Anta Helena Recke zum zweiten Mal in Berlin

Herzlichen Glückwunsch an Anta Helena Recke und Helgard Haug, die mit ihren aktuellen Arbeiten zum Berliner Theatertreffen 2020 eingeladen sind.

Recke fährt nach 2018 bereits zum zweiten Mal zum Theatertreffen. Damals wurde ihre Inszenierung »Mittelreich«eingeladen, diesmal ist sie mit der nachfolgenden Arbeit (ebenfalls Münchner Kammerspiele) DIE KRÄNKUNGEN DER MENSCHHEIT (eine Koproduktion mit dem HAU, Berlin, Kampnagel Hamburg und Mousonturm, Frankfurt/M.) dabei.

Helgard Haug ist als Teil der Gruppe Rimini-Protokoll ebenfalls ein wiederkehrender Gast des Berliner Theatertreffens. Bei CHINCHILLA ARSCHLOCH WASWAS (Mousonturm und Schauspiel Frankfurt) zeichnet sie für Text und Regie allein verantwortlich.

Triumphaler Hamlet von Christian Weise

Mit ›Alles Schwindel‹ hat Christian Weise dem Maxim Gorki Theater bereits eine saisonübergreifenden Erfolgs-Inszenierung beschert. Nachdem zuletzt auch seine Mannheimer ›Möwe« (ebenfalls gemeinsam mit Paula Wellmann) von der Kritik begeistert aufgenommen wurde, sind die Rezensionen für seine aktuelle Inszenierung ›Hamlet‹ (ebenfalls Maxi Gorki) geradezu sensationell. Die taz schreibt: »Diese Seifenoper hat es in sich: König Claudius hat mit seinem Bruder, Hamlets Vater, nämlich den kommunistischen Weltgeist himself, Karl Marx, ermordet und nach der Heirat mit seiner Schwägerin die sozialistischen Ideen an den Markt verraten. Deutsch-deutsche Wiedervereinigung als unmoralische Familienzusammenführung anderer Art. Die Tragödie der Gegenwart wird hier als Farce in die Geschichte projiziert. Dieser „Hamlet“ zeigt keineswegs nur die komödiantische Hinterseite eines übergewaltigen Stoffs,  sondern hebt zugleich den Status quo dieses schiefen Staats in eine historische Tragik, die Weises Version, fein balanciert zwischen Klamauk und hohem Ton, nicht mehr als sichtbar machen kann.« Desweiteren in der SZ: »Christian Weise und Bühnenbildnerin Julia Oschatz verwandeln das Stück über lange Strecken in einen Trickfilm mit gemalten Kulissen. Auch mit diesem Hamlet-Comic erweist sich das Haus als das derzeit vitalste, anarchischste, spielfreudigste Theater Berlins, mindestens.« Der Tagesspiegel jubelt: »Weise gelingt ein Abend, der ebenen- und geistreich sowie unterhaltsam ist. Weises Inszenierung badet genüsslich in ihrem Overkill an Ideen und Bezügen, an Bildern und Darstellungslust. Unglaublich, wie differenziert und gegenwartsdurchlässig die Schauspielerin diesen Dänenprinzen aus ›Dschörmennie‹ spielt: verletzend, verletzt, tragödisch und trashig, knallhart im Austeilen, stolz im Einstecken, temporär romantisch verliebt und am Ende butterweich beim Sterben – ein Ereignis!«

