Das «Blutbuch» auf der Bühne

Nachdem Kim de l'Horizon 2022 den Schweizer und den Deutschen Buchpreis fĂĽr den DebĂĽtroman BLUTBUCH erhielt, ist es nun nicht nur in zahlreiche Sprachen ĂĽbersetzt, sondern auch an vielen BĂĽhnen inszeniert worden. Den Anfang machte Ran Chai Bar-zvi in Hannover im Dezember 2023, dann folgte im Januar die BĂĽhnen Bern mit einem Monolog und der viel gelobte Abend in Magdeburg in der Regie von Jan Friedrich. Es werden im Laufe des Jahres noch das Werk X in Wien, das Hans-Otto-Theater in Potsdam und das Schauspiel Essen folgen.

Am 22. Februar wird Leonie Böhm am Schweizer Schauspielhaus aus dem Blutbuch das Blutstück machen  – und Kim wird selbst darin performen, eine Zusammenarbeit, die ein Experiment mit offenem Ausgang war: Leonie Böhms Anliegen an das Theater verbindet sich mit dem in Kim de l’Horizons Buch formulierten Wunsch, verstanden zu werden und zu verstehen, «wie es war du zu sein». Die Sehnsucht nach einer Begegnung auf Augenhöhe, dem Überwinden eigener Grenzen und auferlegten Konventionen aus Schweigen, Scham und Scheinheiligkeit, um uns einander zuzumuten und uns gegenseitig die Häute zu zeigen.

BLUTBUCH ist ein vielschichtiges, zärtliches, radikales Buch, das gleich auf mehreren Ebenen revolutionär ist: Es handelt von einer Blutbuche und einem Kind, das von dem Baum lernen will. Es geht um Grossmeer, die eine Grossmutter und gleichzeitig unendlich weit ist, und um Meer, die Mutter ist und vielleicht auch eine Hexe. Es geht um weibliche Genealogie, nicht definierbare Körper und Verwandtschaft jenseits von Familie. Kim de l’Horizon lotet Grenzen aus, jene der Sprache ebenso wie jene des Geschlechts, nennt das Blutbuch einen Anti-Roman, die Schreibweise «écriture fluide».

 

Bad Kingdom

von Falk Richter

Ist das alles hier ein seltsamer Albtraum? Sehen wir Figuren in einem therapeutischen Rollenspiel? Oder sollte das alles am Ende vielleicht doch die Wirk­lichkeit sein? Etwas ist faul in diesem »bad kingdom« der Gegenwart. Seine Bewohnerinnen und Bewohner sind verun­sicherte Menschen in einer großen Stadt. Sie fragen sich, wie sie umgehen sollen mit dem Gefühl, inmitten einander sich immer schneller überlagernder Krisen allmählich den Boden unter den Füßen zu verlieren. Sie suchen nach Wegen aus ihrer Einsamkeit oder schrecken zurück vor zu viel Nähe. Sie fragen sich, wie sie in ihren verwirrenden Beziehungen und Freundschaften, die sie führen oder gerne führen würden, Sicherheit und eine Zukunftsperspektive finden können. 

Gigantische Einsamkeit

von Paula Kläy

Im Haus am Ende der Straße ist gerade eben einer gestorben. Die Anwohnerschaft durchsucht den Nachlass auf Gegenstände, die sie in ihren Besitz nehmen könnte. Die Geschichten und Erinnerungen spinnen sich um die Dinge, laden die Gegenstände mit Bedeutung auf und erschaffen so ein Leben, das es nicht mehr gibt und so wahrscheinlich nie gegeben hat. Im Nachlass findet sich auch EIN KLEINER ROBOTERHUND, der ausgesandt wurde von der Firma Afterlife, um sich als Trauerbewältigungshelfer anzubieten. Er führt mit der Anwohnerschaft verschiedene Trauerrituale durch, auf der Suche nach dem wahrhaftigen Gefühl in der gigantischen Einsamkeit.

