Orpheus aus der Oberwelt

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Theater, UA: 10.10.2014, HAU, Berlin
Inhalt

Europa macht dicht. Immer stärker scheint der Wunsch zu werden, sich von der gewaltigen Landmasse im Osten abzugrenzen. Im Südosten übernimmt diese Aufgabe ein Fluss, der durch drei Länder fließt: Evros/Meriç /Marica (auf Griechisch, Türkisch oder Bulgarisch). Als Teil der EU-Außengrenze erlangte dieser Fluss traurige Berühmtheit durch unzählige an seinen Ufern aufgefundene Tote. Zu den Ertrunkenen kommen die Unglücklichen, die in das Minenfeld entlang des griechischen Ufers geraten. Seitdem sich Frontex dieses Grenzabschnitts angenommen hat und den Fluss durch meterhohe Zäune verstärkt hat, müssen die Flüchtlinge wieder die Fahrt übers Mittelmeer wagen. Die Grenzregion dagegen bleibt ein »Niemandsland«, das Flußdelta ist ein Naturparadies, eines der wichtigsten ornithologischen Gebiete der Welt. Es handelt sich um das antike ‚Thrakien‘, das schon in den griechischen Mythen als archaisches Ausland galt. Eines Tages könnte es auch zu Europa gehören, aber noch liegt es, zumindest teilweise, außerhalb. Wie stellt sich Europa aus der Perspektive seiner Mythen dar: Der Weg nach Europa wird zum Gang in die Unterwelt, ins Totenreich. Denn im Fluss Evros trieb laut singend Orpheus' Kopf, nachdem er von den Erinnyen zerrissen wurde.

Orpheus' Gesang, der seit Monteverdi zur Metapher für die Oper selbst geworden ist, wird zum Klagegesang. Doch die Erinnyen, die sein Gesang nicht besänftigen kann, entstammen keiner archaischen Vorzeit, sondern einer zukünftigen Zivilisation: unserer Gegenwart. Zugleich stellt sich die Frage, ob es nicht die Bürger Europas sind, welche die Rachegöttinnen zu fürchten hätten. Die mythische Gegend wird mit der aktuellen Realität des Grenzregimes konfrontiert, der zerrissene Leib einer mythischen Figur mit den zerfetzten Körpern namenloser Flüchtlinge: re-membering Orpheus.