Rasche und Richter rocken Berlin

»Ein wirklich großer, maßstabsetzender Abend!« heißt es in Christine Wahls Rezension im Berliner Tagesspiegel über Ulrich Rasches Auftakt-Inszenierung am DT. »4.48 Psychose« klingt bei Rasche »nicht nur überraschend zeitgenössisch, ja geradezu zeitdiagnostisch. Rasche gelingt es, mit einem überdurchschnittlichen Ensemble diese Figur tatsächlich aus der Opferperspektive herauszuholen«. Janis El-Bira erlebte für Nachtkritik eine »geradezu exemplarische Aufführung eines postdramatischen Klassikers, wie sie auch über die laufende Spielzeit hinaus Referenzcharakter behalten dürfte. Rasches Zugriff ist so nah an Kanes weit über alles Individualpathologische hinausgehendem Text, wie man es sich klüger und genauer kaum vorstellen könnte.« Zu Falk Richters Uraufführung »in my room« schreibt Anna Fastabend in der SZ: »Richter gelingt, wieder einmal, eine Punktlandung. Denn wo sonst hat man schon mal eine derart lebhafte, vielschichtige und emotionale Auseinandersetzung mit ganz verschiedenen Vaterfiguren erlebt wie an diesem Abend. Richter zeichnet ein erschreckendes Psychogramm der Spezies Mann mit berührenden, absurden, tragikomischen, tieftraurigen und beglückenden Anekdoten.« »Die Temperatur höher, die Schauspieler noch einen Tick durchlässiger, das Publikum, das später minutenlang stehend applaudiert, konzentrierter und angefasster. ›In My Room‹ fordert das Aushalten von Ambivalenzen ab. Aus den einzelnen Perspektiven  kristallisieren sich Muster heraus, die sich zu Gesellschafts- und Generationenbildern zusammenpuzzeln lassen«, berichtet Christine Wahl für den Tagesspiegel. »Was diese fünf Schauspieler da pausenlose 130 Minuten veranstalten, ist Liebeserklärung und Anklage, Party und Requiem, Tragikomödie und Rockkonzert. Zumindest in Berlin hat man – von den jüngsten Pollesch-Abenden im Friedrichstadt-Palast und dem DT abgesehen – lange nichts gesehen, das so aus jeder Pore atmet.«

PeterLicht: 2 x Molière am Residenztheater

Kurz vor Weihnachten hat das Residenztheater das zuletzt mit einer Einladung zum Theatertreffen gekrönte Duo PeterLicht/Claudia Bauer mit einer erneuten Molière-Bearbeitung dem Münchner Publikum vorgestellt. Im Deutschlandfunk heißt es, PeterLichts DER EINGEBILDETER KRANKE sei »tiefschürfender als die gängige Konsumkritik in diesen frohen Feiertagen. Er offenbart darin die absolute Egomanie als DNA des kapitalistischen Systems, die zweitausend Jahre christliche Ethik wie Nächstenliebe und soziale Verantwortung obsolet erscheinen lässt. Größer kann die Kopfnuss des Autors ans Publikum in dieser besinnungslosen Zeit nicht sein.« Egbert Tholl erkennt in der SZ durchaus, den depressiven  und ernsten Kern des Ganzen, nämlich »Argans Angst vor dem eigenen Zerfall. Es ist die Schwermut einer Gesellschaft, die denen, die nicht funktionieren, nicht mehr zuhören will.« Aus Lichts Text tauchen, so die Nachtkritik »immer wieder Sonnen der Aphorismenseligkeit oder der valentinesken Sprachjonglage«. PeterLicht »nutzt gewitzt Bla-Sprache, lässt die Figuren selbst an dem ständigen Wiederholen ihrer ans Inhaltsleere grenzenden Suaden verzweifeln und schlägt mittendrin doch immer wieder mit einer Ernsthaftigkeit zu, die sich den Zuschauern durch Dauerschleifen besonders eindengelt. Was ist eigentlich wichtig angesichts von Krankheit und Tod? Wie schafft sich Leiden Platz im Leben? Fragen, die man sich ja mal stellen kann.« Im April 2020 wird mit TARTUFFE eine weitere Arbeit von Licht und Bauer am Residenztheater in den Spielplan genommen.

 

Neuigkeiten
»Nationalstraße« in deutschen Kinos

Der auf dem Stück von Jaroslav Rudiš' NATIONALSTRASSE basierende Kinofilm ist bald auch in deutschen Kinos zu sehen. Sehen Sie hier den deutschen Trailer!

Uraufführungen im Februar

Am 20. Februar wird WARTEN AUF TRÄNENGAS am Kosmos Theater Bregenz uraufgeführt. In einer Zeit, in der die institutionelle Demokratie von den einen als unattraktiv und den anderen als wenig wehrhaft wahrgenommen wird, skizzieren die Autoren  Andreas Sauter und Bernhard Studlar einen dystopischen Gesellschaftsumbruch im Kern Europas. Für ANGSTBEISSER ist Wilke Weermannmit dem Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet worden. Weermann ist eine schnell rhythmisierte Bestandsaufnahme einer jungen und am Exzeß ausgerichteten Generation im Großstadtdschungel gelungen (UA am Schauspielhaus Wien am 27. Februar 2020).

