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theater und medien

Thomas Melle: Zurück zur Bühne

Im vergangenen Jahr hat Thomas Melle vor allem als Romancier von sich reden gemacht. Sein zweiter Roman - »3000 EURO« - landete im vergangenen Herbst auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis.

Am Theater Bremen wurde der Roman nun uraufgeführt - die Bremer hatten bereits Melles ersten Roman »Sickster« auf die Bühne gebracht. Für das Volkstheater München hat Thomas Melle eine eigene Dramatisierung vorgenommen, die dort mit Premiere am 10. Juni 2015 in der Regie von Brit Bartkowiak inszeniert wird.

Das schreibt die Presse:

»›3000 EURO‹ ist ein die zeitgenössische Allgegenwart sozialer Unsicherheit zum poetischen Prinzip erhebendes Kunstwerk, das zugleich aufrüttelt und niederschmettert. Ein großer, ja ein preiswürdiger Roman im Sound einer ganzen Generation.« (Neues Deutschland)

»Melles neuer Roman ist ein brutales Buch. Eines, das von der Ungeborgenheit des modernen Individuums erzählt, von Erniedrigungen, die unsere hochgerüstete Konsumgesellschaft ihren Mitgliedern zufügt. Es kann Melle nicht hoch genug angerechnet werden, daß er hier weder im Namen eines mitfühlenden Sozialrealismus schreibt noch in einem Ton, der die Kaputtheit der Figuren zelebriert und darauf mächtig stolz ist.« (Die Zeit)

3000 EURO wird in der kommenden Spielzeit u. a. vom Thalia Theater, Hamburg, nachgespielt.

Noch schöner aber ist, daß die Theater nun auch wieder verstärkt den Dramatiker Melle ins Visier nehmen. Für das Theater Bonn schreibt Melle ein neues Stück (Regie: Alice Buddeberg). Am Theater Aachen inszeniert Eike Hannemann mit PARTNER. EIN BARSPIEL einen älteren, aber noch nicht uraufgeführten Text des Autors.

Michael von zur Mühlen: Schulden in Darmstadt

Vom 4. bis 10. Juni inszeniert Michael von zur Mühlen unter dem Titel SCHULDEN. EINE BEFREIUNG einen Kunst-Marathon im Herzen von Darmstadt. Da die Stadt hochverschuldet und somit gewissermaßen das Griechenland unter den deutschen Kommunen ist, errichtet Regisseur von zur Mühlen einen Tempel, eine archaisch-utopische Kultstätte, um der Kunst, dem Kritischen Denken und dem Rausch zu huldigen. Würde und Schönheit statt Demut und Blödheit! lautet die Losung dieser rituellen Reinigung für alle Neugierigen und Ängstlichen, (Un)Zufriedenen und Sparsamen, die ausgehend von David Graebers Buch "Schulden" nach mehr fragt als nach überzogenen Dispokrediten: nach dem Kapitalismus als Ganzem und vor allem danach, was eigentlich falsch läuft. Angelehnt an die städtischen Dionysien im antiken Griechenland, in denen Fest, Ritual, Theater und Volksversammlung zusammenflossen, gibt sich ein Ensemble aus SpielerInnen des Staatstheaters Darmstadt und Gästen lustvoll verschwenderisch der großen Form hin: Ein Kunst-Marathon in zwölf eigenständigen Teilen an neun Tagen, verbunden durch das Prinzip der Reihe und der Suche nach einer universellen Ökonomie jenseits der Schuld und nach möglichen Zukünften. Eine Sonne, die im Entstehen verglüht. In der kommenden Spielzeit inszeniert Michael von zur Mühlen an den Theatern in Augsburg und Konstanz.

