Kaspar Hauser und Söhne

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Theater, UA: 12.04.2018, Theater Basel
Inhalt

Am Pfingstmontag des Jahres 1828 erscheint in NĂŒrnberg eine schwankende, etwa 16-jĂ€hrige »possierliche und pudelnĂ€rrische Gestalt« mit rudimentĂ€ren Sprachkenntnissen und gibt zu Protokoll, daß sie jahrelang ohne menschlichen Kontakt bei Brot und Wasser in Dunkelhaft gehalten worden sei, bis ein Unbekannter sie eines Tages in die Welt geworfen habe. Der rĂ€tselhafte Findling wird zur Attraktion. Unter reger Anteilnahme der Öffentlichkeit steigt er als Kuriosum zum »Kind Europas« auf, bis er 1833 unter ungeklĂ€rten UmstĂ€nden stirbt. Über seinen Tod hinaus bleibt er Gegenstand unzĂ€hliger Spekulationen um seine Herkunft sowie philosophischer, psychologischer und medizinischer Analysen und somit Wissenschaftsobjekt.

100 Jahre spĂ€ter: Kaspar, seine Söhne und der weibliche Rest der Familie leben in NĂŒrnberg, fĂŒhren einen hierarchisch organisierten Familienbetrieb. Jeder von ihnen hat seine eigene Familie und Persönlichkeit, letztlich aber sind sie alle aus demselben Stoff gewebt.

FĂŒr die Umsiedlung der Kaspar Hausers ins 20. Jahrhundert entwirft Olga Bach die zersetzende Welt einer lieblosen genealogischen Zusammenrottung, ein hermetisch verschlossenes und durch die AuswĂŒchse familiĂ€rer Hierarchien und unternehmerischer GelĂŒste abgestecktes Territorium, in dem jede Geste zum Schlag zu werden droht. FĂŒr ihre Kaspar-Figuren entwickelt die Autorin eine eigentĂŒmliche Sprache, die die Unbewohnbarkeit der Wörter, ĂŒber die man zu verfĂŒgen meint, anrĂŒhrend und schmerzlich vor Augen fĂŒhrt.

KASPAR HAUSER UND SÖHNE erzĂ€hlt auch eine Geschichte aus dem langen 20. Jahrhundert im SĂŒden Deutschlands: von Kriegen, Teilung und Wiedervereinigung. Der Text entwirft dafĂŒr eine Genealogie entlang einer zwanghaft traditionsbewußten Vererbungslinie innerhalb der engen WĂ€nde eines Familienunternehmens. Dabei spielt Olga Bach mit dem Kaspar-Hauser-Stoff als Mythos einer kollektiven und sich von Generation zu Generation fortsetzenden Schuld. Mit der Fortschreibung des Stoffes bis in die Gegenwart erzĂ€hlt ihr Text von den Grausamkeiten der Tradition, vermittelt durch Sprache und Namen. Der Text versucht sich dabei nicht an einer Aktualisierung der rĂ€tselhaften Figur des Kaspar Hauser, vielmehr folgt er ihren AuswĂŒchsen und KontinuitĂ€ten durch die Zeit.

Mit diesem Auftragswerk fĂŒr das Theater Basel fĂŒhrt Olga Bach auf begeisternde Weise vor Augen, daß aktuelle Theaterliteratur die oft banale Dekonstruktion hinter sich lassen kann und nicht auf das Vage und Fragmentarische angewiesen ist, um der Welt irgendwie habhaft zu werden. Sie erzĂ€hlt in greifbaren Figuren und Situationen eine Geschichte, die dennoch einen großen Horizont an Fragen unserer Zeit aufwirft.