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theater und medien

Ersan Mondtag und Hans-Werner Kroesinger

beim Theatertreffen 2016

Wir gratulieren Ersan Mondtag und Hans-Werner Kroesinger zur Einladung zum diesjährigen Theatertreffen nach Berlin.

Ersan Mondtag fährt mit der eigenen Stückentwicklung TYRANNNIS (Staatstheater Kassel) nach Berlin, Hans-Werner Kroesinger präsentiert seine Arbeit STOLPERSTEINE STAATSTHEATER (Staatstheater Karlsruhe).

Mondtag, 1987 in Berlin geboren, arbeitet zwischen den Feldern Theater und Musik, Performance und Installation. Er hospitierte bei Thomas Langhoff, Frank Castorf und Claus Peymann, assistierte dann zuletzt bei Vegard Vinge, bevor er 2011 an die Otto Falckenberg Schule nach München ging. Das Studium brach er nach zwei Jahren ab und gründete in München 2012 das »KAPITÆL ZWEI KOLEKTIF«, konzipierte im Kollektiv Dauerperformances, experimentelle Partyformen sowie interdisziplinäre Theaterarbeiten, zuletzt »Party #4 - NSU« im Mixed Munich Arts (MMA). 

Ersan Mondtag inszenierte zuletzt auch am Schauspiel Frankfurt und am Maxim Gorki Theater, Berlin. Seine nächste Premiere (»Schnee« von Orhan Pamuk) findet am 25. Februar am Thalia Theater in Hamburg statt.

Der Regisseur und Autor Hans-Werner Kroesinger, geboren 1962 in Bonn, gilt als einer der wesentlichen Vertreter des dokumentarischen Theaters im deutschsprachigen Raum. In seinen Projekten, in denen er historische Originaltexte mit aktuellen und literarischen Texten collagiert, beschreibt er Biografien in all ihren Widersprüchen und die Determinierung des Menschen durch politische Verhältnisse.

Am Berliner Hebbel-am-Ufer-Theater ist seine aktuelle Arbeit GRAECOMANIA 200 years zu sehen.

Starkes Theaterdebüt von Rainer Merkel

Wir freuen uns, mit LAUF UND BRING UNS DEIN NACKTES LEBEN das Theaterdebüt des renommierten Autors Rainer Merkel vorstellen zu dürfen. In den vergangenen Jahren erschienen diverse Romane Merkels, zuletzt »Bo« (Fischer Verlag, Frankfurt) sowie die Reportage »Go Ebola Go. Eine Reise nach Liberia«. Rainer Merkel wurde u.a. mit dem Preis der Jürgen-Ponto-Stiftung und dem Erich-Fried-Preis ausgezeichnet. Von 2008 bis 2009 arbeitete der studierte Psychologe im einzigen psychatrischen Krankenhaus Liberias. In seinem Stück LAUF UND BRING UNS DEIN NACKTES LEBEN befasst sich Merkel dementsprechend mit den Schwierigkeiten, in die man aus europäischer Sicht bei der Betrachtung des afrikanischen Kontinents nur allzu leicht gerät. ›Every Day Ghandi‹ - so heißt die NGO in seinem Stück, eine von unzähligen Organisationen, die versuchen, dem afrikanischen Kontinent Gutes zu tun. Doch wie auch in einigen großen Stoffen der Weltliteratur bleibt hier die afrikanische Realität eher ein Außen, eine Fläche, eine fiebrige Projektion euphorischer Überhöhung oder dumpfer Panik. Merkel richtet seine Aufmerksamkeit auf die westlichen Entsandten, die, vermutlich mit bestem Wollen gestartet, allesamt gefangen scheinen in einem beinahe unheimlichen Netz aus Kausalitäten. Und so diffundiert der geradlinige Wunsch zu helfen in eine unheilvolle Nährlösung aus privaten Verstrickungen, erotischen Phantasien, kaum unüberwindbaren Egoismen und der Unmöglichkeit, Sinnhaftigkeit und Zusammenhänge des eigenen Tuns überhaupt zu erfassen. LAUF UND BRING UNS DEIN NACKTES LEBEN steht frei zur Uraufführung.

 

Was, wenn mein Land ein Unrechtsstaat ist?

