Lily Sykes: Solo für Zwei in Hannover

Lediglich Corinna Harfouch und Oscar Olivo werden auf der Großen Bühne stehen, wenn das Staatstheater Hannover ab dem  25. Oktober die Produktion ORLANDO in einer Fassung und inszeniert von Lily Sykes zeigt (Bühne von Jelena Nagorni und Musik von David Schwarz).

Sykes, 1984 in London geboren, nur knapp 100 Jahre später als Virginia Woolf, setzt sich bereits zum zweiten Mal mit dem provokanten Meisterwerk ihrer Landsfrau auseinander. Den »Orlando« bearbeitete und inszenierte sie 2016 schon einmal für das Staatstheater Darmstadt, allerdings nicht in einer solch reduzierten und schillernden Besetzung wie nun in Hannover.

Für Lily Sykes folgt dann in der aktuellen Spielzeit eine zweite Arbeit am Schauspiel Köln, die Uraufführung »Bomb« der israelischen Autorin Maya Arad Jasur sowie der Shakespeare-Mash-Up »Game of Crowns Part II.«.

In der vergangenen Spielzeit hatte Sykes neben Arbeiten am Home Theatre Manchester und am Schauspiel Köln mit »Viel Lärm um Nichts« in Karlsruhe für Aufsehen gesorgt: »Sykes [lässt] das Ensemble richtig glänzen. Wirkte es in den vergangenen Jahren am Staatstheater oft, als hätten die Schauspieler nur noch ein im Programmheft erklärtes Konzept öffentlich durchzubuchstabieren, wird hier im wahrsten Wortsinn ›gespielt‹, so dass sich Dynamik entwickelt und Szenen ein Eigenleben entwickeln. Die Inszenierung ist, dem kontrastreichen Stil Shakespeares angemessen, ein Kessel Buntes, in dem hemmungslos Albernes ebenso Platz hat wie hoffnungslos Abgründiges.« (Badische Neueste Nachrichten)

In Hannover wird ORLANDO am 25./27. und 31. Oktober sowie am 2. und 15. November gezeigt.

Sanja Mitrović: Danke Deutschland!

Geboren in Zrenjanin im ehemaligen Jugoslawien arbeitet Sanja Mitrović als Regisseurin, Performerin und Dozentin. Der Komplexität und Diversität ihrer Themen begegnet sie mit einer Formensprache, die sich an den Schnittstellen von Performance, Theater, Tanz und Bildender Kunst bewegt. Ihre Theaterabende, die sie zumeist gemeinsam mit Menschen verschiedener Communities entwickelt, erzählen immer von den Abhängigkeiten und gegenseitigen Durchdringungen des Individuellen und des Gesellschaftlichen, von den Verflechtungen politischer, ökonomischer und intimer Aspekte des menschlichen Lebens. Ihre Produktionen geraten gleichzeitig scharfsichtig analytisch und dokumentarisch und werden durch eine intime Nähe zu ihren Protagonist*innen getragen, ihr Umgang mit deren Geschichten liebevoll involviert. Ihre aktuelle Produktion – Danke Deutschland – Cảm ơn nước Đức – entwickelte sie gemeinsam mit Schauspieler*innen aus dem Ensemble der Schaubühne Berlin, die in der DDR oder der BRD groß geworden oder nach Deutschland eingewandert sind, einer ehemaligen Vertragsarbeiterin, »boat people« und Deutsch-Vietnames*innen der zweiten Generation. Entstanden ist ein brüchiges Panorama aus Erinnerungen und Lebensgeschichten in einem geteilten und vereinigten Deutschland, das sich den gemeinsamen und spezifischen Problemen der Anpassung verschiedener Akteur*innen an neue soziale und politische Systeme stellt. Im Hintergrund der intensiv diskutierten Produktion über Anpassung und Freiheit, Dankbarkeit und den anhaltenden Fremdenhass in Deutschland schwelen die Bilder des brennenden ›Sonnenblumenhauses‹ in Rostock-Lichtenhagen. Bilder, die auch die derzeit eskalierenden Diskussionen um Migration und Integration in Deutschland begleiten (müssen).

