Meerjungraun in Mülheim

In DIE KLEINEN MEERJUNGRAUN öffnet Kim de l’Horizon eine schillernde Unterwasserwelt, in der Körper, Identität und Verwandlung ineinander übergehen. Das Stück erzählt in Anlehnung an das Märchen über die kleine Meerjungfrau von Wesen, die sich jeder Festlegung entziehen – fluide, vielstimmig, widerständig. Zwischen Humor, Poesie und politischer Dringlichkeit entsteht ein Raum, in dem Mythen neu bewohnt und Grenzen spielerisch verschoben werden. Das kleine Meerjungrau verliebt sich in einen Marcomann und will ihm, komme was wolle, an Land folgen. Im Tausch für die neue Norm und ein besseres Leben verzichtet es auf Flutschigkeit, schillernde Schuppenpracht und seinen grossen glitzernden Schwanz – und zahlt dafür in der neuen Welt mit Unsichtbarkeit und Schweigen.

Die Einladung zu den Mülheimer Theatertagen und den Autor:innentheatertagen Berlin 2026 unterstreicht die besondere Bedeutung dieses Textes innerhalb der aktuellen Dramatik. Die Neue Zürcher Zeitung bezeichnete Kim de l’Horizons Schreiben einmal als »radikal sinnlich und zugleich präzise im Denken« – eine Haltung, die auch dieses Stück prägt.

DIE KLEINEN MEERJUNGRAUN ladent ein, sich treiben zu lassen und zugleich neu auf die Welt zu blicken: fließend, offen, vielgestaltig. Dies ist möglich in Mülheim am 27. Mai und in Berlin am 8. und 9. Juni.

Asiawochen

von Yannic Han Biao Federer

Vanessa ist obsessed mit den Geschichten hinter der Geschichte: dem Trauma hinter dem Schweigen des Vaters, dem Maß für die kollektive Schuld eines Lebens im Westen des 21. Jahrhunderts. Vanessa liest: Hannah Arendt, David van Reybrouck. Vanessa referiert: über den naziverseuchten BND und seine Rolle im Kampf gegen die Dekolonialisierung – und alle sind überfordert: Johannes, der um 3 Uhr nachts einfach nur schlafen will, ihr Betreuer im Referendariat, für den Geschichte längst die Form lehrprobentauglicher Häppchen angenommen hat, und das Theater, das als Medium dem Show don’t tell verplichtet ist. Aber Vanessa kann nicht anders. Alles hängt mit allem zusammen: der Kolonialismus mit dem Nationalsozialismus, der BND und Adenauers Angst vor einem mächtigen Asien mit dem Putsch gegen den ersten Präsidenten Indonesiens, die anschließenden Pogrome und Massenmorde.
»Das funktioniert so nicht!« wendet sich eine verzweifelte Figur an den Autor selbst, der aber auch nicht helfen kann: Wie soll das Verdrängte, das Unbesprechbare konsumierbar gemacht werden?
ASIAWOCHEN ist »Ein subtiles Drama über die Zusammenhänge von Essen, Kolonialismus und Stereotypen. « (Nachtkritik)

Die Affäre auf der Straße nach Monaco / L´Affare di Via Monaco

von Nele Stuhler & Jan Koslowski

DIE AFFÄRE AUF DER STRAßE NACH MONACO / L'AFFARE DI VIA MONACO ist ein komischer und zugleich klug gebauter Theatertext über die Stadt – über ihre Straßen, ihre Geschichten, ihre Menschen und ihre Widersprüche. In einer mitreißenden Collage aus Probenchaos und Boulevard‑Komödie verwandeln Nele Stuhler und Jan Koslowski die Straße in einen Denk‑ und Spielraum, in dem sich Theater und gesellschaftliche Wirklichkeit permanent ineinander spiegeln: Ein chaotisches Theaterteam probt ein Stück ohne Text, ein Kind schreibt die Handlung, während draußen der Verkehr stillsteht und drinnen die Fantasie explodiert. Figuren stolpern durch Kostümwechsel, Meta-Kommentare und urbane Absurditäten – und offenbaren dabei, wie sehr eine Stadt von ihren Wegen, Irrwegen und Umwegen lebt.

Mit großer Lust am Meta‑Spiel, temporeichem Wortwitz und einer präzisen Beobachtungsgabe für zeitgenössische Stadt(bild)debatten entfaltet der Stücktext ein Panorama zwischen Alltagskiosk, Urban-Röst-Oasen, Theaterumbau und politischer Imagination.
DIE AFFÄRE AUF DER STRAßE NACH MONACO ist Boulevard‑Theater über den Boulevard.