Aus Anlaß der Uraufführung des Stückes ILLEGALE HELFER setzt sich Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung ausführlich mit der Arbeit von Maxi Obexer auseinander. Der Artikel geriert zu einem Plädoyer für Obexers akribische, langjährige und kluge Auseinandersetzung mit dem Thema "Flucht". »Maxi Obexer hasst das Unverbindliche. Sie ist fleißig, akribisch, auf stille Art sehr genau. Sie recherchiert. Für ihr neues Stück, ILLEGALE HELFER trug sie drei Jahre lang Material zusammen. Aber eigentlich begann die Arbeit daran vor mehr als zwölf Jahren. Damals fing Obexer an, sich mit Flüchtlingen zu beschäftigen, die nach Europa wollen. Der erste Fall, der ihr Interesse weckte: Weihnachten 1996, 283 Flüchtlinge ertrinken vor Sizilien. Fischer bergen Leichenteile, werfen sie zurück ins Meer. Die Bewohner der Küste schweigen jahrelang zu dem Vorfall, die Regierung erklärt das untergegangene Boot zum GEISTERSCHIFF. So lautete dann auch der Titel des Stücks, das Obexer darüber schrieb. Darin geht es auch um das langsame Zutagetreten der Wahrheit, um die Wiederkehr des gespenstischen Schiffes also, und auch darum, daß Fischer, die Flüchtlingen halfen, ihren Job verlieren konnten. Der Anstoß zum aktuellen Stück war aber gegeben: Wer Flüchtlingen hilft, handelt illegal. Das stimmt so zunächst natürlich nicht und würde all jene freiwilligen Helfer irritieren, die sich in den vergangenen Monaten etwa an deutschen Bahnhöfen um Flüchtlinge kümmerten. Aber es gibt viele, die ganz bewußt das Gesetz übertreten, um zu helfen. Genauer gesagt, quasi im Sinne Obexers: Sie verstoßen gegen die Gesetze der Nationalstaaten, in denen sie leben, halten sich aber an die Menschenrechte. Die tollste Figur in ihrem Stück würde man ihr nicht abnehmen, wäre sie erfunden. Es ist ein Verwaltungsrichter, der es irgendwann nicht mehr ertrug, Abschiebebescheid auf Abschiebebescheid abzustempeln. Dann kam eine Frau am Frankfurter Flughafen an, wollte nach Rom zu ihrer Tochter, doch der Bürokratie nach wäre sie, so der Richter, wohl jahrelang in verschiedenen Sammellagern festgehalten, mit Glück wegen ihres Alters irgendwann "geduldet" worden. Nach Italien aber hätte sie es nicht geschafft. Also fuhr der Richter sie mit seinem Auto selbst zu ihrer Tochter. Über zwei Grenzen, voller Angst. Danach trank er am Bahnhof in Verona vier Gläser Whisky auf ex, bat, zurückgekehrt nach Deutschland, um Versetzung und verzichtete damit auf alle möglichen Karrierechancen. Es gibt auch aufrichtige Schleuser, denn nichts anders war der Richter in diesem Moment gewesen.«

Neues Stück von Thomas Melle am Theater Bonn

Thomas Melle, 1975 in Bonn geboren, ist Autor mehrerer Romane und Theaterstücke. Seine Romane SICKSTER und 3000 EURO wurden für den deutschen Buchpreis nominiert. Für das Theater Bonn übersetzte er in der letzten Spielzeit William Shakespeares KÖNIGSDRAMEN, die Alice Buddeberg in der Halle Beuel als zweiteiliges Theaterspektakel in Szene setzte. Mit BILDER VON UNS hat Melle nun im Auftrag des Theaters Bonn ein originäres Stück geschrieben, das nun - erneut in der Regie von Alice Buddeberg - uraufgeführt wurde. Im Zentrum des Stückes steht Jesko Drescher. Noch nicht mal 40 Jahre alt, hat er es bereits zum erfolgreichen Manager eines großen Unternehmens gebracht. Ein Mann, der weiß, was er will, und der sein Ziel stets geradlinig verfolgt; eine Karriere, makellos, die keine Wünsche offen läßt. Bis er eines Tages mit der Post einen Umschlag erhält, braun und ohne Absender. Darin: Fotos von ihm selbst als kleinem Jungen. Nackt. Erpressung? Doch warum? Auch aufs Handy werden ihm die Fotos geschickt. Drescher erinnert sich dunkel, Szenen seiner Schulzeit auf dem Eliteinternat, Fotoshooting im Umkleideraum, im Park. Harmlose Vorfälle, an denen er nichts Anstößiges finden will. Und dennoch lassen ihn die Bilder nicht mehr los. Wer steckt dahinter? Ist er denn ein Opfer? Seine Jugend geprägt von Selbstbetrug und Verdrängung? Wieso hält er die Bilder selbst vor seiner Frau geheim? Er macht sich auf die Suche nach dem anonymen Absender und bringt langsam einen Stein ins Rollen, der einen bundesweiten Skandal um Missbrauch auslöst. Und plötzlich findet sich Drescher in einem Kampf um die eigene Biografie wieder, um Recht und Unrecht und die Deutungshoheit an der eigenen Vergangenheit, dem eigenen Leben. nachtkritik schreibt: »"Bilder von uns" hat die zuletzt heftig kriselnde Sparte Stadttheater im besten Sinne hervor gebracht. Ein Stück, das direkt mit Bonn zu tun hat und doch weit darüber hinaus weist, ausgezeichnet gespielt, angemessen inszeniert. Melle verbindet packende, psychologische Dialogszenen mit erzählenden und reflektierenden Prosatexten. In ihnen bekommt das Stück poetische und philosophische Qualität, wird zum Nachdenken über das Wesen der Bilder an sich.«

