Milo Rau: Mozart und School of Resistance

Eine Erschütterung ging durch den Blätterwald, als vergangenen Freitag Milo Rau am Genfer Grand Théâtre seine erste Oper inszenierte, Mozarts letztes Werk »La Clemenza di Tito«. »Milo Raus erste Operninszenierung am Grand Théâtre de Genève reißt einem das Herz heraus«, resümierte The Stage und verteilte 5 Sterne. »Oper, wie sie besser nicht gesungen und gespielt werden kann... Der Aufstand der Massen hat in Genf endlich auch die Oper erreicht«, schrieb die Süddeutsche Zeitung. Die NZZ meinte: »Der Skandalregisseur inszeniert am Grand Théâtre de Genève Mozarts letzte Oper «La clemenza di Tito» intellektuell anregend und politisch.« Die Tribune de Genève erlebte gar einen »zutiefst erneuernden und bewegenden Ansatz« und Toutelaculture sah, wie viele Kritiker, ein »durch die Radikalität der Inszenierung in Begeisterung versetztes Ensemble.«

Machen Sie sich selbst ein Bild - den Livestream der Inszenierung finden Sie hier.

Auf der Suche nach Strategien des Widerstands gründeten Milo Rau, das IIPM und das NTGent im Mai 2020 eine global vernetzte „School of Resistance“ als Livestream-Debattenreihe. Nun landet sie als symbolische Institution der Zukunft an der Akademie der Künste (Berlin) und hinterfragt in Rückgriff auf bisherige Projekte ästhetische Praktiken des Widerstands. Aktivist*innen und Künstler*innen diskutieren gemeinsam über Kunst als transformatorische, realitätsschaffende Praxis.

School of Resistance @Akademie der Künste Berlin: Livestreams vom 24. bis 28.2.2021 sind hier verfügbar.

ANSCHLUß von Jaroslav Rudiš

ANSCHLUß, das neue Vier-Mann-Stück von Jaroslav Rudiš handelt von Männern, die warten: auf die Liebe, Vergebung, den Tod oder einen Neu-anfang. In ihrer Tragik sind sie komisch und traurig zugleich und philosophieren über Grenzen, Liebesbriefe und Wild-schweine. In der seit langem geschlossenen Gaststätte eines seit langem stillgelegten Rangierbahnhof, der direkt auf der ältesten Grenze Europas steht, soll eine Konferenz stattfinden, die die großen Themen verhandelt: Alte Werte, die nicht mehr gültig sind, Arbeiten, die nicht mehr verrichtet werden müssen, Anstand, den es nicht mehr gibt, Anschluss an etwas, das so nicht mehr existiert.
Jaroslav Rudiš zählt zu den bedeutendsten zeitgenössischen Autoren Tschechiens. In seinen Romanen, Hörspielen und Essays beschäftigt er sich regelmäßig mit der historischen Entstehung von Grenzorten, den Erfahrungen von Menschen, die dort leben, und der Sehnsucht nach Sicherheit und Identität, die mit klaren Grenzen oftmals Hand in Hand zu gehen scheint.

EIN FELD IM FRÜHLING von Rainer Merkel

Rainer Merkels neustes Stück EIN FELD IM FRÜHLING erzählt von einer merkwürdigen Truppe auf einer mysteriösen Mission. Man denkt an eine Spezialeinheit in feindlichem Kriegsgebiet, doch was sich da durch die heimische Flora bewegt, ist auf ganz andere Art speziell: eine Unternehmensberaterin, eine Wachfrau, der stellvertretende Leiter eines Flüchtlingsheims, ein Psychologe, seine im Hintergrund agierende Frau und ein Schüler mit besonderen Fähigkeiten – zusammen auf der Suche nach einem geflüchteten Geflüchteten. Und dieser bleibt nicht nur physisch verschwunden, sondern auch auf andere Weise abwesend. Denn all diese vermeintlich Helfenden kreisen ausschließlich in ihrem jeweils eigenen Kosmos. Und der Schüler, ausgestattet mit der Fähigkeit, Gesichter in riesigen Menschenmassen sehr schnell zu erkennen – was allerdings im heimischen Wald kein sehr nützlicher Vorzug ist – sympathisiert mit dem Geflüchteten und hat sich schnell vom Rest der Truppe abgesetzt.

