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theater und medien

Nis-Momme Stockmann: Auftrag in Seoul

Im Auftrag des National Theatres of Korea hat Nis-Momme Stockmann für den Regisseur Alexis Bug das Stück THE POWER geschrieben, das dort im Juni diesen Jahres seine Uraufführung erlebte. Der deutsche Journalist Jan Creutzenberg, der in Seoul lebt, hat auf seinem Blog seoulstages.wordpress.com über den Abend berichtet.

»Die Ränge des Myeongdong Theaters im Herzen Seouls sind etwas ausgedünnt, vermutlich wegen der grassierenden MERS-Angst. Doch auch ein Mundschutz hindert das Publikum nicht daran, beim Eröffnungstusch der drei-Personen-Band begeistert mitzuklatschen. Doch schon stürmt Park Yun-Hee die Bühne, Hauptdarsteller und Aushängeschild von THE POWER. Er stellt sich als Autor des Theaterstückes vor, das wir sehen werden, muss sich jedoch gleich korrigieren – tatsächlich ist er bloß die willenlose Marionette des wahren Dramatikers. Nur Nis-Momme Stockmann, der für die National Theater Company of Korea dieses “Triptychon zur Macht” verfasst hat, besitzt ebendiese Macht, den Hauptdarsteller per Regieanweisung zu einer Verbeugung zu zwingen.

Und schon sind wir mitten im Thema: Wie bestimmen unsichtbare Machtstrukturen unser Leben? Regisseur Alexis Bug, seit seiner Wiedervereinigungs-Satire DER BERLINER GAETTONG (2008) in Korea kein Unbekannter, lädt ein zu einer theatralen Achterbahnfahrt: vom militärischen Endzeit-Sketch über Diskursgeschrei in der Chefetage zu einer “absurden” Dinnerszene. Die glitzernde Drehbühne und die Musikeinlagen sorgen für die nötige Dynamik, die großartigen Schauspieler geben den flexiblen Menschen ohne Scheu vor Slapstick und gewagten Stunts, selbst technische Knalleffekte verpuffen nicht ohne den einen oder anderen Gedanken im Raum stehen zu lassen. Ein von Szene zu Szene irrender Büroangestellter bietet mit seiner Arglosigkeit emotionales Identifikationspotential – sein Eingeständnis allgemeiner Verwirrung sorgt für größtes Gelächter im Publikum. Aber auch über ihren Unterhaltungswert hinaus wirft die Aufführung interessante Fragen auf und wird, wie die koreanische Wirtschaftszeitung ECONOMIC DAILY urteilt, “in der Theaterwelt sicher für Debatten sorgen.« 

 

Hermann-Sudermann-Preis für Stockmann

Nis-Momme Stockmann hat den mit 5.000 EUR dotierten Hermann-Sudermann-Preis für sein Werk PHOSPHOROS erhalten (UA: 2014, Residenztheater, München). Der Preis, der im Rahmen der Autorentheatertage am Deutschen Theater Berlin verliehen wurde, würdigt herausragende Leistungen im Bereich der deutschen Dramatik und wird alle zwei Jahre vergeben. Der Jury gehörten in diesem Jahr die beiden Dramaturgen des Deutschen Theaters Berlin, Christa Müller und John von Düffel, sowie die Vorstandsmitglieder der Hermann Sudermann Stiftung, Dr. Karen Bork und Helmut Otten, an. Die Jury begründet ihre Wahl wie folgt: »Nis-Momme Stockmann gelingt es in seinem Stück „Phosphoros“ in einer großen, gleichsam ein- und ausatmenden Geste bravourös, physikalische Einsichten in die Zeitstruktur in dramatische Handlung umzusetzen, welche spannend, berührend und teilweise grotesk die Einsteinsche Relativität von Zeit und Raum im Spiel erfahrbar macht.« Mit seinem Werk TOD UND WIEDERAUFERSTEHUNG DER WELT MEINER ELTERN IN MIR wurde Stockmann 2014 zu den Mülheimer Theatertagen eingeladen. In der laufenden Spielzeit wurde das Werk an den Staatstheatern in Wiesbaden und Karlsruhe nachgespielt. Für das koreanische Nationaltheater in Seoul und den Regisseur Alexis Bug hat Stockmann in diesem Frühjahr das Stück POWER geschrieben. Derzeit schreibt der Autor an Aufträgen für das Deutsche Theater Berlin und das Staatstheater Hannover. 