 

Neuigkeiten
Stockmann für Preis der Leipziger Buchmesse nominiert

Mit seinem Debüt-Roman DER FUCHS ist Nis-Momme Stockmann in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 nominiert. Die Jury urteilt: »Das Romandebüt des Dramatikers Stockmann ist ein literarischer Wurf, dessen apokalyptisches Eröffnungstableau über eine von einer Flut heimgesuchte, mythische Kleinstadt den Erzähler in einem faszinierend suggestiven Erinnerungsstrom in seine Kindheit mit ihren je eigenen Erschütterungen zurückwirft.« Insgesamt haben sich 113 Verlage mit 401 Werken für den Preis beworben. Die Jury hat in den Kategorien Belletristik, Sachbuch/Essayistik und Übersetzung jeweils fünf Autoren bzw. Übersetzer nominiert. Der Preis der Leipziger Buchmesse wird am 17. März 2016, 16 Uhr in der Glashalle vergeben. Am 17. Februar zeigt das Schauspiel Hannover in der Regie von Lars-Ole Walburg Stockmanns neuestes Stück AMERIKANISCHES DETEKTIVBÜRO LASSO. Für das Deutsche Theater Berlin schreibt der junge Autor zudem ein Stück, das dort in der Spielzeit 2016/17 uraufgeführt werden soll.

Die nächsten Premieren

Nachdem das neue Jahr mit Premieren von Maxi Obexer, Thomas Melle und Milo Rau begonnen hat, folgen im Februar weitere Produktionen von Autoren und Regisseur(inn)en, die von uns vertreten werden. Nis-Momme Stockmann und Lars-Ole Walburg setzen ihre Zusammenarbeit in Hannover mit einer weiteren Uraufführung fort (»Amerikanisches Detektivinstitut Lasso«, Staatstheater Hannover am 6.2.16). Am gleichen Abend inszeniert Kay Voges in Dortmund den Roman »Geächtet« des Literaturnobelpreisträgers J.M. Coetzee. Ebenfalls eine Roman-Bearbeitung sorgt am 12.2.16 für eine erste Arbeit von Lily Sykes am Stadttheater Münster (»Caravan« von Marina Lewycka). Jeweils am 19. Februar feiern Christian Weise mit »Othello« (Maxim Gorki Theater, Berlin) und Michael von zur Mühlen mit »Der zerbrochene Krug« (Theater Konstanz) Premiere. Nach seiner vielgelobten Inszenierung von »Hiob« kehrt Christopher Rüping ans Staatstheater Hannover zurück und setzt sich dort mit einer Adaption des Filmes »23 - Nichts ist so wie es scheint« auseinander. Auch Jan-Christoph Gockel und Ersan Mondtag bringen im Februar berühmte Romane auf dei Bühne; Gockel adaptiert erneut Christian Kracht (»Imperium« am Schauspielhaus Wien), Mondtag seinen Landsmann Pamuk (»Schnee« am Thalia Theater Hamburg).