»Ach je die Welt« von Anne Lepper uraufgeführt

Für das Theater Dortmund hat Anne Lepper mit ACH JE DIE WELT ihr erstes Jugendstück geschrieben, in dem sie weiterhin ihre eigenen Referenzsysteme erforscht. Die Jungs vom Schrottplatz wirken ähnlich neunmalklug wie Hitchcocks Fragezeichen, und auch die Suche nach einem verschwundenen Hund erinnert an einschlägige Abenteuer-Literatur. Wie kurz die Jugend und mithin die Infragestellung des Altbewährten aber tatsächlich währt, darüber macht sich Anne Lepper keine Illusionen: Als aus dem Spiel bitterer Ernst wird, flüchten die drei Jungs in den »Klub der Söhne« - wahrscheinlich, um es ihren Vätern oder gar Alfried Krupp gleichzutun. Marie-Ann hingegen bleibt außen vor, mit dramatischem Ausgang. Um es frei nach Fassbinder zu formulieren: »Die Jugend ist kälter als der Tod«. Stefan Keim kommentiert für nachtkritik: »In ihrem ersten Jugendstück hat die Autorin ihren Stil kaum verändert. Im Gegenteil, sie ist noch assoziationsreicher geworden. Einen Fluchtpunkt finden die drei Jungs im ›Club der Söhne‹, der aus Fritz Langs ›Metropolis‹ entlehnt ist, ein trügerisches Paradies der Reichen. Ein Mädchen möchte unbedingt dazu gehören. Marie-Ann sehnt ihren 15. Geburtstag herbei und stellt sich dann den Jungs als Lustobjekt zur Verfügung. Dann faßt Marie-Ann einen anderen Plan. Sie ist bereit, sich zu verwandeln, ein anderer Mensch zu werden, um einen Platz zu finden im Club der Söhne. Hans-Christian Andersens Märchen von der kleinen Meerjungfrau steckt ebenso in dieser Figur wie Frauenfiguren Ödön von Horváths und Rainer Werner Fassbinders. Anne Lepper montiert sprachliche Stilzitate in ihren Text, der ein faszinierend schillerndes dramatisches Gebilde ist. Anne Lepper hat sich schon früher mit Kindern beschäftigt: in ihrem skurril-boshaften Stück SEYMOUR über dicke Internatszöglinge, die von ihren lieblosen Eltern abgeschoben wurden. Sie ist keine Kompromisse eingegangen, ›Ach je die Welt‹ ist eine Herausforderung an die Spieler wie die Zuschauer. Ein Verlorenheitsblues über die Industriegebietskinder, Theater, das auf subtile Weise zum Widerstand aufruft.«

Ulrich Rasche triumphiert am Schauspiel Frankfurt

Mit Premiere am 27. März nahm Ulrich Rasche das Große Frankfurter Haus mit seiner Inszenierung von Büchners DANTONS TOD im Sturm. Christine Dössel zeigt sich in der SZ schwer beeindruckt: »Chorisch-musikalische Sinnesattacken bei höchster Überwältigungsgefahr. Es ist großartig. Zermürbend. Berührend. Enervierend. Oft alles zugleich. Es ist nur eines nicht: Durchschnitt. Die Inszenierung endet als schmerzvolles Requiem auf die Revolution. Der Abend ist eine Wucht.« Im Deutschlandfunk kommentiert Cornelie Ueding den Abend: »Ulrich Rasche übersetzt hautnah, wuchtig und beklemmend intensiv die Gewalt und Dynamik revolutionärer Prozesse in die Wirklichkeit – der Bühne. Gerade die Strenge dieser auf den Kern des Stückes fokussierten Inszenierung, der Verzicht auf modische Accessoires oder Aktualisierungen macht klar, daß es um mehr geht als um die Kippstelle der Französischen Revolution. Von brennender Aktualität ist wie die schwarzgekleideten Vollstrecker der revolutionären Doktrin im umdüsterten Raum ihrer Hassreden gegen Verräter, Feiglinge, Abweichler, Konterevolutionäre, gegen die Reichen und korrupten Eliten zu Abbildern eines tödlichen Fanatismus weltweit mutieren. Bedrückend und beeindruckend ist besonders die mechanische, emotionslose Automatik des Verfahrens: eine Art rhythmisierte Gerechtigkeitsmaschinerie aus dem Geist der Abstraktion, der Theorie- und zugleich der Legendenbildung.«

Neuigkeiten
Milo Raus »Kongo-Tribunal«

Milo Rau veranstaltet dieser Tage sein »Kongo Tribunal«, eine politisch hochbrisante Prozeß-Inszenierung, bei der Vertreter aller relevanten Lager sich vor Raus Kameras zu Wort melden. In der taz berichtet er über die schier unfaßbaren Dimensionen dieses Schlachtfeldes der Weltwirtschaft.

»Gehen Sie da hin!« Hymnische Presse für THE DARK AGES

Am 11. April feierte Milo Rau mit dem 2. Teil der Europa-Trilogie – THE DARK AGES – im Residenztheater in München Premiere. Die Produktion, die im Anschluß auf Tour nach Belgien, Frankreich und in die Schweiz geht, erntete bereits anläßlich der Premiere begeisterte Zustimmung bei Publikum und Kritik: Es handle sich um einen »großen Abend« der »ins Überzeitliche« und »Allgemeinmenschliche« ragt, hieß es etwa auf SPIEGEL.DE. Der 1. Teil der Europa-Trilogie, THE CIVIL WARS, ausgezeichnet mit dem Jurypreis beim »Festival Politik im Freien Theater«, wird vom 13.-15. Juni bei den Wiener Festwochen zu sehen sein. Im Dezember 2015 wird an der Schaubühne Berlin der 3. Teil der Europa-Trilogie herauskommen: EMPIRE (AT).

