Warten auf Tränengas

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Theater, noch frei zur UA
Inhalt

Szene vor dem Palast: Zuerst sind es nur ein paar Menschen, die schweigend vor dem Regierungssitz des Präsidenten stehen. Nach und nach werden es mehr und immer mehr, die ihren Blick gegen die Glasfassade des Regierungsgebäudes richten: als wollten sie sie mit der Kraft ihrer Gedanken sprengen. Die Demonstrant*innen haben keine Parolen mitgebracht und keine Schilder. Und vor allem suchen sie kein Gespräch. Es ist still vor dem Palast, ein Machtvakuum verdichtet sich. Als die Situation schlagartig eskaliert, kommt Tränengas zum Einsatz, erklärt der Staat binnen Sekunden seinen Bankrott.

Was dann kommt, klingt wie eine Erfolgsgeschichte: Eine schweigende Mehrheit fordert friedlich den Lauf der Dinge heraus – und ist damit erfolgreich. Der alte Präsident wird gestürzt und mit ihm seine festgefahrene Regierung aus dem Amt gefegt. Als Anführerin der Bewegung gelangt Diana – jung, dynamisch, weiblich – an die Spitze des Staates und verkündet euphorisch die Ziele der Bewegung: Sozialer Fortschritt! Demokratischer Fortschritt! Ökologischer Fortschritt! Mit der Überzeugungskraft dieser Schlagworte soll sich eine neue, eine umfassende und verbindliche Gemeinschaft gründen. Der schweigenden Mehrheit soll endlich eine Stimme gegeben werden! Im siegreichen Freudentaumel scheint niemanden zu interessieren, dass die neue Präsidentin, die eine strahlende Repräsentantin sein will, gar nicht gewählt wurde. Ein mit allen Mitteln geführter Machtkampf entbrennt, in dessen Verlauf „die Mehrheit“ sich als anonymer Machtfaktor erweist.

Parabelhaft spielen Sauter und Studlar die verführerische Leichtigkeit eines Machtwechsels durch. Dabei setzen sie sich mit dem Charakter und den Folgen postdemokratischer Politik auseinander, deren Ideenlosigkeit sich mit den austauschbaren Masken griffiger, Progressivität imitierender Slogans zu schmücken weiß. „Warten auf Tränengas“ reflektiert die Instabilität, die Langeweile und die Unattraktivität institutioneller Demokratie und deren Herausforderung durch allzu vitale populistisch effekthaschende Gemeinschaftsversprechen. Dabei setzen die Autoren nicht auf moralische Urteile, vielmehr verfolgen sie die Zersetzung der Strukturen politischer Auseinandersetzung zugunsten einer emotionalisierten, von sich selbst überzeugten Politik im Namen einer selbsternannten Mehrheit.

Mit einem kleinen Cast gelingt es Sauter und Studlar, das komplexe Spannungsgeflecht eines gesellschaftlichen Umbruchs zu skizzieren. Dabei legen sie empfindliche persönliche und affektive Momente machtpolitischer Strategien frei.

Warten auf Tränengas ist eine drängend aktuelle, da gleichsam zeitlos verdichtete Studie politischer Psychologie.