Wilke Weerman in Stuttgart

Forever young? Was bedeutet im Zeitalter der manipulierten Bilder und Gesichter eigentlich noch der Begriff Schönheit? Unbedingt jung und agil zu bleiben, statt irgendwann alt und gebrechlich zu werden, ist ein allgegenwärtiges Credo. Der Autor und Regisseur Wilke Weermann beleuchtet im Schatten des heutigen durch Social Media geprägten Körperkults unseren Schönheitsbegriff und interpretiert einen der bekanntesten Romane der Moderne neu: Das Bildnis des Dorian Gray von Oscar Wilde (1854 – 1900). In dieser Geschichte verführt ein gewisser Lord Henry Wotton einen jungen Mann mit Namen Dorian dazu, seine Jugendzeit genussvoll bis zum Exzess auszuleben. Denn »der Jugend gehört die Welt«! 
In Dorian wächst der Wunsch, für immer schön und begehrenswert zu bleiben. Seine Beschwörung der ewigen Jugend geht in Erfüllung: An seiner Stelle altert sein gemaltes Porträt. Dorian führt ein rücksichtsloses Leben voller Rausch und Vergnügen und betrachtet dabei narzisstisch sein jugendliches Gesicht im Spiegel, um es mit seinem immer älter und hässlicher werdenden Porträt abzugleichen – ein Bildnis, das ihm schließlich zum Verhängnis wird.
In seiner Überschreibung PRETTY PRIVILEGE am Schauspiel Stuttgart (Uraufführung am 7. Februar) schält Weermann das zentrale Thema Wildes heraus: die Frage nach äußeren Erscheinungen und der Möglichkeit, innere Wahrheit zu erkennen. Er bezieht dabei aktuelle Diskussionen über Ethik und den Einfluss von Technologie auf unser Selbstbild mit ein. Als Ästhet feiert Lord Henry Schönheit als allerhöchsten Wert. Doch wie schön kann jemand sein, der skrupellos ist oder gar zum Mörder wird?

Am selben Tag feiert Joana Tischkau am Maxim-Gorki-Theater in Berlin die Uraufführung des neuen Stückes von Lamin Leroy Gibba: DIE ZWILLINGE (AT) entfaltet sich wie ein Panoptikum, eine Matrjoschka aus Stimmen, ein Fahrgeschäft, das nie anhält. Das Stück untersucht die fragilen Grenzen zwischen Wahrnehmung und Projektion, zwischen Deutungshoheit und Kontrollverlust. Die Figuren sind gefangen im Flackern von Wahrheit und Fiktion, tasten sich unter Beobachtung stehend auf der Suche nach einem Selbstbild voran, das nicht selten verrutscht.

 

Die Töchter der Orestie

von Maxi Obexer

Im dramatischen Kampf um die Beschwichtigung der Rachegöttinnen bringt Athene alle Frauen wieder zum Leben, die der Blutrache zum Opfer fielen: das Mädchen Iphigenie, die Mutter Klytaimnestra, Agamemnons Geliebte Kassandra und – die einzige Überlebende – Elektra. Die Orestie gilt als der Gründungstext der Demokratie – Orest, der sich dem Prozess unterwirft, als ihr erster Vertreter. Dabei startet Athene das mühsame Geschäft der demokratischen Verhandlung: Sie schafft eine gemeinsame Gesprächsgrundlage und erzielt schließlich eine friedliche Einigung.

