Neues von Stockmann: DAS HERZ DER KRAKE

Am 27. April hätte die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns neuestem Stück DAS HERZ DER KRAKE stattfinden sollen. Das DT Berlin wird die Produktion nun aufgrund der aktuellen Situation in die Spielzeit 2020721 verschieben.

Das Stück mit u.a. starken Rollen für zwei jüngere und eine ältere Schauspielerin beginnt in einem Altenheim mitten in Berlin und doch irgendwie am Ende der Welt. Hier leben Menschen, um zu sterben. Eine vergessene Bühne deutscher Sozialstaatstristesse: ein volkstreuer Neonazi, eine aufrichtige Person of Colour und um sie herum die skurrilen Alten und ein gewaltbereiter Mob – soweit alles klar, die Geschichte scheint erzählt.

DAS HERZ DER KRAKE ist mehr als ein engagierter Schlagabtausch eingespielter Positionen. Mit geradezu furchteinflößender Gelassenheit dringt Stockmanns Text in die Widersprüchlichkeit und die Scham der Geschichte und seiner Figuren und zeichnet ein häßliches, ein bisweilen angstmachendes Bild deutscher Gegenwart, heimgesucht von einem Haß ohne Erinnerung, der laut tönt und doch keine Worte findet.

Mitten im Kampfgeschehen der Widersprüche, enge Frontlinien durchkreuzend, bereitet DAS HERZ DER KRAKE ein Fest der dialogischen Form und zelebriert die verloren geglaubte Kunst des konzentrierten, interessierten Gesprächs. Während Überzeugung und Ideologie, Wut und Angst, Auf- und Abstieg miteinander im Wettstreit liegen, entwickelt sich an einem Ort, an dem es nichts mehr zu erwarten gibt, aus der Dunkelheit einer endlosen Nachtschicht und mit der Wucht einer unvorhergesehenen Begegnung eine leuchtende Erzählung über den Willen zum Leben und die Schönheit des Wortes.

DAS HERZ DER KRAKE ist ein unbequemes, irritierendes und zugleich zärtlich humorvolles Manifest für das widersprüchliche und aufreibende, vor allem aber das niemals aufzugebende Gespräch, dessen verbindliche Kraft sich durch die gereizten Anmaßungen populistischen Geschwafels und den Lärm einer zum Himmel schreiend ungerechten Welt hindurch verständlich zu machen weiß. DAS HERZ DER KRAKE ist kein didaktisches und gerade deshalb ein unendlich lehrreiches Stück.

»Warten auf Tränengas« von Sauter & Studlar

WARTEN AUF TRÄNENGAS reflektiert die Instabilität und Unattraktivität institutioneller Demokratie und deren Herausforderung durch allzu vitale, populistisch effekthaschende Gemeinschaftsversprechen. Dabei verfolgen die Autoren  die Zersetzung der Strukturen politischer Auseinandersetzung zugunsten einer emotionalisierten, von sich selbst überzeugten Politik im Namen einer selbsternannten Mehrheit. Mit einem kleinen Cast gelingt es Sauter und Studlar, das komplexe Spannungsgeflecht eines gesellschaftlichen Umbruchs zu skizzieren.

»Black Square« von Philipp Stadelmaier

Dick und Duck, ein distinguiert-bürgerliches Pärchen, werden umgarnt und verführt von  zwei Personen, die plötzlich auftauchen und sich einfach nur »Black Square« nennen: zwei schwarze Racheengel, die angeblich direkt aus der Zukunft kommen, von einem Ort afrofuturistischer Utopie, angesiedelt zwischen Addis Abeba und Lagos. Es entsteht eine merkwürdige Atmosphäre, oszillierend zwischen sexuell mehrdeutiger Anziehung, freundlich-überheblicher Hilfestellung und subtiler Bedrohung.

»Angstbeißer« von Wilke Weermann

Wilke Weermanns Figuren beherrschen die Sprache der Einsamkeit, den Code der Zweckgemeinschaft. Zum Fixpunkt ihrer verloren gegangenen Gespräche werden die anonymen Anderen. Ein gutes Gefühl, daß da noch jemand ist, nach dem man treten kann. Jede lakonische Beleidigung, jede Aussage, die ein kleines Bißchen zu weit geht – das wird man doch wohl noch … –, erzeugt ein leichtes Kribbeln und verspricht eine kurzfristige Linderung von der Enttäuschung, die das eigene Leben bereithält.

