oder in Co-Produktion mit führenden Theatern und Festivals oder wurden von diesen präsentiert, darunter das BITEF Theater und BITEF Festival in Belgrad, das Centre Dramatique National Nanterre-Amandiers, die Schaubühne und das Hebbel am Ufer in Berlin, die Wiener Festwochen, das Kunstenfestivaldesarts, die Koninklijke Vlaamse Schouwburg und die Beursschouwburg in Brüssel, das Theater Spektakel in Zürich sowie Teatro Nacional São João in Porto.

1999-2007 war Mitrović Mitglied von Montažstroj, einer Performance Company aus Kroatien. Sie zog 2001 in die Niederlande und war nach ihrem Studium Artist in Residence am Theater Gasthuis (2006-08) und am Hetveem Theater (2008-11) in Amsterdam. Hier präsentierte Mitrović das feministisches Tanzsolo »Dhanu« (2005), das interkulturelles Duett »Shame« (2006) und in Zusammenarbeit mit einer Gruppe von Jugendlichen »Books Once Read Make a Good Bulletproofing« (2007).

Vom Theaterinstitut Nederland wurde sie mit dem renommierten BNG Nieuwe Theatermakers Prijs für »Will You Ever Be Happy Again?« ausgezeichnet. Die Jury lobte »a moving and fascinating performance, presented in an effortlessly simple form […] which investigates how nationality affects personal identity.« Die Produktion wurde 2008 beim BITEF Festival in Belgrad uraufgeführt, tourte international und wurde auch 2010 für den Prix Jardin d‘Europe nominiert.

Konzipiert als »cultural phenomenology of tears« wurde »A Short History of Crying« ab 2011 von einer umfassenden Publikation mit Beiträgen von Dragan Klaić, Nienka Scholts und Maya van den Heuvel-Arad begleitet. Es war die erste Arbeit von Mitrović, die in den USA präsentiert wurde.

2011-12 war Mitrović Artist in Residence beim Festival a/d Werf in Utrecht, für das sie in Zusammenarbeit mit dem Architekten Laurent Liefooghe die performative Installation »Daydream House« entwickelte, die Ausschnitte aus Tschechows Kirschgarten mit den Geschichten von Menschen verband, die in der Finanzkrise um 2008 ihr Zuhause verloren haben.

»Crash Course Chit Chat« versammelte eine multinationale Gruppe von Künstler*innen aus Gründungsstaaten der Europäischen Union. Die Arbeit untersuchte die Beziehung zwischen deren persönlichen Leben, ihrem Erbe und ihrer Erziehung sowie ihrer gemeinsamen europäischen Identität. Im selben Jahr kreierte Mitrović die Live-Streaming-Videoperformance »Seven Lucky Episodes Regarding Resistance« für das Tanzquartier Wien sowie die site-specific Performance »Everyone Expects to Grow Old, But No One Expects to Get Fired« in einer Textilfabrik in Guimarães, Portugal.

Für das Kunstenfestivaldesarts entstand 2013 »SPEAK!«, eine interaktive Performance über die Bedeutung, Wirkung und Macht von politischen Reden. »Do You Still Love Me?« (2015) nutzt Theater und Fußball als Blaupausen, um sich den aufgeladenen Begriffen Gemeinschaft, Zugehörigkeit und Liebe in ihren komplexen und widersprüchlichen Inkarnationen anzunähern. Die Arbeit wurde in vier Versionen als Zusammenarbeit zwischen Theaterkünstler*innen und Fußballfans verschiedener Clubs präsentiert. Im selben Jahr war Mitrović eine der Darstellerinnen in »The Dark Ages« von Milo Rau (Residenztheater München).

»Comrades, I Am Not Ashamed of My Communist Past« (2016) ist ein autobiografisches Duett mit dem berühmten serbischen Schauspieler Vladimir Aleksić. Die Produktion thematisiert die jüngste Geschichte der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien, indem sie die persönlichen Erinnerungen der Performer*innen und ikonische Werke des nationalen Kinos in Verbindung setzt.

2017-2019 war Mitrović Artist in Residence am Centre Dramatique National in Orléans. 2018 entstand für das Centre National Dramatique Nanterre-Amandiers die Produktion »My Revolution Is Better Than Yours«, inspiriert von den Protesten von 1968, deren Hinterlassenschaften und Wahrnehmungen.

Für ihr jüngstes Projekt »Danke Deutschland - Cảm ơn nước Đứ« hat Mitrović mit dem Ensemble der Schaubühne Berlin und Mitgliedern vietnamesischer und laotischer Communities ein Porträt der ambivalenten und oft beunruhigenden Vorstellungen von nationaler Zugehörigkeit in Deutschland entwickelt. Nach der Premiere im Frühjahr 2019 berichtete die New York Times: »In a festival packed with shows that promised to deal with explosive topics, Danke Deutschland was one of those that most succeeded in turning hot-button issues into convincing theater.« Die Produktion bleibt in der Spielzeit 2019/20 im Repertoire der Schaubühne.