Lucia Bihler beginnt in Berlin

Für ihre Eröffnung an der Berliner Volksbühne erhält Lucia Bihler viel Applaus. Durchmischt mit Texten von Stefanie Sargnagel inszeniert sie ›Iphigenie. Traurig und geil im Taurerland‹.

Egbert Tholl wendet sich zu Beginn seiner hymnischen Kritik in der SZ noch einmal kurz der jüngste Volksbühnen-Geschichte zu: »...Man findet in Berlin leicht Leute, die seit Jahren nicht in die Volksbühne gehen, weil sie Verrat am alten Diskurs wittern. Aber sie verpassen einen neuen. Zumal dann, wenn Lucia Bihler inszeniert.«

Lili Hering schreibt in der Zeit: »Weil Männer Krieg machen, müssen Frauen Gewalt erleiden oder sterben. So ging es den Troerinnen, so geht es Iphigenie, und so geht es Frauen in der Zeit der Sargnagel, wenn man Krieg durch Patriarchat ersetzt. Männer spielen bei Lucia Bihler keine mit, werden aber gespielt. Das Ganze verkommt aber nicht zur reinen Pointenshow, obwohl das Sargnagels Texte problemlos bieten könnten. Es ist eine trashig treffende Erkundung davon, wie vordergründig traurig (und manchmal geil) es sein kann, eine Frau zu sein. Gegen Ende fliegt Iphigenie in den Himmel, an einem Seil hängend, Zigarette in der Hand. Das Bild der schwebenden Frau hat im Tanz dem männlichen Blick entsprechend eine lange Tradition, siehe Schwanensee und La Sylphide. Da sollen die Frauen so leicht sein, dass sie sich auflösen und verschwinden. Hier schwebt die Frau gen Himmel, weil sie einen Furz in sich hält, der sie hochsteigen lässt, bis "ein Schauer Kot und Blut" auf die Welt niederprasselt. Das ist die Poesie jener, die kein Opferlamm mehr sein möchten.«

In dieser Spielzeit wird Lucia Bihler noch am Schauspiel Köln und am Burgtheater Wien arbeiten.

Lily Sykes reüssiert an der Burg

Lily Sykes bekommt für Ihre erste Arbeit am Wiener Burgtheater gute Kritiken. Die FAZ sieht »einen würdigen und wahrhaft heiteren Abschluss des Premierenreigens. Im Kasino am Schwarzenbergplatz von der jungen britischen Regisseurin Lily Sykes inszeniert, führen Johanna Mahaffy, Maya Unger, Caroline Baas, Wiebke Yervis und Lili Winderlich in jeweils mehreren weiblichen wie männlichen Rollen in knapp zwei Stunden vor, wie wichtig das oft namenlose Dienstpersonal der englischen Aristokratie in Jane Austens Werk ist. Man merkt den Beteiligten an diesem Abend in jeder Minute die Freude am Spiel an. Schlau und witzig, wenig tiefgründig, aber herzerfrischend lebendig geht damit die diesjährige Burg-Eröffnung zu Ende. ›Die Presse‹ schreibt von einer entzückenden, hinterfotzigen Inszenierung«. Derweil ist Lily Sykes bereits ans Theater Luzern weitergezogen, um dort in eigener Dramatisierung Elena Fernantes Bestseller »Meine geniale Freudin« als Schweizer Erstaufführung zu inszenieren. Mit der Stückentwicklung PAINOCCHIO am Staatstheater Kassel endet ihre Spielzeit im Frühjahr 2021. Am Staatstheater Hannover wird ihre Erfolgsproduktion »Orlando« mit Corinna Harfouch und Oscar Olivo wieder aufgenommen.