Neuigkeiten
Tabori-Auszeichnung an Anta Helena Recke

Gratulation an Anta Helena Recke. Der Tabori Preis ist die deutschlandweit höchstdotierte Auszeichnung für die Freien Darstellenden Künste. Mit dem Preis ehrt der Fonds Darstellende Künste "eine kontinuierliche künstlerische Arbeit mit hoher bundesweiter und internationaler Ausstrahlung, die zudem inhaltlich relevant, und in Format oder ästhetischer Handschrift Wegbereitend war und ist". Mit den Tabori Auszeichnungen werden "experimentelle Formate von Künstler*innen und Gruppen" bedacht, die durch "ein bedeutendes Upcoming oder durch kontinuierliche Entwicklungen eines eigenständigen ästhetischen Formates überzeugt haben".

Bochumer Short Cuts mit Katja Brunner, Anne Lepper und Björn Bicker

Das Bochumer Schauspielhaus hat 14 Dramatiker*innen beauftragt, für das gesamte Ensemble szenische Miniaturen zu schreiben, die vom pandemischen Jetzt handeln. Entstanden ist eine Episodencollage für den virtuellen Raum, ein schillerndes Wimmelbild unserer Zeit: Short Cuts aus Bochum. Szenische Miniaturen für das Bochumer Ensemble von Björn Bicker, Katja Brunner, Anne Lepper u.a.  Ab 19. Mai online – wöchentlich mit drei neuen Folgen auf der Website und den Social Media-Kanälen des Schauspielhaus Bochum. 

Rüping inszeniert Dekalog für den digitalen Raum

Christop­her​ Rüping nimmt Krzysztof​ Kieślow­skis Episodenfilme DEKALOG  als Vorlage für ein The­aterprojekt ohne The­ater und ver­lagert seine Inszenierung (nach Motiven einer Inszenierung am Schauspiel Frankfurt 2013714) ins In­ternet – und damit die Funktion des Theaters, durch Anschauung und Spiel den mora­lischen Kompass zu schärfen​ und sich gemeinsam über Werte und​ Maßtäbe zu verständigen. In den zehn Folgen seiner Theaterinszenierung für den digitalen Raum wird er in den nächst­en drei​ Wochen zusa­mmen mit dem Ensemble des Schauspielhaus­es Zürich fragen, wa­s​ richtig und was​ falsch ist. Sie di­rekt wird er fragen. Sie, das Publikum. Und​ Sie werden antw­orten können und ent­scheiden. Und Sie wer­den sehen, welche​ Konsequenzen Ihre Ent­scheidungen haben. Wie im echten Leben. Oder eben im​ Intern­et. Aber wo ist da schon der Unterschied. Die erste Folge ist ab dem 17. April 2020 online, weitere 9 folgen bis zum 3. Mai.

Gerty-Spies-Literaturpreis für Milo Rau

Der Gerty-Spies-Literaturpreis geht im Jahr 2020 an Milo Rau. »Die Jury wählte Milo Rau aus, weil er wie kein anderer Kunst, Literatur und Politik verbindet«, heißt es in der Begründung der Jury. Zu den bisherigen Preisträger*innen zählen u. a. Navid Kermani, Juli Zeh, Günter Wallraff, Eva Menasse und Christoph Hein. Milo Rau ist der erste Regisseur und Dramatiker, der mit dem Gerty-Spies-Literaturpreis ausgezeichnet wird. 

Anta Helena Recke zum zweiten Mal in Berlin

Herzlichen Glückwunsch an Anta Helena Recke und Helgard Haug, die mit ihren aktuellen Arbeiten zum (nun abgesagten) Berliner Theatertreffen 2020 eingeladen sind. Recke ist nach 2018 bereits zum zweiten Mal beim Theatertreffen. Damals wurde ihre Inszenierung »Mittelreich«eingeladen, diesmal ist sie mit der nachfolgenden Arbeit (ebenfalls Münchner Kammerspiele) DIE KRÄNKUNGEN DER MENSCHHEIT (eine Koproduktion mit dem HAU, Berlin, Kampnagel Hamburg und Mousonturm, Frankfurt/M.) dabei. Helgard Haug ist als Teil der Gruppe Rimini-Protokoll ebenfalls ein wiederkehrender Gast des Berliner Theatertreffens. Bei CHINCHILLA ARSCHLOCH WASWAS (Mousonturm und Schauspiel Frankfurt) zeichnet sie für Text und Regie allein verantwortlich.

»Nationalstraße« in deutschen Kinos

Der auf dem Stück von Jaroslav Rudiš' NATIONALSTRASSE basierende Kinofilm ist bald auch in deutschen Kinos zu sehen. Sehen Sie hier den deutschen Trailer!