Das Herz der Krake

Autor*in(nen)
Theater, UA: 2021/22, Deutsches Theater Berlin
Inhalt

Ein Altenheim mitten in Berlin und doch irgendwie am Ende der Welt. Hier leben Menschen, um zu sterben. Eine vergessene BĂŒhne deutscher Sozialstaatstristesse: ein volkstreuer Neonazi, eine aufrichtige Person of Colour und um sie herum die skurrilen Alten und ein gewaltbereiter Mob – soweit alles klar, die Geschichte scheint erzĂ€hlt.

Anneliese Schmidtke muß in diesem Heim mit einer Ausbildung ihre BewĂ€hrungsauflagen erfĂŒllen. Sie haßt eigentlich alles, vor allem aber das, was nicht in das ĂŒberschaubare Bild eines reinen – weißen – deutschen Volkskörpers paßt. Eigentlich rechnet Anneliese mit gar nichts mehr, außer vielleicht mit immer noch ein bißchen mehr Schmerz und Erniedrigung. Schon gar nicht mit der Pflegerin Zoe, die ihre Verachtung mit Respekt kontert. Am allerwenigsten aber mit einer GesprĂ€chspartnerin, die ihre Weltsicht mit Verve und Weisheit in ein alle Ideologien herausforderndes GesprĂ€ch verwickelt: Margarethe Matycek – Grethe – lebendes Zeugnis deutscher Geschichte, Dame mit unwiderstehlicher Grandezza und vier ganz besonderen Eigenschaften. Aber weil Nachtschichten lang werden können, beginnen die beiden Frauen miteinander zu reden.

DAS HERZ DER KRAKE ist mehr als ein engagierter Schlagabtausch eingespielter Positionen. Mit geradezu furchteinflĂ¶ĂŸender Gelassenheit dringt Stockmanns Text in die WidersprĂŒchlichkeit und die Scham der Geschichte und seiner Figuren und zeichnet ein hĂ€ĂŸliches, ein bisweilen angstmachendes Bild deutscher Gegenwart, heimgesucht von einem Haß ohne Erinnerung, der laut tönt und doch keine Worte findet.

Mitten im Kampfgeschehen der WidersprĂŒche, enge Frontlinien durchkreuzend, bereitet DAS HERZ DER KRAKE ein Fest der dialogischen Form und zelebriert die verloren geglaubte Kunst des konzentrierten, interessierten GesprĂ€chs. WĂ€hrend Überzeugung und Ideologie, Wut und Angst, Auf- und Abstieg miteinander im Wettstreit liegen, entwickelt sich an einem Ort, an dem es nichts mehr zu erwarten gibt, aus der Dunkelheit einer endlosen Nachtschicht und mit der Wucht einer unvorhergesehenen Begegnung eine leuchtende ErzĂ€hlung ĂŒber den Willen zum Leben und die Schönheit des Wortes.

DAS HERZ DER KRAKE ist ein unbequemes, irritierendes und zugleich zĂ€rtlich humorvolles Manifest fĂŒr das widersprĂŒchliche und aufreibende, vor allem aber das niemals aufzugebende GesprĂ€ch, dessen verbindliche Kraft sich durch die gereizten Anmaßungen populistischen Geschwafels und den LĂ€rm einer zum Himmel schreiend ungerechten Welt hindurch verstĂ€ndlich zu machen weiß. DAS HERZ DER KRAKE ist kein didaktisches und gerade deshalb ein unendlich lehrreiches StĂŒck.