Die Premieren im September

Bereits im August begann die neue Spielzeit mit Premieren von Milo Rau (in Salzburg), Ersan Mondtag und Falk Richter (beide beim Kunstfest Weimar) und der Uraufführung von Rainer Merkels LAUF UND BRING UNS DEIN NACKTES LEBEN (am Staatstheater Darmstadt). Christopher Rüping kehrte mit Premiere am 5.9. für eine neue Arbeit ans Thalia Theater zurück (»Paradies»). Lucia Bihler zeigt mit einer »Iphigenie«-Bearbeitung ihre erste Inszenierung auf der Großen Bühne der Berliner Volksbühne; und auch Lily Sykes debütiert - am Burgtheater (»Stolz und Vorurteil« am 13.9.). Mit seiner inzwischen dritten Kasseler Arbeit ist Wilke Weermann mit »z.B. Philipp Seymour Hoffmann« noch einmal im letzten Jahr der Intendanz Bockelmann mit dabei. Am 25.9. geht es aus unserer Sicht mit gleich vier Premieren hoch her: Ersan Mondtag inszeniert Jelinek »Wut« am Schauspiel Köln, Ulrich Rasche eröffnet mit »Erdbeben von Chili« das Residenztheater München, Christine Umpfenbach zeigt an den Münchner Kammerspielen nach langer Recherche ihre Arbeit zum »Oktoberfestattentat« und Marie Schleef und Anne Tismer zeigen erstmals ihre Produktion NAME HER am Ballhaus Ost (weitere Gastspiele folgen). Am Theater Meiningen kann man zudem ab dem 26.9. Juliane Kanns Inszenierung »Sklaven. Leben« (Konstantin Küspert) sehen.

Paula Wellmann: Bühnenbildnerin des Jahres

Die Kritiker*innenumfrage des Fachmagazins Die Deutsche Bühne präsentiert in ihrer Ausgustausgabe ihre diesjährige Besten-Auswahl. 59 Autor*innen des Blattes beteiligten sich an der Umfrage, mit der die Deutsche Bühne alle Sparten abdecken will: Schauspiel, Oper, Tanz und experimentelle Formen. In der Sparte »Bühnenbild / Kostüm / theatrale Raumsituation« fielen die meisten Stimmen auf Susanne Kennedy und Paula Wellmann, sodaß sich beide Künstlerinnen den Titel »Bühnenbildnerin des Jahres« teilen. Wir gratulieren sehr herzlich!  Paula Wellmann arbeitete zuletzt verstärkt mit den Regisseur*innen Lilia Rupprecht und Christian Weise zusammen, außerdem mit Marco Štorman und Ersan Mondtag.

Neuigkeiten
Neues Hörspiel von Andreas Sauter

DER MANN IM TURM ODER DAS GEHEIMNIS DER ZEIT ist ein Stück über die Zeit und was sie mit der Liebe macht. Die Liebe ist zwei Menschen abhanden gekommen und eine Familie droht zu zerfallen. Nun suchen das Kind, die Frau und der Mann einen Weg, damit umzugehen. Doch dann kommt die Zeit – drängt sich dazwischen –, und plötzlich sieht man nicht mehr, was eben noch so selbstverständlich wie lebensnotwendig war. In seinem neuesten Hörspiel zeichnet Andreas Sauter eine berührende Auseinandersetzung mit der Welt der Erwachsenen, dem Rätsel der Veränderung und dem Geheimnis der Zeit.

Hörspiel-Premiere „Der Mann im Turm oder das Geheimnis der Zeit“ am Freitag, 4. September 2020, 20:03 Uhr, Radio SRF 1 oder hier.

