
Richter und Menardi stürmen die Nachtkritik-Charts
Auf Rang 1 und 2 der aktuellen Nachtkritik-Charts stehen Falk Richters neues Stück HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF (Schaubühne Berlin) und Wolfgang Menardis Burg-Debüt mit Nicolas Ofczarek als RICHARD III.
»Wie Jule Böwe das spielt – wie tief sie einsteigt in die Form jener wahren Widerständigkeit, die so unglaublich einsam macht und deshalb so irre viel kostet, und wie sie sich in einer Szene, in der sie symbolträchtig geohrfeigt werden soll, dieser fatalen Symbolproduktion ganz buchstäblich entzieht, das ist schlichtweg sensationell und ohne jede Frage eine der größten Schauspielleistungen der Saison. Mindestens!« schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel zur Uraufführung von HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF.
Falk Richter hat eine grosse Gesellschafts-Satire geschrieben, in deren Zentrum eine starke und tragische Frauenfigur steht. Am Beispiel seiner Hauptfigur spürt Falk Richter dem Verlust nach, der es bedeutet, älter zu werden, unter dem Brennglas eines Lebens in der Öffentlichkeit.
Nicht weniger als eine »Theatersensation«, schreibt der Spiegel. »Der Wiener Richard III. ist kein Berserker. Er ist ein nüchterner Stratege, der alle Widersacher wegräumt, den nichts rührt und der niemanden rühren will. Ein Tyrann für unsere Zeit, ein närrischer Weltzerstörer.«
Wolfgang Menardi meistert seine erste Shakespeare-Regie »mit Bravour«, heißt es in der NZZ. »Der Abend ist ein Abgesang auf alles Menschliche«.
Jürgen Kaube ergänzt in der FAZ: »Das Stück hält keinen Rat bereit, und auch die Hoffnung auf einen besseren Thronfolger, Shakespeares Lippendienst für die Tudors, ist hier gestrichen. Shakespeares Bühne, das zeigt der fabelhafte Abend, war keine moralische Anstalt.«
von Falk Richter
Hannah Zabrisky will nicht auftreten. Sie will das Stück, das sie seit Wochen probt, nicht mehr spielen. Sie will sich nicht mit ihrer Einsamkeit, ihrem körperlichen Zerfall, ihrer Angst vor dem Älterwerden auseinandersetzen: Sie ist eine Frau ohne Familie, ohne enge Freund:innen. Sie blickt zurück auf eine große Karriere, aber sie weiß nicht, ob die kommenden Jahre irgendetwas bereithalten, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen.
In HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF tobt vor den Türen des Theaters ein Clusterfuck an miteinander verwobenen Problemen: immer schneller eskalierende Kriege und politische Konflikte, abschmelzende Demokratien, Disruption. Hannah will ein neues Skript, eine andere Konfrontation mit sich und der Welt.
von Barbi Marković
In ihrem neusten Text nimmt die Autorin Barbi Marković die Beziehung von drei Schwestern in den Blick. Diese drei stehen einander so nah, dass sie sich gegenseitig bei der kleinsten Bewegung zwangsläufig verletzen. Sie leben eine brutale Beziehung ohne jegliche Filter, ohne Distanz und ohne Selbstkontrolle. Sie spielen ein Strategiespiel. Denn die 3 SCHWESTERN sind untereinander gnadenlos verwandt. «Wie eine Spaghetti auf einem Teller. Du weißt, dass du eine von ihnen bist, kannst aber nicht herausfinden, welche.» Hier tragen starke Frauenfiguren die Kämpfe, Ärgernisse und Freuden des Lebens unter sich aus.
Marković schafft mit ihren Texten einen Spagat: Humorvoll, kurzweilig, leicht und gleichzeitig tiefsinnig, traurig, surreal breiten sich ihre Texte vor uns aus. Sie bringt die banalsten Gewohnheiten scharfsinnig auf den Punkt und entführt uns im selben Zuge in seltsam skurrile Welten.
von Fatima Çalışkan
Vor einem gigantischen Bücherregal, das sich dank Lichtwechsel in eine Late Night Kulisse verwandelt, labert die Künstlerin und gelernte Sozialwissenschaftlerin ungehemmt zurück, verwebt popkulturelle Referenzen und überschreibt Krachts Bestseller mit ihrer Stimme. Sie tariert in ihrem inneren Road-Trip Ärger und Faszination über die männliche Poser-Haltung und das männliche Selbstverständnis aus. Mit ihrer Biografie wird sie als Gegenpol der gutsituierten, männlichen Erzählung aus Westdeutschland sichtbar und rezensiert ihre Arbeit im literarischen Quartett für die Bühne zur Sicherheit einfach selbst.
In ihrer transdisziplinären Arbeit entwickelt Fatima Çalışkan politische Positionen zu Biografie und Zeitgeist mit humorvoll-satirischem Zugriff. Für den Monolog FASERLAND-BOYS UND ICH. LABERN ÜBER MÄNNERLITERATUR. knüpft sie an ihre eigene Erfahrung an, von Menschen in unpassende orientalisierte Schubladen gesteckt zu werden und dreht den Spieß nun lustvoll um.