Das Werk lässt die Frauenfiguren ihre abgebrochenen Geschichten zu Ende erzählen, teilt ihre Loyalitätskonflikte und ihren Anteil im Kampf um Würde, Anerkennung, Teilhabe und Selbstbestimmung. Die Frauen, oder auch DIE TÖCHTER DER ORESTIE zeigen, dass ein wahrer Kompromiss nur möglich ist, wenn alle zu Wort kommen, auch diejenigen, die schon aus der Geschichte herausgeschrieben sind. »Sonst«, so prophezeit Kassandra, »macht es Schule, und wir fliegen immer wieder aus der Geschichte, sobald wir unseren Job getan haben.«

 

Hannah Zabrisky tritt nicht auf

von Falk Richter

Hannah Zabrisky will nicht auftreten. Sie will das Stück, das sie seit Wochen probt, nicht mehr spielen. Sie will sich nicht mit ihrer Einsamkeit, ihrem körperlichen Zerfall, ihrer Angst vor dem Älterwerden auseinandersetzen: Sie ist eine Frau ohne Familie, ohne enge Freund:innen. Sie blickt zurück auf eine große Karriere, aber sie weiß nicht, ob die kommenden Jahre irgendetwas bereithalten, für das es sich lohnt, morgens aufzustehen.
In HANNAH ZABRISKY TRITT NICHT AUF tobt vor den Türen des Theaters ein Clusterfuck an miteinander verwobenen Problemen: immer schneller eskalierende Kriege und politische Konflikte, abschmelzende Demokratien, Disruption. Hannah will ein neues Skript, eine andere Konfrontation mit sich und der Welt.

3 Schwestern

von Barbi Marković

In ihrem neusten Text nimmt die Autorin Barbi Marković die Beziehung von drei Schwestern in den Blick. Diese drei stehen einander so nah, dass sie sich gegenseitig bei der kleinsten Bewegung zwangsläufig verletzen. Sie leben eine brutale Beziehung ohne jegliche Filter, ohne Distanz und ohne Selbstkontrolle. Sie spielen ein Strategiespiel. Denn die 3 SCHWESTERN sind untereinander gnadenlos verwandt. «Wie eine Spaghetti auf einem Teller. Du weißt, dass du eine von ihnen bist, kannst aber nicht herausfinden, welche.» Hier tragen starke Frauenfiguren die Kämpfe, Ärgernisse und Freuden des Lebens unter sich aus.
Marković schafft mit ihren Texten einen Spagat: Humorvoll, kurzweilig, leicht und gleichzeitig tiefsinnig, traurig, surreal breiten sich ihre Texte vor uns aus. Sie bringt die banalsten Gewohnheiten scharfsinnig auf den Punkt und entführt uns im selben Zuge in seltsam skurrile Welten.

Neuigkeiten
Gockel und Bihler beim Theatertreffen

Wir freuen uns sehr über die hochverdienten Einladungen für Jan-Christoph Gockel und Lucia Bihler zum Theatertreffen Berlin. Jan-Christoph Gockel fährt zum ersten Mal nach Berlin mit seinem Münchner »Wallenstein«, über den Björn Hayer für Deutschlandfunk berichtete, es sei »eine der radikalsten und damit auch spannendsten 'Wallenstein'-Inszenierungen, die ich gesehen habe«. Wir freuen uns außerdem für Lion Bischof, der als Video-Künstler Teil des Wallenstein-Teams ist. Lucia Bihler hat am Staatstheater Stuttgart Thomas Melles »Die Welt im Rücken« in einer Bühne von Paula Wellmann inszeniert. Für Bihler ist es bereits die zweite Einladung zum Theatertreffen. 2023 wurde sie mit »Die Eingeborenen von Maria Blut« nach Berlin eingeladen. Wir gratulieren!

nachtkritik-Theatertreffen 2026

Die zehn Publikumslieblinge unter 35 nominierten Theaterabenden der Saison sind gefunden. Wir gratulieren Paula Kläy mit FELIX KRULL, Olga Bach und Jessica Glause mit IM FERIENLAGER, Anna-Sophie Mahler, Katrin Connan und Annika Lu  mit REQUIEM FÜR EINE MARODE BRÜCKE und Milo Rau und Team zu PROZESS PELICOT. Wahnsinn!

Menardis "Richard" in Jahres-Top Ten der F.A.Z.