 

The Silence

von Falk Richter

Für sein autofiktionales Stück THE SILENCE geht Falk Richter zurück in die eigene Familiengeschichte. Sein Vater verstarb, ohne dass eine versöhnliche Aussprache mit dem Sohn stattfinden konnte. Im Dialog mit seiner Mutter nimmt er jahrzehntelang nicht ausgesprochene Wahrheiten, verdrängte Geheimnisse und unaufgearbeitete Traumata in den Blick, die ihn bis zum gegenwärtigen Tag nicht in Ruhe lassen.
Die Auseinandersetzung von Mutter und Sohn wird zu einer Reise in die AbgrĂĽnde der westdeutschen bĂĽrgerlichen Gesellschaft von der Nachkriegszeit bis in die Gegenwart.

Neuigkeiten
Der »Poor Things«-Tanz

Constanza Macras war schon bei »The Favourite« für die Choreographie zuständig, bei »Poor Things« berichtet nun die New York Times  über diese wunderbare Zusammenarbeit mit dem Regisseur Yorgos Lanthimos: »Ihre gesamte Beziehung ist in diesem Tanz enthalten«.

Die nächsten Premieren

BLUTSTÜCK von Kim de l’Horizon, Schauspielhaus Zürich /// IPHIGENIE AUF TAURIS, Regie: Ulrich Rasche, Burgtheater Wien /// TOM AUF DEM LANDE, Regie: Sara Ostertag, Landestheater Linz /// PEMBO von Ayse Bosse, Staatstheater Wiesbaden /// DAVE von Raphaela Edelbauer, Regie: Wilke Weermann, Deutsches Theater, Berlin /// Jahrestage. Zweiter Teil, Regie: Anna-Sophie Mahler, Schauspiel Leipzig /// PEER GYNT, Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Burgtheater Wien /// ANDERSEN ODER WAS BLEIBT?, Regie: Cosmea Spelleken, Staatstheater Nürnberg /// TRAUER IST DAS DING MIT FEDERN, Regie: Christopher Rüping, Schauspielhaus Bochum /// DON CARLOS, Regie von Felicitas Brucker, Schauspiel Frankfurt /// DON CARLOS, Regie: Michael von zur Mühlen, Oper Freiburg, DIE MÖGLICHKEIT DES BÖSEN, Regie: Marie Schleef, Münchner Kammerspiele /// TITUS, Regie: Marco Štorman, Oper Bremen.

Marković und Weermann auf der Longlist

Der Kulturkreis der deutschen Wirtschaft vergibt seit 1953 im Förderbereich Literatur Preise an junge, herausragende Stimmen der Gegenwartsliteratur. In diesem Jahr nominiert die Jury zusammen mit externen Fachberater*innen zehn Autor*innen, die neben Romanen auch Theatertexte und Kurzgeschichten veröffentlicht haben, darunter dieses Jahr Wilke Weermann mit UNHEIM und Barbi Marković mit ihrem Roman »Minihorror«

DER BETREUER bei BBC

DER BETREUER, das neue Hörspiel von Nis-Momme Stockmann, ist im Finale für den BBC Audio Drama Award, war nominiert  für den ARD Hörspielpreis und hat einen Preis beim Grand Prix Nova gewonnen! Hier der Link zum Nachhören.

Theatertreffen 2024

Wir gratulieren allen Teams der insgesamt zehn auserwählten Inszenierungen, die zum diesjährigen Theatertteffen eingeladen wurden. Insbesondere freuen wir uns für Ulrich Rasche, der mit NATHAN DER WEISE (Salzburger Festspiele) seine mittlerweile vierte Einladung erhält. Große Gratulationen auch an Falk Richter, dessen Stück THE SILENCE in der Produktion der Berliner Schaubühne ebenfalls ausgewählt wurde. 

Ersan Mondtag in Venedig

Der deutsche Regisseur Ersan Mondtag und die israelische Multimediakünstlerin Yael Bartana gestalten den deutschen Pavillon der 60. Kunstbiennale in Venedig 2024. »Der künstlerische Beitrag für den Deutschen Pavillon sucht in drei Szenarien den Umgang mit Schwellen, Stufen und Grenzen«, heißt es demnach in der Pressemitteilung des zuständigen Instituts für Auslandsbeziehungen. Während Yael Bartana an der Schwelle einer als katastrophal empfundenen Gegenwart mit ihrer Arbeit nach Zukunftsperspektiven fragt, wird Ersan Mondtag dem monumentalen Charakter des in der Nazizeit gestalteten Pavillons »eine fragmentarische, scheinbar kleine Erzählung« entgegensetzen.