Lucia Bihler: starker Auftakt am Volkstheater München

Lucia Bihler hat dem Volkstheater mit ›Hedda Gabler‹ »einen bonbonfarbenen, würdigen und sehenswerten Start in die neue Saison beschert«, schreibt die SZ. Bihler interessiere sich in ihrer Arbeit »sehr für diesen Daseinszustand zwischen Leben und Tod. Sie versetzt ihre Figuren gern hinein in jenes wankende Funktionieren, roboterhaftes Agieren, das kaum durch irgendeine persönliche Motivation zustande kommen kann. Sie schiebt ihre Figuren hinter Schminke und Kostüme, sie dürfen nicht mal alle Geräusche selbst machen, die kommen teils vom Band.« Das erinnere ein wenig an Susanne Kennedy, heißt es weiter in der Süddeutschen Zeitung. »Anders als Kennedy aber entmenschlicht Bihler ihre Figuren damit nicht, sie saugt ihnen nur das Feuer aus den Adern, macht sie zu schlaffen Funktionierenden. Das erzählt viel über menschliche Unfreiheit und über das gigantische Kasperltheater, was wir Tag für Tag veranstalten, um bloß nicht unser wahres Gesicht zeigen zu müssen.« Fazit: »Wenn Traurigkeit und begrabene Sehnsucht so konsequent in Marzipanfarben daher kommen wie in dieser ›Hedda Gabler‹, sieht man sehr gern dabei zu.« Die Münchner Abendzeitung findet, daß Bihler »eine Aufführung gelungen ist, die auf eine im Sprechtheater ungewöhnliche Weise durch Bilder erzählt, deren virtuose Mechanik unmittelbar mitreißt, die aber auch Zuschauer anspricht, die das Stück kennen und sich mehr für die Nuancen interessieren.« Auch auf Nachtkritik gibt es viel Lob: »Diese Hedda Gabler beeindruckt mit erstaunlich stilsicherer Konsequenz und zynischer Leichtigkeit abseits der erwartbaren Klassiker-Dekonstruktion.«

 

neue Stücke bei schaefersphilippen™

Nach dem großen Erfolg beim Berliner Theatertreffen samt Übertragung auf 3Sat wird PeterLichts TARTUFFE ODER DAS SCHWEIN DER WEISEN unter der neuen Intendanz von Andreas Beck an das Münchner Residenztheater übernommen. Beck setzt zudem die Zusammenarbeit mit dem Kölner Musiker und Autoren und Claudia Bauer fort: im Dezember wird die neue Arbeit DER EINGEBILDETE KRANKE in München uraufgeführt. Das eigenwillige Autor*innen - und Regieteam Stuhler/Koslowski bringt derweil gleich zwei neue Stücke zur Uraufführung. Erstmals arbeiten die beiden Berliner Künstler am Schauspiel Graz. Dort entsteht der Text DIE LEIDEN DER JUNGEN WÄRTER. Am Schauspiel Frankfurt haben die beiden mit DER ALTE SCHINKEN einen wahren Kassenschlager gelandet. Als Nachfolgeproduktion entsteht nun das Stück 1994 - FUTURO AL DENTE (UA: 6.12.2019). Im Auftrag für das Theater Basel hat Darja Stocker HUNDERT JAHRE WEINEN ODER HUNDERT BOMBEN WERFEN geschrieben, die Uraufführung am 18. Oktober inszeniert Franz-Xaver Mayr. Wilke Weermann, Autor und Regisseur, setzt in Kassel die dort begonnene Zusammenarbeit mit der Stückentwicklung I AM PROVIDENCE fort. Für sein Stück ANGSTBEISSER hat er das Hans-Gratzer-Stipendium 2019 erhalten. Damit verbunden ist die Uraufführung des Textes am Schauspielhaus Wien. Mit DAS HERZ DER KRAKE zeigt das Deutsche Theater ein neues Stück von Nis-Momme Stockmann. Gordon Kämmerer entwickelt in der Verbindung aus Text und Regie am Staatstheater Cottbus ein Stück über den (deutschen) WALD. 

