Jan-Christoph Gockel in München und Wien

Nachdem die Münchner Kammerspiele am 8. Oktober mit Falk Richters »Touch«die Spielzeit eröffneten (ein »fulminanter Auftakt« laut Bayrischem Rundfunk), schließt sich Jan-Christoph Gockel mit seinem Stück für Schauspieler*innen und Puppen nach dem Roman von Ernst Toller »Eine Jugend in Deutschland« an. Jan Christoph Gockel, ab der Spielzeit 2020/21 Hausregisseur an den Münchner Kammerspielen, spürt im Prinzip einer sechsteiligen Serie Tollers rastlosem Künstlerleben nach und wirft mit einem Mashup aus Puppenspiel, Film, Schauspiel und Musik einen Blick auf Tollers vergessenes Gesamtwerk: »ein melancholisches, fast zärtliches Porträt ... ein kluger Abend« schreibt die Süddeutsche Zeitung.

Nur ein paar Tage später wird Jan-Christoph Gockels Film »Die Revolution frisst ihre Kinder« seine Kinopremiere an der Viennale feiern. Für den Film reiste Gockel mit Schauspieler*innen des Grazer Schauspielhauses im Herbst 2018 nach Burkina Faso. Entstanden ist ein Stück über Europäische und Afrikanische Geschichte aus Gesprächen mit Menschen vor Ort, über die Aporien der Aufklärung und den Geltungsanspruch humanistischer Ideale, über Rassismus, über Erfolg und Niederlage politischer Kämpfe. 

Lucia Bihler beginnt in Berlin

Für ihre Eröffnung an der Berliner Volksbühne erhält Lucia Bihler viel Applaus. Durchmischt mit Texten von Stefanie Sargnagel inszeniert sie ›Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland‹. Egbert Tholl wendet sich zu Beginn seiner hymnischen Kritik in der SZ noch einmal kurz der jüngste Volksbühnen-Geschichte zu: »...Man findet in Berlin leicht Leute, die seit Jahren nicht in die Volksbühne gehen, weil sie Verrat am alten Diskurs wittern. Aber sie verpassen einen neuen. Zumal dann, wenn Lucia Bihler inszeniert.« Lili Hering schreibt in der Zeit: »Weil Männer Krieg machen, müssen Frauen Gewalt erleiden oder sterben. So ging es den Troerinnen, so geht es Iphigenie, und so geht es Frauen in der Zeit der Sargnagel, wenn man Krieg durch Patriarchat ersetzt. Männer spielen bei Lucia Bihler keine mit, werden aber gespielt. Das Ganze verkommt aber nicht zur reinen Pointenshow, obwohl das Sargnagels Texte problemlos bieten könnten. Es ist eine trashig treffende Erkundung davon, wie vordergründig traurig (und manchmal geil) es sein kann, eine Frau zu sein. Gegen Ende fliegt Iphigenie in den Himmel, an einem Seil hängend, Zigarette in der Hand. Das Bild der schwebenden Frau hat im Tanz dem männlichen Blick entsprechend eine lange Tradition, siehe Schwanensee und La Sylphide. Da sollen die Frauen so leicht sein, dass sie sich auflösen und verschwinden. Hier schwebt die Frau gen Himmel, weil sie einen Furz in sich hält, der sie hochsteigen lässt, bis "ein Schauer Kot und Blut" auf die Welt niederprasselt. Das ist die Poesie jener, die kein Opferlamm mehr sein möchten.«

Lily Sykes reüssiert an der Burg

Lily Sykes bekommt für Ihre erste Arbeit am Wiener Burgtheater gute Kritiken. Die FAZ sieht »einen würdigen und wahrhaft heiteren Abschluss des Premierenreigens. Im Kasino am Schwarzenbergplatz von der jungen britischen Regisseurin Lily Sykes inszeniert, führen Johanna Mahaffy, Maya Unger, Caroline Baas, Wiebke Yervis und Lili Winderlich in jeweils mehreren weiblichen wie männlichen Rollen in knapp zwei Stunden vor, wie wichtig das oft namenlose Dienstpersonal der englischen Aristokratie in Jane Austens Werk ist. Man merkt den Beteiligten an diesem Abend in jeder Minute die Freude am Spiel an. Schlau und witzig, wenig tiefgründig, aber herzerfrischend lebendig geht damit die diesjährige Burg-Eröffnung zu Ende. ›Die Presse‹ schreibt von einer entzückenden, hinterfotzigen Inszenierung«. Derweil ist Lily Sykes bereits ans Theater Luzern weitergezogen, um dort in eigener Dramatisierung Elena Fernantes Bestseller »Meine geniale Freudin« als Schweizer Erstaufführung zu inszenieren. Mit der Stückentwicklung PAINOCCHIO am Staatstheater Kassel endet ihre Spielzeit im Frühjahr 2021. Am Staatstheater Hannover wird ihre Erfolgsproduktion »Orlando« mit Corinna Harfouch und Oscar Olivo wieder aufgenommen.