 

»Ach je die Welt« von Anne Lepper uraufgeführt

Für das Theater Dortmund hat Anne Lepper mit ACH JE DIE WELT ihr erstes Jugendstück geschrieben, in dem sie weiterhin ihre eigenen Referenzsysteme erforscht. Die Jungs vom Schrottplatz wirken ähnlich neunmalklug wie Hitchcocks Fragezeichen, und auch die Suche nach einem verschwundenen Hund erinnert an einschlägige Abenteuer-Literatur. Wie kurz die Jugend und mithin die Infragestellung des Altbewährten aber tatsächlich währt, darüber macht sich Anne Lepper keine Illusionen: Als aus dem Spiel bitterer Ernst wird, flüchten die drei Jungs in den »Klub der Söhne« - wahrscheinlich, um es ihren Vätern oder gar Alfried Krupp gleichzutun. Marie-Ann hingegen bleibt außen vor, mit dramatischem Ausgang. Um es frei nach Fassbinder zu formulieren: »Die Jugend ist kälter als der Tod«. Stefan Keim kommentiert für nachtkritik: »In ihrem ersten Jugendstück hat die Autorin ihren Stil kaum verändert. Im Gegenteil, sie ist noch assoziationsreicher geworden. Einen Fluchtpunkt finden die drei Jungs im ›Club der Söhne‹, der aus Fritz Langs ›Metropolis‹ entlehnt ist, ein trügerisches Paradies der Reichen. Ein Mädchen möchte unbedingt dazu gehören. Marie-Ann sehnt ihren 15. Geburtstag herbei und stellt sich dann den Jungs als Lustobjekt zur Verfügung. Dann faßt Marie-Ann einen anderen Plan. Sie ist bereit, sich zu verwandeln, ein anderer Mensch zu werden, um einen Platz zu finden im Club der Söhne. Hans-Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau steckt ebenso in dieser Figur wie Frauenfiguren Ödön von Horváths und Rainer Werner Fassbinders. Anne Lepper montiert sprachliche Stilzitate in ihren Text, der ein faszinierend schillerndes dramatisches Gebilde ist. Anne Lepper hat sich schon früher mit Kindern beschäftigt: in ihrem skurril-boshaften Stück SEYMOUR über dicke Internatszöglinge, die von ihren lieblosen Eltern abgeschoben wurden. Sie ist keine Kompromisse eingegangen, ›Ach je die Welt‹ ist eine Herausforderung an die Spieler wie die Zuschauer. Ein Verlorenheitsblues über die Industriegebietskinder, Theater, das auf subtile Weise zum Widerstand aufruft.«

Thomas Melle: Zurück zur Bühne

Im vergangenen Jahr hat Thomas Melle vor allem als Romancier von sich reden gemacht. Sein zweiter Roman - »3000 EURO« - landete im vergangenen Herbst auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Am Theater Bremen wurde der Roman nun uraufgeführt - die Bremer hatten bereits Melles ersten Roman »Sickster« auf die Bühne gebracht. Für das Volkstheater München hat Thomas Melle eine eigene Dramatisierung vorgenommen, die dort mit Premiere am 10. Juni 2015 in der Regie von Brit Bartkowiak inszeniert wurde. Das schreibt die Presse: »›3000 EURO‹ ist ein die zeitgenössische Allgegenwart sozialer Unsicherheit zum poetischen Prinzip erhebendes Kunstwerk, das zugleich aufrüttelt und niederschmettert. Ein großer, ja ein preiswürdiger Roman im Sound einer ganzen Generation.« (Neues Deutschland) »Melles neuer Roman ist ein brutales Buch. Eines, das von der Ungeborgenheit des modernen Individuums erzählt, von Erniedrigungen, die unsere hochgerüstete Konsumgesellschaft ihren Mitgliedern zufügt. Es kann Melle nicht hoch genug angerechnet werden, daß er hier weder im Namen eines mitfühlenden Sozialrealismus schreibt noch in einem Ton, der die Kaputtheit der Figuren zelebriert und darauf mächtig stolz ist.« (Die Zeit) 3000 EURO wird in der kommenden Spielzeit u. a. vom Thalia Theater, Hamburg und vom Hans Otto Theater in Potsdam nachgespielt. Noch schöner aber ist, daß die Theater nun auch wieder verstärkt den Dramatiker Melle ins Visier nehmen. Für das Theater Bonn schreibt Melle ein neues Stück (Regie: Alice Buddeberg). Am Theater Aachen inszeniert Eike Hannemann mit PARTNER. EIN BARSPIEL einen älteren, aber noch nicht uraufgeführten Text des Autors.

