Grief & Beauty: Milo Rau beginnt in Gent

Mit zwei Events, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, starten Milo Rau und sein Team in dieser Woche in die Saison 2021/22:

In GRIEF & BEAUTY – mit Uraufführung am Mittwoch, 22. September am NTGent – begleiten vier Schauspieler*innen eine Frau, die Sterbehilfe in Anspruch nimmt. Ihre persönlichen Geschichten über Abschied und Wiedergeburt, Kunst und Liebe, Erinnerung und Vergessen umrahmen eine radikale, zärtliche und hyperintime Inszenierung, die an die Grenze des Erträglichen geht. »Wie immer transzendiert Milo Rau sein Thema, inspiriert von der Darstellung des Todes«, so Libération in der Ankündigung zur Premiere des aktuellen Stückes.

»Vielleicht ist die anstehende Bundestagswahl ja dafür da, die Politik des scheinheiligen Feingefühls durch eine Politik der Verantwortung zu vertauschen«, so Milo Rau in seiner Kolumne in der Berliner Zeitung. Ab Freitag (24.09.), zwei Tage vor den Bundestagswahlen, geht es am Schauspiel Köln los mit der 16. Ausführung der „School of Resistance“. Das ganze Programm finden Sie hier.

JEEPS von Nora Abdel-Maksoud

In einem grauen tristen Beamtenbüro treffen zwei Sachbearbeiter auf zwei Damen, die ihnen die Pistole auf die Brust richten – und damit drohen, den lang ersparten Geländewagen in die Luft zu sprengen. Die eine Hartz IV-Empängerin, die beim Pfandflaschensammeln erwischt wurde und nun nicht einsehen möchte, dass der Pfanderlös auf ihre Tagessätze angerechnet werden soll, die andere Tochter eines gerade Verstorbenen, die sich nun um ein Los bewerben möchte, um ihr Erbe zu erhalten. Denn das natürliche altbekannte Erbrecht wurde reformiert und Hinterlassenschaften werden nun per Losentscheid verteilt. Somit haben alle die Chance, etwas von den jährlich vererbten Summen von 400 Millarden Euro zu bekommen.
Mit ihrem Text JEEPS setzt die Autorin und Regisseurin Nora Abdel-Maksoud an einem tiefen sozialen Sicherheitsbedürfnis an.

 

HYPNOS von Wilke Weermann

Im Zugabteil, Rauschen. Und da ist diese Stimme, schlecht zu hören durch das Bordradio. »Bitte, wachen Sie auf«. Immer wieder wird die Stimme durch die Mitreisenden oder das Bordpersonal unterbrochen, verschwimmt wie die Landschaft hinter den Fenstern. »Warum wollen sie dich davon abhalten, mehr zu erfahren? Warum halten sie dich davon ab, aufzuwachen?« Hypnos heißt die Stimme. Eine neue Technologie, welche mit im Koma liegenden Menschen kommunizieren kann. Seit Jahren liegt die Frau hier schon, dies ist die letzte Möglichkeit, sie zu erreichen, sie zurückzuholen. HYPNOS von Wilke Weermann zeichnet ein atmosphärisches Bild des Graubereichs zwischen Leben und Tod. Gefangen in einem Zugabteil befindet sich die Komapatientin auf einer Fahrt zwischen Traum und Wirklichkeit. Wo wird die Reise hingehen?

SPITZENREITERINNEN von Jovana Reisinger

Lisa kann keine Kinder bekommen, wird verlassen, rastet aus. Laura fiebert ihrer Hochzeit entgegen, dem Höhepunkt jedes weiblichen Lebens. Barbara ist verloren, seit sie Witwe geworden ist, ein kleiner Hund hilft. Verena erbt eine Luxusvilla mit Seeblick, sie steigt auf. Jolie wird entlassen und schwanger. Petra findet die Liebe und zieht um. Tina hat große Angst und trifft eine Entscheidung.
In ihrem zweiten Roman SPITZENREITERINNEN feiert Jovana Reisinger die Frauen, die sie nach Frauenzeitschriften benennt. Sie zeigt auf, welchen Rollenzwängen und welcher Gewalt Frauen in unserer Gesellschaft unterworfen sind. Und es werden Tipps, Tricks und Geschlechterstereotype verhandelt. Es ist ein Text über weibliche Wut und Ausdauer mit teils bösem Humor, der jedoch nie seine Protagonistinnen verurteilt.

Neuigkeiten
Jaroslav Rudiš erhält den Bundesverdienstorden!

Wir gratulieren sehr herzlich Jaroslav Rudiš und können uns nur der Begründung anschließen: »Die sechs Frauen und zehn Männer haben sich in herausragender Weise für die Kunst und das von den Corona-Einschränkungen besonders betroffene Kulturleben eingesetzt. Mit ihren außerordentlichen Verdiensten fördern sie ein solidarisches Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt.«

Hörspiel von und mit Katja Brunner

Der Deutschlandfunk präsentiert DIE HAND IST EIN EINSAMER JÄGER von Katja Brunner, ein Hörspiel über weiblich gelesene Körper als Ort der Machtausübung. Die Ursendung finden Sie hier.

Falk Richter an den Kammerspielen

Falk Richter aktualisiert und inszeniert »Heldenplatz« von Thomas Bernhard an den Münchner Kammerspielen. Der BR zeigt exklusiv eine Preview.

Augen ohne Gesicht - Daughter`s Cut

Wilke Weermann überschreibt den Klassiker »Augen ohne Gesicht« in Saarbrücken. Hier finden Sie einen Einblick in die Entwicklung und das Ergebnis.

Saar Magal in Wien, Wilke Weermann in Köln

In dieser Woche geht der Premieren-Reigen bereits am Mittwoch los: Milo Rau startet mit GRIEF & BEAUTY am NT Gent, Saar Magal (unterstützt von ihrer Kostümbildnerin Slavna Martinović) feiert mit der Stückentwicklung (OB)SESSIONS ihr Debüt am Burgtheater in Wien. Wilke Weermann, der gerade mit »Augen ohne Gesicht« am Saarländischen Staatstheater in Saarbrücken reüssierte, freut sich über eine installativen Audio-Walk, den das Schauspiel Köln nach seinem Stück HYPNOS ab dem 25. September regelmäßig zeigt. Ebenfalls am 25. September feiert das Hans Otto Theater in Potsdam Premiere mit IMPERIUM DES SCHÖNEN von Nis-Momme Stockmann.

Opernfilm «Im Stein» von Michael von zur Mühlen

«Sehenswert: der Opernfilm «Im Stein» nach dem gleichnamigen Musiktheater von Sara Glojnarić und Clemens Meyer», meint Jürgen Otten in der aktuellen Opernwelt und sieht «ein wunderbar verrückt-absurdes Gesamtkunstwerk aus Musik, Text, Bildfantasien und politisch präzisem Kommentar. Es ist böse und direkt, ironisch bis zynisch, sarkastisch, skurril und zuweilen dadaistisch, aber zur gleichen Zeit durchdrungen von eklatant-schmerzvoller Poesie. Spürbar wird in jeder Minute die Verzweiflung der Subjekte, die hinter der Groteske wohnt, und ebenso die veritable Wut, mit der sie auf das Diktat der Ökonomie reagieren.»