Boris Niktin: »Propagandastück« am HAU

„Ihr habt das Sterben verlernt“ - diese Aussage aus Heiner Müllers „Der Auftrag“ und die Legende des zweifelnden Thomas sind Ausgangspunkt des neuen Theater-Fragments, das Boris Nikitin mit seinem kongenialen Partner Malte Scholz entwickelt hat. Die Performance mit dem Titel MARTIN LUTHER PROPAGANDASTÜCK, eine Mischung aus theologischem Diskurs und atheistischer Motivations-Predigt, sucht nach der ultimative Unterbrechung im Lauf der Dinge, den wir „Wirklichkeit“ nennen und stellt die Frage nach der letztmöglichen Hingabe: die Bereitschaft zu sterben - savoir mourir - um endlich zu leben. Aufführungen am 11. und 12. März im Rahmen des Festivals HEINER MÜLLER! am HAU. Berlin. Konzept, Text und Regie: Boris Nikitin. Performance und Text: Malte Scholz; mit dem Laiengospelchor „Unity“ aus Pankow.

»Der obdachlose Mond« in Zittau

Mit reichlich schwarzem Humor ausgestattet, hat Christoph Klimke mit »Der obdachlose Mond« ein Stück geschrieben, das kaum aktueller sein könnte: Helga, Karl und Lars Ole sitzen in ihrer kleinen Welt: Helgas Tante-Emma-Laden. Sie sind beunruhigt. Denn bald schon sollen 31 Flüchtlinge in ihrem Dorf angesiedelt werden. Klischees und Vorurteile bestimmen ihre bizarren Vorstellungen und schüren Ängste, die in den teils absurden Gesprächen ihren Ausdruck finden. Die Uraufführung findet am 5. Februar am Gerhart-Hauptmann-Theater in der Regie von Hannes Hametner in Zittau statt. »Wer glaubt, dies sei mal wieder ein kritisches Stück gegen Pegida, belegt mit deren bösen Zitaten, gegenüber denen der kopfschüttelnde Zuschauer nur seine einverständige Abscheu bekunden kann, der werde schnell eines besseren belehrt« urteilt Deutschlandfunk über Klimkes »intelligentes, buntes Panorama«. Die Sächsische Zeitung ergänzt, es gehöre zu den Stärken des Stücks, daß es »die ganze Kopf-Herz-Konfusion zur Sprache bringt, die einen aufreiben kann, wenn man sich mit der bunter werdenden Gesellschaft beschäftigt«.

Marco Štormans »Nathan«: Ausrufezeichen in Ingolstadt

»Neben Elfriede Jelineks "Die Schutzbefohlenen" ist Lessings "Nathan der Weise" das Stück der Stunde. Marco Štorman setzt in Ingolstadt auf Radikaldekonstruktion. In nicht einmal eineinhalb Stunden legt er so Abgründe frei, die bis dato zugeschüttet waren von der berühmten Ringparabel und dem Gutmenschentum, das sich über die Zeitläufte an sie geheftet hat. Für Marco Štorman ist die Parabel nurmehr ein Märchen, das man nicht ernst nehmen kann. Folgerichtig reißt er sie aus ihrem Kontext heraus. Bei ihm steht die Parabel am Beginn. Nathan ist bloß eine Figur unter vielen. Anschließend turnt man durchs Publikum, verschenkt Umarmungen, und gut ist es. Daß allerdings überhaupt nichts gut ist, macht die Inszenierung im Weiteren klar. Bis sie nach Turtelei, Disputiererei und Geiferei zum Ende gelangt, an dem nicht Versöhnung steht - sondern Nathans Erzählung vom einstigen Pogrom der Christen gegen die Juden, in dessen Verlauf seine gesamte Familie ermordet wurde. Das geht bei den meisten Inszenierungen fast immer unter im dramaturgischen Durcheinander, das Lessing angerichtet hat. Aber Štorman setzt hier ein Ausrufezeichen. Ohne direkt die Shoah zu erwähnen, steckt sie in seiner Interpretation als Fluchtpunkt drin. Die Inszenierung trägt stark performative Züge und kommt sehr spielerisch und leicht daher, ist alles andere als auf Lärm und Krawall gebürstet. Das Naiv-Kindliche ist natürlich gewollt, gehört zum Konzept einer spannenden Dekonstruktion des vermeintlichen Wir-haben-uns-alle-lieb-Klassikers.« (Süddeutsche Zeitung)