Neuigkeiten
Sascha Hargesheimer bei den Autorentheatertagen

Die Jury der diesjährigen Autorentheatertage am DT Berlin hat aus 207 eingesandten Stücken drei ausgesucht, die in diesem Frühjahr durch das Burgtheater Wien, das Schauspielhaus Zürich und das Deutsche Theater Berlin uraufgeführt werden. Mit dabei ist Sascha Hargesheimer mit seinem neuen Stück ARCHIV DER ERSCHÖPFUNG. Mit seinem Erstling POLEN IST MEIN ITALIEN debütierte Hargesheimer im vergangenen Jahr bei schafersphilippen ™. Das Stück, das im Juni 2014 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde und mit dem Hargesheimer den Münchner Förderpreis für neue Dramatik 2013 gewann, erzählt die fiktionale Geschichte des Independent-Regisseurs Bela Roberti, der 1980 in der Nähe von Danzig eines Science-Fiction-Film dreht. Inmitten der postapokalyptisch anmutenden Ostsee-Ödnis gehen Roberti erst das Film-Material und dann die Ideen aus (oder ist es umgekehrt?). Der vom Schicksal gebeutelte Filmemacher flüchtet ob des bevorstehenden Scheiterns seines Films in eine fiebernde Gedankenwelt zwischen Erinnerung und Traum. Er begegnet zwei polnischen Brüdern in ihrem verlassenen Hotel am Meer, einer Kranführerin, die kurz vor ihrer Pension gefeuert wurde und seiner Ex-Frau, die ihn längst verlassen hat. Während die Oppositionsbewegung um ganz reale Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen kämpft, verzweifelt Roberti an seinem Beruf, an seinem Leben, an seiner Existenz und seinem Intellekt. 

»Gehen Sie da hin!« Hymnische Presse für THE DARK AGES

Am 11. April feierte Milo Rau mit dem 2. Teil der Europa-Trilogie – THE DARK AGES – im Residenztheater in München Premiere. Die Produktion, die im Anschluß auf Tour nach Belgien, Frankreich und in die Schweiz geht, erntete bereits anläßlich der Premiere begeisterte Zustimmung bei Publikum und Kritik: Es handle sich um einen »großen Abend« der »ins Überzeitliche« und »Allgemeinmenschliche« ragt, hieß es etwa auf SPIEGEL.DE. Der 1. Teil der Europa-Trilogie, THE CIVIL WARS, ausgezeichnet mit dem Jurypreis beim »Festival Politik im Freien Theater«, wird vom 13.-15. Juni bei den Wiener Festwochen zu sehen sein. Im Dezember 2015 wird an der Schaubühne Berlin der 3. Teil der Europa-Trilogie herauskommen: EMPIRE (AT).

Christian Weise: Großes Musiktheater in Weimar

Der Autor und Musikwissenschaftler Dr. Kevin Clarke ist hin und weg von Christian Weises Regie von "Wie werde ich reich und glücklich?" (Spoliansky) in Weimar. »Diese Produktion ist eine Reise nach Weimar wert und einer der aufregendsten Musiktheaterabende seit langem. Weil 'Wie werde ich reich und glücklich?' das perfekte Stück für unsere heutige Gesellschaft ist, selbst wenn man es ohne jegliche Aktualisierung spielt. Und weil diese Besetzung vermutlich in Deutschland derzeit ihresgleichen sucht. Das Bemerkenswerte an der Produktion von Christian Weise ist, daß sie auf jegliche konkrete Aktualisierung verzichtet, die sonst das A und O des modernen Regietheaters ist, und stattdessen eine historische Bühne im expressionistischen Stil nutzt, um geradezu cartoonhaft die Groteske auszuspielen. Das Erstaunliche: Obwohl viele Kritiker diesen Retro-Ansatz als museal abtun würden und obwohl die Inszenierung von Anfang bis Ende ein Stilzitat ist, wirkt sie niemals gestrig oder verstaubt. Vielmehr absolut heutig und in sich schlüssig. Weil Musik, Inhalt und Darstellungsweise hundertprozentig deckungsgleich sind, aber trotzdem aus heutiger Perspektive erzählt werden, was auch ohne jegliche Aktualisierung klar ist.«

»Großer Wurf«: die FAZ bejubelt Jan-Christoph Gockel in Mainz

»Gänsehauttheater: Am Staatstheater Mainz inszeniert Jan-Christoph Gockel „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Bis in alle Nebenfiguren hinein gelingt dem mit stupender Wachheit agierenden Mainzer Ensemble diese traumwandlerische Gleichzeitigkeit widerstreitender Gefühle. Zum großen Wurf aber wird Gockels aufrüttelnder Hauptmann-Abend durch die Puppen von Michael Pietsch. Im Zusammenspiel der Puppen mit den Schauspielern entstehen szenische Momente, die zutiefst verstören. Wie Gockel und Pietsch mit ihren zu Urangst-Tableaus gefrierenden Bildern unbewusste Seelengeschichten im Zuschauer angreifen, die unheimliche Dauerpräsenz der Gestorbenen versinnbildlichen und in verdrängte Gründe leuchten, jagt einem immer wieder eine Gänsehaut über den Körper. Vibrierende Stille im Mainzer Staatstheater, ehe das Premierenpublikum sich die Anspannung aus dem Körper jubelt. Es sind solche Erlebnisse, für die man ins Theater geht, so selten sie sich auch ereignen.«