TELL von Christian Winkler

Christian Winkler hat eine Überschreibung des Klassikers Wilhelm Tell von Schiller vorgelegt: TELL - EINE WAHRE GESCHICHTE. Im Sommer 2020 reist der Regisseur Franz von Strolchen in einem alten weißen Postbus um den Vierwaldstättersee, um jene Orte zu besuchen, die in der Sage von Wilhelm Tell Erwähnung finden. Der berühmte Apfelschuss wird zum Sinnbild für eine archaische Herausforderung, die der Held der Geschichte alleine gar nicht bewältigen kann. Damit wird dieser Tell zu einer Figur mit Fehlern, Widersprüchen und Zweifeln. Auf seiner Recherchereise findet von Strolchen aber auch moderne Held*innen, die aktuelle Probleme mit Selbstaufgabe und Hingabe angehen und somit zu starken Identikationsfiguren werden - aber auch zum Personal des Schiller-Klassikers umfuktioniert werden. Die Adaption zeichnet sich durch dokumentarische Genauigkeit und eine poetische Sprache und Denkweise aus, die dem Original einen neuen Glanz verleihen.

Neuigkeiten
Schleef und Rüping beim Theatertreffen

Herzlichen Glückwunsch an Marie Schleef und Christopher Rüping! Mit ihrer eigenen freien Produktion »Name Her. Eine Suche nach den Frauen«, einem furiosen Solo mit Anne Tismer, feiert Marie Schleef ihr Debüt beim Theatertreffen. Christopher Rüping ist gewissermaßen ein alter Bekannter in Berlin. Mit »Einfach das Ende der Welt« ist er bereits zum vierten Mal seit 2015 zum Theatertreffen eingeladen.

Mülheimer Theatertage

Sowohl Christine Umpfenbachs 9/26 – DAS OKTOBERFESTATTENTAT (UA: 25.09.2020, Münchner Kammerspiele) als auch Boris Nikitins ERSTE STAFFEL. 20 JAHRE GROßER BRUDER (UA: 19.09.2020, Staatstheater Nürnberg) sind zu den 46. Mülheimer Theatertagen eingeladen! Wir freuen uns sehr auf das renommierte Mülheimer „Stücke“-Festival, das dieses Jahr vom 8. bis zum 29. Mai stattfinden wird und gratulieren herzlich!

Juliane Kann: »Die Verwandlung« online

Juliane Kann inszenierte Kafkas „Die Verwandlung“ in Weimar und hat sich mit dem Ensemble auf die Suche nach surrealen Bildern für das Gefühl von Isolation, Ausgrenzung und das Verhalten der Familie Samsa begeben. Das Stück bleibt bis zum 28. Februar 2021 hier online abrufbar.

Milo Rau ONLINE

Vom 12. bis 14. Februar findet die Online-Konferenz »The Reconstruction of the World« statt, wo Milo Rau am Abschlusspanel teilnimmt. Am 19. Februar feiert er mit seinem Team die Online-Premiere seiner ersten Oper La Clemenza di Tito von Mozart in Genève und vom 24. bis 28. Februar ist die »School of Resistance« zu Gast in der Akademie der Künste in Berlin. Zudem schreiben der Autor Édouard Louis, der Politphilosoph Geoffroy de Lagasnerie und Milo Rau live ein neues Buch.

Syrse komponiert für Radio France

Diana Syrse hat ein Orchesterstück im Auftrag von Radio France komponiert. "Géante Rouge" kommt am 5. Februar im Rahmen des Festivals "Présences 2021" zum ersten Mal zur Aufführung. Zu sehen und hören ab 20 Uhr auf dieser Website.

Beuys´ Küche - im Stream

In Krefeld ist Joseph Beuys am 12. Mai 1921 zur Welt gekommen. Einer der einfluss-reichsten Künstler des 20. Jahrhunderts, der in seinem Werk die Grenzziehungen zwischen Kunst und Leben permanent in Frage gestellt hat. Christoph Klimke hat seinen klugen Text BEUYS´ KÜCHE für das Theater Krefeld-Mönchengladbach verfasst, das hier im Stream gezeigt wird.