Neuigkeiten
Eine Quote für neue Dramatik!

Gerne weisen wir auf einen bemerkenswerten Artikel aus der aktuellen FAZ hin. Friederike Emmerling, Oliver Franke, Stefanie von Lieven, Barbara Neu und Bettina Walther rufen zur Stärkung der zeitgenössischen Dramatik auf und bringen in diesem Zusammenhang eine Quote für neue Dramatik ins Gespräch.

Štorman im Blick der Opernwelt

In der jährlichen Kritikerumfrage des Magazins »Opern-Welt«zu den Opernereignissen des Jahres bringt es Marco Štorman auf insgesamt 9 Erwähnungen. Sieben davon entfallen auf sein sensationelles Debüt »Nixon in China«an der Stuttgarter Oper, zwei weitere beziehen sich auf seine Lulu-Inszenierung an der Oper Bremen. In der aktuellen Spielzeit inszeniert Štorman an den Opern in Bremen und Klagenfurt. Für das Sydhavn Teater Kopenhagen und das Glad Teater Kopenhagen entsteht zudem das Musiktheater-Projekt »Man on the Moon«.

Spiegel-Portrait über Anta Helena Recke

Anlässlich der Premiere ihres Stückes DIE KRÄNKUNGEN DER MENSCHHEIT (Kammerspiele München) hat Wolfgang Hobel die Regisseurin Anta Helena Recke für den Spiegel portraitiert.

Chamisso-Preis für Jaroslav Rudiš

Mit dem Chamisso-Preis/Hellerau 2019 wird Jaroslav Rudiš für sein bisheriges literarisches und kulturelles Schaffen, auch im Blick auf seinen aktuellen Roman ›Winterbergs letzte Reise‹, geehrt. Der Preis ist mit 15.000 € dotiert. Die feierliche Preisübergabe findet am 5. Februar 2020 im historischen Gebäudeensemble der Deutschen Werkstätten Hellerau in Dresden - und somit nur knappe 2 Wochen nach der Uraufführung von Rudiš' Stück ANSCHLUSS am Staatsschauspiel Dresden - statt. Wir gratulieren herzlich!

Nichts, was uns passiert

Für ihren starken Debüt-Roman NICHTS, WAS UNS PASSIERT erhielt Bettina Wilpert u.a. den ZDF-aspekte-Literaturpreis. »Mit gewaltigem Nachhall« (Gießener Allgemeine) wurde der Text zum Saisonstart am Stadttheater Gießen uraufgeführt. »Wilpert zeigt in ihrem von der Kritik hochgelobten und grandios protokollarisch-nüchtern geschriebenen Roman, welche psychologischen, juristischen und gesellschaftlichen Folgen eine Vergewaltigung hat. Nachtkritik schreibt: »Das Spannende an Wilperts Roman ist, daß er eine Grauzone auslotet, die er bis zuletzt nicht verlässt. «Weitere Inszenierungen, u.a. an der Badischen Bühne Bruchsal, folgen.

Diana Syrse ausgezeichnet

Gute Nachrichten für Diana Syrse: Die Komponistin und Sängerin wurde für ein Aufenthaltsstipendium an der Cité internationale des arts in Paris ausgewählt. Der sechsmonatige Aufenthalt in der renommierten Residenz, für den jedes Jahr zwei Künstler*innen aus dem Bereich Bildende Kunst und Musik nominiert werden, wird ermöglicht durch das Bayerische Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst. 2020 geht es für Syrse außerdem nach New York, um eine Lecture an der berühmten Juilliard School of Music zu halten. Außerdem wird sie dort ein neues Stück mit dem Juilliard New Music Ensemble einsingen. Syrse, die u. a. die Musik für Olga Bachs und Ersan Mondtags Dr. Alici komponierte, arbeitete zuletzt an der Staatsoper Hamburg und an den Münchner Kammerspielen.