Eva Rippe. Ein Oratorium

von Sophie Eber

Feuer, Wasser, Erde, Luft. Das Obstbaumparadies der Erdgöttin Heba explodiert vor Liebe. Drachen und Schlangen treten auf. Adam hält sich für den ersten Menschen und erfindet, fasziniert von seinen Sprechwerkzeugen, das Wort Ge o te te Gott. Eine Rippe beginnt zu atmen. Ein Apfel ist kein Orgasmus, oder etwa doch? Gott geht auf Nummer Sicher und leiht sich den Donner von seinem Freund Zeus. Allein im Schrebergarten Eden tauschen die beiden Götter sich über ihren Kinderwunsch aus. Die Folgen übertreffen alle Erwartungen. Rund zweitausend Jahre später durchlebt EVA RIPPE exemplarisch die entstandene christliche Welt.

EVA RIPPE ist ein leuchtendes Triptychon. Satire und Ernst, Humor und Gewalt, Erzählung und Glaube prallen in drei Teilen aufeinander, immer auf der Suche nach den Gelenkstellen: Wie wurde »Gott« in der christlichen Vorstellungswelt zum »Mann«? Was kann es konkret bedeuten, im 21. Jahrhundert weiblich und katholisch sozialisiert zu sein? Welche Folgen hat die Idee vom Menschen als Krone der Schöpfung über die Kirchen hinaus?

Neuigkeiten
All Right. Good Night bei den Ruhrfestspielen

Auch noch fünf Jahre nach der Uraufführung tourt das fantastische ALL RIGHT. GOOD NIGHT von Helgard Haug. Aktuell ist es in Marl am 22. und 23. Mai im Rahmen der Ruhrfestspiele zu sehen.

Wallenstein bei 3Sat

Ein Höhepunkt des diesjährigen Theatertreffens war die Produktion »Wallenstein« der Münchner Kammerspiele. Die Inszenierung von Jan-Christoph Gockel wurde von 3Sat aufgezeichnet und ist dort nun als Stream abrufbar.

Windstärke 17 in Hamburg

Am Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg feierte der zweite Roman von Caroline Wahl eine fulminante Uraufführung (»Rockstar Applaus für eine wütende Frau« Hamburger Abendblatt; »Der Abend ist packend bis zum Schluss.« Theaterzeit Hamburg) und wird im Mai und Oktober nochmals aufgenommen. Tickets gibt es hier.

Sara Ostertag wird Leiterin des Schauspielhaus Wien

Die Wiener Regisseurin und »Teata«-Leiterin Sara Ostertag soll ab der Spielzeit 2027/28 auch die künstlerische Leitung des Schauspielhauses Wien übernehmen. Ostertag leitet seit dieser Saison unter dem Namen »Teata« das ehemalige Theater an der Gumpendorfer Straße, das derzeit saniert wird. Beide Häuser sollen künftig unter der Dachmarke Schauspielhaus Wien eine strukturelle Partnerschaft eingehen. Sara Ostertag ist Mitbegründerin des mehrfach ausgezeichneten Kollektivs »makemake« und inszeniert im In- und Ausland. Von 2015 bis 2025 war sie Kuratorin für die Kulturdirektion des Landes Oberösterreich im Bereich darstellende Kunst. Als Dramaturgin ist sie seit vielen Jahren für die Choreografin Florentina Holzinger tätig. Ostertags Regiearbeiten sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet; 2017 und 2025 erhielt sie unter anderem den NESTROY-Theaterpreis.

Lily Sykes wird Schauspieldirektorin

Lily Sykes wird neue Schauspieldirektorin am Theater Magdeburg. »Mit Lily Sykes gewinnen wir eine starke, charismatische Persönlichkeit, die nicht nur ein für Magdeburg fantastisches intelligentes Konzept vorgelegt hat, sondern auch große Fähigkeiten und Möglichkeiten mitbringt, sich international zu vernetzen«, sagt der Generalintendant des Theaters Magdeburg, Julien Chavaz. Lily Sykes selbst sagt zu ihrer Berufung: »Ich freue mich sehr darauf, für die Stadt Magdeburg und die Menschen, die hier leben, Theater zu machen – an einem Haus, das in den vergangenen Jahren durch künstlerische Exzellenz, ein herausragendes Ensemble und engagierte Gewerke und Mitarbeitende überzeugt hat. Theater ist für mich ein Raum, der Menschen zusammenbringt, Widersprüche aushält und neue Blickwinkel eröffnet.«

Grimme-Preis Spezial

Jovana Reisinger erhielt in diesem Jahr den Grimme-Preis Spezial für UNTERWEGS IM NAMEN DER KAISERIN »für die zeitgemäße Dekonstruktion des Sisi-Hypes durch eine radikale Ästhetik.« Wow, herzlichen Glückwunsch!