Paula Wellmann: Bühnenbildnerin des Jahres

Die Kritiker*innenumfrage des Fachmagazins Die Deutsche Bühne präsentiert in ihrer Ausgustausgabe ihre diesjährige Besten-Auswahl. 59 Autor*innen des Blattes beteiligten sich an der Umfrage, mit der die Deutsche Bühne alle Sparten abdecken will: Schauspiel, Oper, Tanz und experimentelle Formen. In der Sparte »Bühnenbild / Kostüm / theatrale Raumsituation« fielen die meisten Stimmen auf Susanne Kennedy und Paula Wellmann, sodaß sich beide Künstlerinnen den Titel »Bühnenbildnerin des Jahres« teilen. Wir gratulieren sehr herzlich!  Paula Wellmann arbeitete zuletzt verstärkt mit den Regisseur*innen Lilia Rupprecht und Christian Weise zusammen, außerdem mit Marco Štorman und Ersan Mondtag.

Neuigkeiten
Trailer zu Gockels Die Revolution

Trailer zu Jan-Christoph Gockels Film »Die Revolution frißt ihre Kinder«. Premiere ist Ende Oktober bei der Viennale!

Stockmann und Les Trucs mit gemeinsamen Hörspiel

Im Hörspiel »Der sich langsam WIRKLICH etwas seltsam entwickelnde Kongress der Thanatologen« wenden sich Nis-Momme Stockmann und Les Trucs unter anderem dem Jubiläumsthema ›Die Zukunft der Trauermusik‹ zu. Eine Satire über den Tod und den Wissenschaftsbetrieb, produziert vom NDR (Ursendung am 30. September um 20:00 Uhr, NDR).

Die Zukunft des Stadttheaters

In der Süddeutschen Zeitung schreibt Egbert Tholl über den Autor und Theatermacher Björn Bicker.

Beim BR spricht Björn Bicker mit Ella Steinmann über die Diversität der Kultureinrichtungen.

Neues Hörspiel von Andreas Sauter

DER MANN IM TURM ODER DAS GEHEIMNIS DER ZEIT ist ein Stück über die Zeit und was sie mit der Liebe macht. Die Liebe ist zwei Menschen abhanden gekommen und eine Familie droht zu zerfallen. Nun suchen das Kind, die Frau und der Mann einen Weg, damit umzugehen. Doch dann kommt die Zeit – drängt sich dazwischen –, und plötzlich sieht man nicht mehr, was eben noch so selbstverständlich wie lebensnotwendig war. In seinem neuesten Hörspiel zeichnet Andreas Sauter eine berührende Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen, dem Rätsel der Veränderung und dem Geheimnis der Zeit.

Hörspiel-Premiere „Der Mann im Turm oder das Geheimnis der Zeit“ am Freitag, 4. September 2020, 20:03 Uhr, Radio SRF 1 oder hier.

Güldens Schwester: Hörspiel des Monats

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benennt »Güldens Schwester« von Björn Bicker zum Hörspiel des Monats August. Die Jury begründet ihren Entschluss so: » ›Güldens Schwester‹, das ist Fatma Inan. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin des gleichnamigen Hörspiels von Björn Bicker ist Lehrerin. An ihrer Schule wird sie zur Zeugin, wie ein Junge seinen Mitschüler mit einem Messer tötet. Dieses traumatische Erlebnis bildet den Katalysator für Fatmas inneren Monolog, der – herausragend gesprochen von Meriam Abbas – das Zentrum des Hörstücks bildet. Fatmas Nachdenken über das Attentat ihres Schülers wird zur Reflexion über ihr Selbstverständnis als Lehrerin und ihre eigene migrantisch geprägte Biografie. Eine große Rolle nimmt hierbei die Trauer über den viele Jahre zurückliegenden, in der Familie nie wirklich aufgearbeiteten, Unfalltod ihrer Schwester Gülden und die Erinnerung an ihre Mutter ein.« Wir gratulieren!

Bicker erhält Arbeitsstipendium der Stadt München

Für sein nächstes Prosaprojekt Boutheinas Lächeln« erhält der Autor Björn Bicker das Arbeitsstipendium der Stadt München. In der Jury-Begründung heißt es dazu: »Bicker ist ein genauer Rechercheur randständiger Lebenswelten. Das hat er schon mit seinem 2016 mit dem Tukan-Preis bedachten Buch »Was glaubt ihr denn. Urban Prayers« (Verlag Antje Kunstmann) unter Beweis gestellt. Daß er die Marginalisierten unserer Gesellschaft nicht aus dem Blick verliert, zeigt sein jüngstes Projekt, das man durchaus als Fortsetzung des preisgekrönten Buches verstehen kann: In »Boutheinas Lächeln« erzählt Bicker in zehn Geschichten von Menschen aus der Gegend des Münchner Bahnhofsviertels – Stories, denen Nachforschungen des Autors in Hinterhofmoscheen, Flüchtlingsunterkünften und an anderen Orten der Stadt zugrunde liegen. Sein Mittel ist dabei das der Dokufiktion – basierend auf Begegnungen und „wahren Begebenheiten“ entspinnt sich ein literarischer Reigen besonderer Art. Sein soziologisch neugieriger Blick und seine empathische Gabe verleihen auch denen eine Stimme, denen wir vielleicht immer noch zu wenig zuhören und über die wir oft vorurteilsbeladen vorschnell urteilen.«


Außerdem erhält Björn Bicker im Jahr 2020 das Arbeitsstipendium für Schriftsteller des bayerischen Staatsministeriums für Kunst und Wissenschaft als »Zeichen der hohen Wertschätzung für wichtige Kulturleistung der Literatur für unsere Gesellschaft«.