MĂ€dchen in Not

Autor*in(nen)
Theater, UA: 26.05.2016, Nationaltheater Mannheim
Inhalt

Bewundernswert hartnĂ€ckig suchen Anne Leppers Figuren immer wieder nach dem GlĂŒck oder immerhin nach einem kleinen StĂŒck vom gelungenen Leben. In MÄDCHEN IN NOT geht es fĂŒr Baby dabei vor allem um die Frage, mit wem man so das Leben teilen könnte. Sie hat einen Mann und einen Liebhaber, ist also nach den MaßstĂ€ben zeitgenössischer LebensfĂŒhrung bestens ausgestattet. Aber wieder einmal entfaltet das Wollen, das Suchen nach dem Besseren seine fatale Wirkung.

Ein echter Mann, meint Baby, ist nĂ€mlich am Ende nicht das Wahre. Nur mit einer Puppe als Mann verspricht das Leben ein glĂŒckliches zu sein, kann man als Frau wirklich frei und selbstbestimmt werden. Obwohl es gar nicht so trivial ist, eine Puppe zu finden, die dann auch den heterosexuellen AnsprĂŒchen genĂŒgt und die man sich ĂŒberhaupt leisten kann, gelingt es schließlich doch. Unter den neidvollen Augen ihrer Freundin Dolly startet Baby also in ihr neues Leben, das mit stundenlangem An- und Ausziehen, unwidersprochenen Monologen und autonomer SexualitĂ€t viele VorzĂŒge bietet.

Aber das Wollen geht naturgemĂ€ĂŸ weiter, und irgendwann erscheint es fĂŒr Baby unabdingbar, daß man wirklich glĂŒcklich nur mit zwei Puppen als MĂ€nner sein kann – mit denen man dann auch so schön nach Italien fĂŒhre. So folgt irgendwann die zweite Puppe, die aber ebensowenig wie die erste echt ist in ihrem Puppensein. Es sind nĂ€mlich Mann und Liebhaber, die sich zu Puppen haben machen lassen, um so Baby davon zu ĂŒberzeugen, daß es doch mit den echten MĂ€nnern am schönsten ist. Eine Intrige, die schlecht fĂŒr sie enden soll. WĂ€hrenddessen treibt die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens ihr Unwesen, und der freundlich-dĂ€monische Puppenmacher Duran-Duran gebietet ĂŒber alles.

Mit MÄDCHEN IN NOT verfolgt Anne Lepper einige ihrer Themen und Motive konsequent weiter. Es geht um die Suche nach dem besseren Leben, den Kampf des Einzelnen gegen die Strukturen des Systems, das drĂ€ngende Voranschreiten des Wollens, das immer wieder zerschellt an der lĂ€hmenden Stagnation der RealitĂ€t. Allerdings kommt dieses StĂŒck etwas wĂ€rmer, humorvoller, man möchte fast sagen: saftiger daher als seine VorgĂ€nger. Babys sanft-renitentes Aufbegehren hat etwas RĂŒhrendes, ihr immer wieder aufkeimender Streit mit Dolly erinnert schmunzelnd an die stets prĂ€sente Konkurrenz der prototypischen MĂ€dchenfreundschaft. Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens merzt gnadenlos alles aus, was anders ist, und doch prĂ€sentiert Lepper sie als einen Haufen zwar erschreckender, aber auch erschreckend tumber MitlĂ€ufer, deren soziale AuffahrunfĂ€lle amĂŒsieren.

So gelingt der Autorin ein leichter, unterhaltsamer und einnehmender Text, der aber nichts von der thematischen Tiefe und literarischen KomplexitĂ€t einbĂŒĂŸt, welche die QualitĂ€t aller Lepper-StĂŒcke ausmachen.

Ausgezeichnet mit dem MĂŒlheimer Dramatikerpreis 2017