Hofmeister ÔÇô Vorteile der Privaterziehung

Autor*in(nen)
Theater, nach Lenz, UA dieser Fassung: 03.10.2014, Nationaltheater Weimar
Inhalt

Im Hofmeister von Kai Ivo Baulitz sind die Kinder schon vor Studienbeginn verspie├čt bis hoch zur Hutkrempe, was daran liegen mag, da├č ihnen die Litaneien der rotweinschwenkenden 68er-Eltern ├╝ber freie Liebe und savoir vivre seit jeher herbstens auf den Magen schlagen. Die Majorin, eine hartes St├╝ck Zucker und nur noch h├Ąrter gegen sich selbst als gegen andere, will ihr Gustchen in jeder Beziehung wettbewerbsf├Ąhig machen. Zucht und Beischlaf sind die Waffen der Wahl im Karriere-Krieg, und beide Mittel sind der Frau Mama gleichsam recht.

Der junge Gelehrte L├Ąuffer tritt an, das Gustchen privat zu lehren, was neccesary ist. Bei der Verdrahtung der Gehinrh├Ąlften kann auch ein wenig Hochkultur nicht schaden, auf das aus Gustchen mal was werde - auf dem Arbeits- und dem Heiratsmarkt. Noch bevor L├Ąuffer zwischen die Fronten und Beine ger├Ąt, d├╝nkt ihm bereits bei den Gehaltsverhandlungen: Gelehrter sein, das n├╝tzt nichts mehr. Der Staat ist pleite, die ├Âffentliche Schule - "unser gemeinsamer Garten", wie der Tosakana-gebr├Ąunte Herr Geheimrat schw├Ąrmt, l├Ąngst verwildert. "Ich will keine Freiheit, alter Mann, ich will ein Einkommen" schreit L├Ąuffer aus dem Abw├Ąrtsstrudel.

Ob Lenz klar war, da├č er mit seinem Hofmeister ein wohl ewig aktuelles St├╝ck geschrieben hat? Im Angesicht von Latte-Muttis, die ihre verpfuschten Karrieregel├╝ste auf ihre Prenzlberg-Kinder kaprizieren, die Erkenntnis, da├č man am besten noch vor der Einschulung den obligatorischen Businness-Japanisch-Kurs absolviert und dem Vielfrontenkrieg um die richtige Schulform kann man erahnen, wie trefflich sich dieser Stoff f├╝r eine Neuausrichtung eignet.

Baulitz aber l├Ąuft nicht in die Falle, all dies bildungs- und tagespolitisch zu thematisieren. Vielmehr nutzt er sein gro├čes Talent f├╝r das Dialogische, f├╝r Tempo, Takt und Sprache. Klug und pointiert ├╝berspitzt er die Lenz'schen Figuren, nutzt an den richtigen Stellen die Macht des Klischees und schafft es, einen aktuellen Bezug anklingen zu lassen, der nicht mit dem Vorschlaghammer m├Ąchtig zeitgeistig, sondern klug und leichtf├╝├čig daherkommt.

Auszug

┬╗Die ├Âffentliche Schule liegt in Tr├╝mmern wie die Tempel Griechenlands, und F├╝rchten ist das Einzge, das sie lehrt. Denn ihre Mittel sind so m├Ąssig, da├č sie nur mehr die Mittelm├Ąssigen versammelt und sie zum Mittelma├č erzieht. Was soll ein Kind inmitten solchen P├Âbels lernen ausser p├Âbeln? Die Studien haben es ergeben: was man an unsrer ├Âffentlichen Schule lernt, reicht nicht ein weiches Fr├╝hst├╝cksei zu kochen. Ich hab mir mal so eine eurer Schulen angekuckt. Die Kinder riechen nach zuviel billigem Waschmittel und sind drogens├╝chtig, T├╝rken oder beides. Sie tragen Krankenkassenbrillen und verstecken Schusswaffen zwischen den Salamischeiben ihres Pausenbrots. In der Pause werden auf dem Klo die Lehrerinnen vergewaltigt und die paar Lehrer, die nicht krankgeschrieben sind, sind bewusstlos von den Psychopharmaka. Alle M├Ądchen tragen Kopft├╝cher. Im Winter f├Ąllt immer die Heizung aus, deswegen m├╝ssen alte ├ľfen mit den letzten verbliebenen B├╝chern geheizt werden. Die ├ľfen sind asbestverseucht. Die B├╝cher auch. Sogar die Lehrer sind asbestverseucht.┬á Aber die sind ja sowieso nie da. Sie werden von ehrenamtlichen Helfern ersetzt, die den Kindern Prospekte von Terroristenausbildunglagern im Jemen zustecken. Aber was das Schlimmste ist: es gibt ├╝berhaupt keinen bilungualen Naturwissenschaftsunterricht. Soviel zur ├Âffentlichen Schule. Na, junger Mann, sie sind ja ganz verbeult!┬ź