»Es ist eine der radikalsten und damit auch spannendsten 'Wallenstein'-Inszenierungen, die ich gesehen habe«, so Björn Hayer in Deutschlandfunk Kultur. »Gockel findet Bilder und die Bilder stimmen«. Für seinen Wallenstein nimmt sich Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen siebeneinhalb Stunden. »Und vieles, was in dieser Zeit passiert, ist abermals reines, wunderschönes Theaterglück«, schreibt Egbert Tholl für die Süddeutsche Zeitung. »Gockels Inszenierung führt exemplarisch vor, wie einem Klassiker politische und emotionale Aktualität abgewonnen werden kann. Das braucht Zeit, die sich diese Aufführung auch nimmt. Aber die vergeht letztendlich doch wie im Flug«, fasst Robert Braunmüller seine Eindrücke der Münchner Eröffnung in der Abendzeitung zusammen. Christoph Leibold kürt Jan-Christoph Gockel in Kultur heute zu einem »Meister der Fusion-Küche«. Die Zutaten dieses Abends: »Schauspiel, Figurentheater und Dokudrama, Livemusik und Live-Video. Für seinen Wallenstein hat er sich einen Michelin-Stern verdient.« Zusammengefasst: fahren Sie nach München, für Kulinarisches ist bereits gesorgt und sehen Sie sich diesen Wallen-Meilenstein an!
Einmal mehr wurde Anita Vulesica mit einem Nestroy ausgezeichnet, diesmal für ihre sensationelle Regie-Arbeit mit »Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh« vom Hamburger Schauspielhaus. In der Kategorie »Beste Bundesländeraufführung« hat Sara Ostertag gewonnen (»The Broken Circle«, Landestheater Linz). Wir gratulieren sehr herzlich!
PeterLicht bleibt ein unermüdlicher Chronist unserer Zeit - seine Betrachtungen der Welt gehören in diesen Zeiten mehr denn je auf den Büchertisch. Geradezu prophetisch der Titel seines neuen Buches (Tropen Verlag): »Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen«. PeterLicht stellt sich den Zumutungen des täglichen Lebens, der grundsätzlichen Un-/Okayheit der Welt, den Mini-Katastrophen und Mega-Details. Was wir wissen: Wo die Realität regiert, hat das Absurde Konjunktur. In den kommenden Tagen kann man den Autor u.a. hier live erleben: 15.10. ARD-Bühne (Frankfurter Buchmesse), 17.10. Lesung Open Books (Frankfurter Buchmesse), 18.10. Harbourfront Festival Hamburg, 19.11. Buchpremiere (Schauspiel Köln und Literaturhaus Köln). Ab Ende Oktober ist PeterLicht dann mit Musik und Lesungen auf Tournee zu sehen, die genauen Termine finden Sie hier.
Yannic Han Biao Federer erzählt im Buch »Für immer seh ich dich wieder« vom Verlust seines Kindes wenige Wochen vor der Geburt. Nun bekommt der Schriftsteller den »Buchpreis Familienroman 2025« der Stiftung Ravensburger Verlag. In der Begründung der Jury heißt es, der hochliterarische Text greife ein gesellschaftliches Tabuthema auf und zeige, wie stark der Zusammenhalt einer Familie sein kann. Ästhetisch sei der Roman bemerkenswert und mit unkonventionellen Mitteln erzählt.
Zudem ist Yannic Han Biao Federer Stipendiat des Vereins Villa Aurora & Thomas Mann House und wird 2026 drei Monate in Los Angeles verbringen.
Wir gratulieren von Herzen!
Die Produktion »Wozzeck« in der Regie von Johan Simons, die in der vergangenen Saison bei Opera Ballet Vlaanderen zu sehen war, ist für einen International Opera Award in der Kategorie Best New Production nominiert. Und noch mehr: Die Produktion wird auch in Peking gezeigt. Es wird das erste Mal sein, daß Alban Bergs »Wozzeck« in China aufgeführt wird. Die International Opera Awards werden am 13. November in der Griechischen Nationaloper in Athen verliehen. Dann wird sich zeigen, ob »Wozzeck« den Titel der besten Neuproduktion des vergangenen Jahres tragen darf.
Marco Štorman wird in der Spielzeit 2026/27 leitender Regisseur im Musiktheater und Co-Leiter der Sparte am Theater Bremen. Er wird die Sparte gemeinsam mit der leitenden Dramaturgin im Musiktheater, Frederike Krüger, und Musikdirektor Stefan Klingele leiten. Er folgt auf Frank Hilbrich, der im Sommer 2026 als Generalintendant ans Musiktheater im Revier nach Gelsenkirchen wechselt. Štorman ist dem Haus seit vielen Jahren verbunden und hat in Bremen regelmäßig Musiktheater inszeniert. In dieser Spielzeit zeigt die Oper Bremen »Die Zauberflöte« in seiner Regie.