Štorman überzeugt erneut in Bremen

Nach seinem großen Erfolg mit »Nixon in China« (Oper Stuttgart), der Marco Štorman in der jährlichen Kritiker-Umfrage der »Opern-Welt« vielfache Erwähnung einbrachte, ist der Regisseur mit seiner nunmehr dritten Arbeit an die Oper Bremen zurückgekehrt. »Unter der präzisen, mit nur wenigen symbolischen Mätzchen aufwartenden Regie von Marco Štorman seziert Jakob Lenz diesen wehrlosen Zustand wachsender Isolation bei lebendigem Leib auf offener Bühne, öffnet Herz und Hirn und deliriert in einem Bewusstseinsstrom. Ein verstörender Abend: klanglich diffizil, szenisch schlüssig, sängerisch und darstellerisch eine Wucht« heißt es in der Deutschen Bühne. Die Neue Musikzeitung ergänzt: »Die Bremer Aufführung ist nichts weniger als mitreißend. Dem Regisseur Marco Štorman gelingt es, uns zu betroffenen Zeugen zu machen von Lenz‘ Halluzinationen, seiner Sehnsucht, dazuzugehören und genau das nicht mehr zu können. Es gelingt ihm, uns Lenz zu zeigen als ein Teil von uns, die wir die Vertreter einer stets disziplinierenden Ordnung sind.« In ›Operalounge‹ heißt es: »Dieser Opernabend mit wirkt lange nach und dürfte sich bei den meistern Zuschauern tief ins Gedächtnis gebrannt haben. Und das aus mehreren Gründen: Zum einen ist da die singuläre Leistung von Claudio Otelli in der Titelpartie, zum anderen sind es die Inszenierung von Marco Štorman und die Bühnengestaltung von Jil Bertermann, die für beklemmende, intensive Hochspannung von der ersten bis zur letzten Sekunde sorgen. Regisseur Marco Štorman ist das Kunststück gelungen, das an äußerer Handlung eigentlich arme Stück trotzdem zu einem Theaterabend voll berstender Spannung zu formen. Ein nachhaltiger und das Publikum fordernder Opernabend, den man sich nicht entgehen lassen sollte!«

Falk Richter geht nach München

Falk Richter wird Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen. Er schließt sich zur nächsten Saison dem Leitungsteam um die designierte Intendantin Barbara Mundel an, wie die Zeit berichtet. Richter, geboren 1969 in Hamburg, gehört zu den bekanntesten Regisseuren und Dramatikern im deutschsprachigen Raum. Mit seiner Inszenierung von Elfriede Jelineks »Am Königsweg« wurde er 2018 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Sein aktuelles Stück »in my room« ist in eigener Inszenierung am Maxim Gorki Theater in Berlin zu sehen.

Unsere Glückwünsche: 20 Jahre Rimini-Protokoll

Wir gratulieren sehr herzlich und bedanken und an dieser Stelle für viele inspirierende Jahre der Zusammenarbeit. In diesen Tagen feiert das Regie- und Autoren-Kollektiv Rimini Protokoll, bestehend aus Helgard Haug, Daniel Wetzel und Stefan Kaegi sein zwanzigjähriges Bestehen. In der Süddeutschen Zeitung schreibt Peter Laudenbach: »... die drei Rimini-Regisseure haben eine neue Form des Dokumentartheaters erfunden und ganz nebenbei immer wieder vorgeführt, daß die Wirklichkeit selbst voll ist von Theaterformaten, Real-Theater sozusagen. Das Trio zählt zu den einflussreichsten Regisseuren eines postdramatischen Theaters, das viel von Brechts kühlem Blick gelernt hat und auf Einfühlungsangebote verzichtet hat.« In den kommenden Wochen zeigen verschiedene Theater, allen voran das Berliner HAU eine große Werkschau. »Der Besuch« so Laudenbach weiter »dürfte locker ein Semester Soziologiestudium ersetzen.«