Amerikanisches Detektivinstitut Lasso

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Theater, UA: 06.02.2016, Staatstheater Hannover
Inhalt

»Inhaber dieser Karte ist Detektiv der â€șLassoâ€č und arbeitet fĂŒr das Hannoversche PolizeiprĂ€sidium. Er bittet alle in AusfĂŒhrung seines Berufes um Beistand. Lasso Detektive.«

Das ist der Text auf der Karte, die Fritz Haarmanns zwischenzeitlicher GeschĂ€ftspartner – Krimi nalcommissarius a. D. Olfermann – Haarmann aushĂ€ndigte. Dieser stempelte sie selbst und nutzte sie jahrelang als vermeintlichen Polizeiausweis, um 24 Kinder und Jugendliche in seine Wohnung zu locken, dort zu vergewaltigen, zu töten, schließlich zu zerstĂŒckeln und eimerweise in der Leine, dem geteilten Klosett seines Wohnhauses und den umliegenden GrundstĂŒcken zu verteilen. Anschließend verkaufte er die Kleidung der Jungen.

Daß all das ungehört und ungesehen möglich war und erst nach vielen Jahren die Spuren, die buchstĂ€blich wie Brotkrumen zu Haarmanns TĂŒr fĂŒhrten, ernstgenommen wurden, liegt nicht zuletzt an den vielen Profiteuren von Haarmanns Verbrechen. Der Kollege Olfermann. Die Menschen, die billige Kleidung und Fleisch von Haarmann kauften. Die Polizei, die eng mit ihm zusammenarbeitete. Seine Freunde, die er beschenkte. Seine Mitbewohner, denen er gute Preise machte.

Als homosexueller Mann schon vor der Verhandlung verschubladet, wird der Fall auch heute immer noch als Geschichte eines TriebtĂ€ters missverstanden. Vielleicht noch als Geschichte eines Justizskandals. Vor allem ist es aber die Geschichte einer Zeit: einer Situation in Europa, in der die Struktur eines Marktes blĂŒhen konnte, die einen genialen Idioten wie Haarmann brauchte – rĂŒcksichtslos und schmeichelnd –, der sich sicher wie eine Katze in dieser bewegen konnte.

Am 15. April 2015 jĂ€hrt sich zum 90. Mal der Todestag des 24-mal zum Tode verurteilten Haarmann. Leider (und vielleicht absichtlich) nicht so rund: Bereits im vergangenen Jahr wurde der in Formalin eingelegte Kopf des Serienmörders von der Göttinger Gerichtsmedizin heimlich eingeĂ€schert. Diese fĂŒr kĂŒnstlerische und journalistische Zwecke ausreichend glatten Daten und die Tatsache, dass Guido Knopp schon eine Flatrate auf den »erschrecklichsten« Deutschen (und seine Assistenten) hat, sind mehr als Grund genug, um dem Werwolf von Hannover, seiner Zeit, seiner Stadt und den soziokulturellen Strukturen, in denen er morden, stehlen, hehlen konnte – und in denen genau so gern weggehört wie sich empört wurde (wenn man profitiert bzw. sich benachteiligt gefĂŒhlt)* – ein Musical zu schenken.