
Ihre Stücke KÄTHE HERMANN (UA: 5.1.12, Theater Bielefeld) und SEYMOUR (UA: 8.1.12, Schauspiel Hannover) haben Anne Lepper große Beachtung und breites feuilletonistisches Lob eingebracht. Tatsächlich ist sich die Presse einig, daß es sich bei ihren Texten um eine besondere Entdeckung handelt. So schreibt Till Briegleb für die Süddeutsche Zeitung in einer Doppelkritik über beide Stücke: »Die Figuren sind zu grotesk um wahr zu sein, aber genau durch diese Übertreibung beschreiben Leppers Blagen Realitäten der Verwahrlosung. Psychologisches Verständnis paart sich hier mit einer Freude an literarischen Übertreibungen ins Surreale.«
Mit der Einladung der Bielefelder Produktion von KÄTHE HERMANN zu den Mülheimer Theatertagen 2012 hat sich die Jury dieser Meinung angeschlossen. Daniela Kranz, Regisseurin der Bielefelder Uraufführung, setzt ihre Arbeit mit Texten von Anne Lepper indes fort. Bereits am 10. Mai 2012 inszeniert sie mit SEYMOUR (Nationaltheater Weimar) einen weiteren Text der Autorin.
Milo Rau, Autor und Regisseur von HATE RADIO, ist mit seiner Produktion zum diesjährigen Berliner Theatertreffen eingeladen und sorgt somit für eine höchst positive Überraschung im Feld der Etablierten. Mit der IIPM-Produktion perfektioniert Rau die Form des Reenactments und schafft ein theatrales Mahnmal von beeindruckender Intensität, in dem er an eine besonders perfide Episode des Genozids in Ruanda erinnert. »Vergleichen kann man dieses Stück mit gar nichts. Auch wenn man seit dem Vietnamkrieg um den Zusammenhang von Rock, Drogen, Mord und Massaker weiß, und Peter Weiss’ Ermittlung kennt, bietet das keinen Halt, aus dem man kulturell abgekühlt sich diesem Abend nähern könnte«, schreibt Cord Riechelmann in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung und Peter Laudenbach erkennt in der Süddeutschen Zeitung einen »atemberaubenden Perspektivwechsel, wie er so nur im Theater möglich ist.«
Wir gratulieren Anne Lepper und Milo Rau zu den Einladungen nach Mülheim und Berlin!
Marc Schäfers und Tobias Philippen
Aus Anlaß des 100. Todestages von Henrik Ibsen hat sich Matias Faldbakken auf seine sehr eigene Weise mit seinem Landsmann auseinandergesetzt, in dem er dessen Stück NORA überschrieb. Unter dem Titel KALTES PRODUKT wurde Faldbakkens eigenwillige Adaption am Nationaltheater Oslo uraufgeführt, 2008 folgte am Staatstheater Stuttgart die Deutschsprachige Erstaufführung. Nun steht der von Hinrich Schmidt-Henkel übersetzte Bühnentext für weitere Produktionen zur Verfügung. Tatsächlich gelingt Faldbakken eine drastische und überzeugende Aktualisierung des Klassiker. Nora ist eine ehrgeizige und erfolgreiche Anwältin. Schon lange wünschen sie und ihr Mann Torvald, Redakteur des Skateboard-Magazins ›Nobored‹, sich ein Kind. Wenige Tage vor dessen Geburt taucht völlig unerwartet Kristine auf, eine Jugendfreundin Noras. Sie ist auf der Suche nach einem Job, und Nora verspricht ihr, sie als Buchhalterin im Unternehmen ihres Mannes unterzubringen. Nora ahnt jedoch nicht, was sie damit auslöst, denn die Zeitschrift dient dem Drogenhändler Frode Quale dazu, das mit seinen zwielichtigen Geschäften verdiente Geld reinzuwaschen. Jürgen Berger befand in der Süddeutschen Zeitung: »Matias Faldbakken hat sich mit seinem Theater-Erstling als gewiefter Psychodramatiker entpuppt. Er wartet mit exzellenten Dialogen auf und bietet eine derart einschneidende ›finale‹ Lösung, daß man sein Stück auch als moralphilosophische Fragestellung im Zeitalter der Reproduktion von Humanmaterial verstehen kann.«
In den vergangenen Monaten hat Nis-Momme Stockmann mit TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR (UA: 15.9.2012, Staatstheater Hannover) und DER FREUND KRANK (UA: 27. April 2012, Schauspiel Frankfurt) an seinen bislang umfangreichsten Theatertexten gearbeitet. Thematisch beschäftigt sich Stockmann in TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG mit dem aberwitzigen Versuch, dem kapitalistischen System ein endgültiges Schnippchen zu schlagen. Mit DER FREUND KRANK hingegen kehrt Stockmann in die Provinz zurück, aus der er wohl wie kaum ein anderer zu erzählen vermag. Wieder ist es ein junger Mann, der in seine unglamouröse Heimat zurückkommt, da sein Jugendfreund Mirko verrückt geworden ist. Mirkos Frau Nora, in die der Heimkehrende einst verliebt war, pflegt den Kranken, von dem sie ein Kind erwartet. Der Ort selbst krankt am Strukturwandel. Das Aroma-Werk wird abgebaut. Stattdessen kommt die Autobahn. Der Mann bleibt trotz allem da. Ihn hält eine Mischung aus Sehnsucht und Schuldgefühl – denn auch er profitiert vom Ausverkauf des Ortes. Nis-Momme Stockmanns neues Werk ist eine neoromantische Groteske, in der ein zerrissenes Ich zwischen Selbst- und Weltanklage taumelt. Der Autor legt im Selbstbespiegelungstheater deutsche (Ur-)Zustände und Zwänge offen. Nihilistischer Abgesang und phantastisches Traumspiel.
Für ihr Theaterstück JIGGY PORSCHE TAUCHT AB erhielt Olivia Wenzel in der »Langen Nacht der neuen Dramatik« am 1. Oktober den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik 2011. Ihr Text überzeugte nicht nur die fünfköpfige Jury, die Wenzel ein Preisgeld in Höhe von 7.000 Euro zusprach, sondern auch Dramaturgie und Intendanz der Münchner Kammerspiele: JIGGY PORSCHE wurde daher noch in dieser Spielzeit - am 16. April 2012 - im Werkraum der Kammerspiele uraufgeführt (Regie: Philip Decker). Über den Text schrieb nachtkritik anläßlich der letztjährigen Preisverleihung: »Tatsächlich läßt das Stück von Olivia Wenzel aufhorchen: Hier kann eine schreiben und hat Stoff und Schwung für mindestens eine Hand voll Stücke.« Egbert Tholl schrieb in der Süddeutschen Zeitung: »Wofür Olivia Wenzel bei der Nacht der neuen Dramatik 2011 den Förderpreis für deutschsprachige Dramatik erhielt, das trägt schon so viel Witz und überlegenen Humor in sich. Schon die Lesung bei der Dramatikernacht war ein phantastisches Vergnügen.« Wenzel, die in Berlin als Autorin und Songwriterin lebt, hat zudem im Auftrag der Neuköllner Oper das Libretto zum Musiktheaterstück BEI DRÜCKEN SENDEN verfasst, das am 10. November uraufgeführt wurde. Mit ihrem Text PASSAGEN wurde die Autorin zudem zum 1. Karlsruher Dramatikerfestival eingeladen, das am Badischen Staatstheater in einer szenischen Lesung vorgestellt wurde.