Güldens Schwester: Hörspiel des Monats

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste benennt »Güldens Schwester« von Björn Bicker zum Hörspiel des Monats August. Die Jury begründet ihren Entschluss so: » ›Güldens Schwester‹, das ist Fatma Inan. Die Protagonistin und Ich-Erzählerin des gleichnamigen Hörspiels von Björn Bicker ist Lehrerin. An ihrer Schule wird sie zur Zeugin, wie ein Junge seinen Mitschüler mit einem Messer tötet. Dieses traumatische Erlebnis bildet den Katalysator für Fatmas inneren Monolog, der – herausragend gesprochen von Meriam Abbas – das Zentrum des Hörstücks bildet. Fatmas Nachdenken über das Attentat ihres Schülers wird zur Reflexion über ihr Selbstverständnis als Lehrerin und ihre eigene migrantisch geprägte Biografie. Eine große Rolle nimmt hierbei die Trauer über den viele Jahre zurückliegenden, in der Familie nie wirklich aufgearbeiteten, Unfalltod ihrer Schwester Gülden und die Erinnerung an ihre Mutter ein.« Wir gratulieren!

Bicker erhält Arbeitsstipendium der Stadt München

Für sein nächstes Prosaprojekt Boutheinas Lächeln« erhält der Autor Björn Bicker das Arbeitsstipendium der Stadt München. In der Jury-Begründung heißt es dazu: »Bicker ist ein genauer Rechercheur randständiger Lebenswelten. Das hat er schon mit seinem 2016 mit dem Tukan-Preis bedachten Buch »Was glaubt ihr denn. Urban Prayers« (Verlag Antje Kunstmann) unter Beweis gestellt. Daß er die Marginalisierten unserer Gesellschaft nicht aus dem Blick verliert, zeigt sein jüngstes Projekt, das man durchaus als Fortsetzung des preisgekrönten Buches verstehen kann: In »Boutheinas Lächeln« erzählt Bicker in zehn Geschichten von Menschen aus der Gegend des Münchner Bahnhofsviertels – Stories, denen Nachforschungen des Autors in Hinterhofmoscheen, Flüchtlingsunterkünften und an anderen Orten der Stadt zugrunde liegen. Sein Mittel ist dabei das der Dokufiktion – basierend auf Begegnungen und „wahren Begebenheiten“ entspinnt sich ein literarischer Reigen besonderer Art. Sein soziologisch neugieriger Blick und seine empathische Gabe verleihen auch denen eine Stimme, denen wir vielleicht immer noch zu wenig zuhören und über die wir oft vorurteilsbeladen vorschnell urteilen.«
Außerdem erhält Björn Bicker im Jahr 2020 das Arbeitsstipendium für Schriftsteller des bayerischen Staatsministeriums für Kunst und Wissenschaft.

Seymour. Der Film

Das Staatstheater Darmstadt wollte in Zeiten des Corona-Lockdowns etwas anderes wagen, als zu streamen und produzierte einen Film aus Anne Leppers SEYMOUR unter der Regie von Matthias Rippert. Die Deutsche Bühne meint: »Das Staatstheater Darmstadt kann Cinema, mit beachtlich tragikomischem Gehalt.«

Lydia Haider gewinnt beim Bachmannpreis

Wir freuen uns sehr, daß Lydia Haider ab sofort vom Theaterverlag schaefersphilippen vertreten wird. Herzlich Willkommen, Lydia!
Dieses Jahr fanden die 44. Tage der deutschsprachigen Literatur digital statt. Lydia wurde für ihren Text »Der große Gruß« mit dem BKS Bank Publikumspreis ausgezeichnet. 
Wir gratulieren!

Tabori-Auszeichnung an Anta Helena Recke

Gratulation an Anta Helena Recke. Der Tabori-Preis ist die deutschlandweit höchstdotierte Auszeichnung für die Freien Darstellenden Künste. Mit dem Preis ehrt der Fonds Darstellende Künste »eine kontinuierliche künstlerische Arbeit mit hoher bundesweiter und internationaler Ausstrahlung, die zudem inhaltlich relevant und in Format oder ästhetischer Handschrift wegbereitend war und ist«. Mit den Tabori Auszeichnungen werden »experimentelle Formate von Künstler*innen und Gruppen« bedacht, die durch »ein bedeutendes Upcoming oder durch kontinuierliche Entwicklungen eines eigenständigen ästhetischen Formates überzeugt haben«.