Christian Weise: Großes Musiktheater in Weimar

Der Autor und Musikwissenschaftler Dr. Kevin Clarke ist hin und weg von Christian Weises Regie von "Wie werde ich reich und glücklich?" (Spoliansky) in Weimar. »Diese Produktion ist eine Reise nach Weimar wert und einer der aufregendsten Musiktheaterabende seit langem. Weil 'Wie werde ich reich und glücklich?' das perfekte Stück für unsere heutige Gesellschaft ist, selbst wenn man es ohne jegliche Aktualisierung spielt. Und weil diese Besetzung vermutlich in Deutschland derzeit ihresgleichen sucht. Das Bemerkenswerte an der Produktion von Christian Weise ist, daß sie auf jegliche konkrete Aktualisierung verzichtet, die sonst das A und O des modernen Regietheaters ist, und stattdessen eine historische Bühne im expressionistischen Stil nutzt, um geradezu cartoonhaft die Groteske auszuspielen. Das Erstaunliche: Obwohl viele Kritiker diesen Retro-Ansatz als museal abtun würden und obwohl die Inszenierung von Anfang bis Ende ein Stilzitat ist, wirkt sie niemals gestrig oder verstaubt. Vielmehr absolut heutig und in sich schlüssig. Weil Musik, Inhalt und Darstellungsweise hundertprozentig deckungsgleich sind, aber trotzdem aus heutiger Perspektive erzählt werden, was auch ohne jegliche Aktualisierung klar ist.«

»Großer Wurf«: die FAZ bejubelt Jan-Christoph Gockel in Mainz

»Gänsehauttheater: Am Staatstheater Mainz inszeniert Jan-Christoph Gockel „Die Ratten“ von Gerhart Hauptmann. Bis in alle Nebenfiguren hinein gelingt dem mit stupender Wachheit agierenden Mainzer Ensemble diese traumwandlerische Gleichzeitigkeit widerstreitender Gefühle. Zum großen Wurf aber wird Gockels aufrüttelnder Hauptmann-Abend durch die Puppen von Michael Pietsch. Im Zusammenspiel der Puppen mit den Schauspielern entstehen szenische Momente, die zutiefst verstören. Wie Gockel und Pietsch mit ihren zu Urangst-Tableaus gefrierenden Bildern unbewusste Seelengeschichten im Zuschauer angreifen, die unheimliche Dauerpräsenz der Gestorbenen versinnbildlichen und in verdrängte Gründe leuchten, jagt einem immer wieder eine Gänsehaut über den Körper. Vibrierende Stille im Mainzer Staatstheater, ehe das Premierenpublikum sich die Anspannung aus dem Körper jubelt. Es sind solche Erlebnisse, für die man ins Theater geht, so selten sie sich auch ereignen.«

Sascha Hargesheimer bei den Autorentheatertagen

Die Jury der diesjährigen Autorentheatertage am DT Berlin hat aus 207 eingesandten Stücken drei ausgesucht, die in diesem Frühjahr durch das Burgtheater Wien, das Schauspielhaus Zürich und das Deutsche Theater Berlin uraufgeführt werden. Mit dabei ist Sascha Hargesheimer mit seinem neuen Stück ARCHIV DER ERSCHÖPFUNG. Mit seinem Erstling POLEN IST MEIN ITALIEN debütierte Hargesheimer im vergangenen Jahr bei schafersphilippen ™. Das Stück, das im Juni 2014 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt wurde und mit dem Hargesheimer den Münchner Förderpreis für neue Dramatik 2013 gewann, erzählt die fiktionale Geschichte des Independent-Regisseurs Bela Roberti, der 1980 in der Nähe von Danzig eines Science-Fiction-Film dreht. Inmitten der postapokalyptisch anmutenden Ostsee-Ödnis gehen Roberti erst das Film-Material und dann die Ideen aus (oder ist es umgekehrt?). Der vom Schicksal gebeutelte Filmemacher flüchtet ob des bevorstehenden Scheiterns seines Films in eine fiebernde Gedankenwelt zwischen Erinnerung und Traum. Er begegnet zwei polnischen Brüdern in ihrem verlassenen Hotel am Meer, einer Kranführerin, die kurz vor ihrer Pension gefeuert wurde und seiner Ex-Frau, die ihn längst verlassen hat. Während die Oppositionsbewegung um ganz reale Verbesserungen ihrer Lebensbedingungen kämpft, verzweifelt Roberti an seinem Beruf, an seinem Leben, an seiner Existenz und seinem Intellekt.