Für die F.A.Z. hat der Kritiker Simon Strauss die zehn besten Theaterinszenierungen des vergangenen Jahres ausgewählt. Dazu zählt Wolfgang Menardis »gefühlskluger Theaterabend« an der Wiener Burg,  der »keinen Traktat über Macht vorträgt, und bis auf zwei kurze, scherzhafte Gesten von Starschauspieler Nicholas Ofczarek unterbleibt auch jede Anspielung auf Tyrannen unserer Tage. Das Stück hält keinen Rat bereit, und auch die Hoffnung auf einen besseren Thronfolger, Shakespeares Lippendienst für die Tudors, ist hier gestrichen. Shakespeares Bühne, das zeigt der fabelhafte Abend, war keine moralische Anstalt.« Wolfgang Menardi bereitet aktuell mit »Die Wörter sind böse« eine Inszenierung am Schauspiel Köln vor (Premiere am 17. Januar 2026).

Michelin-Stern für Gockels Wallenstein

»Es ist eine der radikalsten und damit auch spannendsten 'Wallenstein'-Inszenierungen, die ich gesehen habe«, so Björn Hayer in Deutschlandfunk Kultur. »Gockel findet Bilder und die Bilder stimmen«. Für seinen Wallenstein nimmt sich Jan-Christoph Gockel an den Münchner Kammerspielen siebeneinhalb Stunden. »Und vieles, was in dieser Zeit passiert, ist abermals reines, wunderschönes Theaterglück«, schreibt Egbert Tholl für die Süddeutsche Zeitung. »Gockels Inszenierung führt exemplarisch vor, wie einem Klassiker politische und emotionale Aktualität abgewonnen werden kann. Das braucht Zeit, die sich diese Aufführung auch nimmt. Aber die vergeht letztendlich doch wie im Flug«, fasst Robert Braunmüller seine Eindrücke der Münchner Eröffnung in der Abendzeitung zusammen. Christoph Leibold kürt Jan-Christoph Gockel in Kultur heute zu einem »Meister der Fusion-Küche«. Die Zutaten dieses Abends: »Schauspiel, Figurentheater und Dokudrama, Livemusik und Live-Video. Für seinen Wallenstein hat er sich einen Michelin-Stern verdient.« Zusammengefasst: fahren Sie nach München, für Kulinarisches ist bereits gesorgt und sehen Sie sich diesen Wallen-Meilenstein an!

Nestroy für Anita Vulesica und Sara Ostertag

Einmal mehr wurde Anita Vulesica mit einem Nestroy ausgezeichnet, diesmal für ihre sensationelle Regie-Arbeit mit »Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh« vom Hamburger Schauspielhaus. In der Kategorie »Beste Bundesländeraufführung« hat Sara Ostertag gewonnen (»The Broken Circle«, Landestheater Linz). Wir gratulieren sehr herzlich!

Neues Buch von PeterLicht

PeterLicht bleibt ein unermüdlicher Chronist unserer Zeit - seine Betrachtungen der Welt gehören in diesen Zeiten mehr denn je auf den Büchertisch. Geradezu prophetisch der Titel seines neuen Buches (Tropen Verlag): »Wir werden alle ganz schön viel ausgehalten haben müssen«. PeterLicht stellt sich den Zumutungen des täglichen Lebens, der grundsätzlichen Un-/Okayheit der Welt, den Mini-Katastrophen und Mega-Details. Was wir wissen: Wo die Realität regiert, hat das Absurde Konjunktur. In den kommenden Tagen kann man den Autor u.a. hier live erleben: 15.10. ARD-Bühne (Frankfurter Buchmesse), 17.10. Lesung Open Books (Frankfurter Buchmesse), 18.10. Harbourfront Festival Hamburg, 19.11. Buchpremiere (Schauspiel Köln und Literaturhaus Köln). Ab Ende Oktober ist PeterLicht dann mit Musik und Lesungen auf Tournee zu sehen, die genauen Termine finden Sie hier.