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theater und medien

»kurz: groß!«

Mit seiner Frankfurter Produktion DANTONS TOD setzte Ulrich Rasche bereits in der Spielzeit 2014/15 theatrale Maßstäbe. Mit seiner Inszenierung der RÄUBER, mit der das Residenztheater München die neue Spielzeit eröffnete, ist er noch einen Schritt weitergegangen.

Christine Dössel schreibt in der SZ: »Rasches 'Räuber'-Unternehmung ist tatsächlich eine Schau. Sie ragt so steil und gesamtkunstwerklich kühn aus dem Normalspielbetrieb heraus, daß man erst mal staunen und sich dann dazu verhalten muss.«

Für Spiegel online berichtet Wolfgang Höbel von einer »Art archaischen, ans Theater der alten Griechen anknüpfende Jahrmarktssensation. Der Mensch in der Revolte ist bei Rasche ein Winzling im großen Fließband- und Räderwerk. Das Recht wohnt beim Überwältiger, sagt bei Schiller der Schurke Franz. An diesem Theaterabend gilt es für den Regisseur.«

»Für den Rasche-Neuling ist der Abend ein Ereignis«, ergänzt Sabine Leicht auf nachtkritik. »Wie man Schillers reiche Sätze buchstäblich mitdenken kann. Und wie frisch sie wirken in einer Zeit, wo die Selbstoptimierung nach Maßgabe der egoistischen Vernunft über allem steht und selbst die linke Freiheitsrhetorik sich gerne mit Gewalttoleranz und Menschenverachtung paart. Diese "Räuber" zeigen den Sog und das Grauen von Gemeinschaften, sind Exerzitium wie Exorzismus, elektrisierend, kirremachend und reinigend. Kurz: Groß.«

Mädchen in Not: Anne Lepper at her best

Im vergangenen Mai wurde Anne Leppers neuestes Stück MÄDCHEN IN NOT in der Regie von Dominic Friedel am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. In der Juni-Ausgabe von »Theater Heute« folgte ein Abdruck dieser wunderbaren Gender-Tragikomödie. Zum Stück schrieb Jürgen Berger: »Anne Leppers jüngster Theatertext ist ziemlich witzig. Babys Ausbruchsversuch auf dem Trampelpfad in die selbstbestimmte Einöde eines bindungslosen Glücks mit Puppe produziert einiges an Situationskomik. Anne Leppers Sprung in die Untiefen einer Freiheit jenseits aller heterosexuellen Bindungen ist ein bemerkenswerter Text.« Bewundernswert hartnäckig suchen Anne Leppers Figuren immer wieder nach dem Glück. In »Mädchen in Not« geht es für Baby dabei vor allem um die Frage, mit wem man so das Leben teilen könnte. Sie hat einen Mann und einen Liebhaber, ist also nach den Maßstäben zeitgenössischer Lebensführung bestens ausgestattet. Aber wieder einmal entfaltet das Wollen, das Suchen nach dem Besseren seine fatale Wirkung. Ein echter Mann, meint Baby, ist nämlich am Ende nicht das Wahre. Nur mit einer Puppe als Mann verspricht das Leben ein glückliches zu sein. Obwohl es gar nicht so trivial ist, eine Puppe zu finden, gelingt es schließlich doch. Unter den neidvollen Augen ihrer Freundin Dolly startet Baby also in ihr neues Leben, aber das Wollen geht naturgemäß weiter, und irgendwann erscheint es für Baby unabdingbar, daß man wirklich glücklich nur mit zwei Puppen als Männer sein kann. Mit »Mädchen in Not« verfolgt Anne Lepper einige ihrer Themen und Motive konsequent weiter. Es geht um die Suche nach dem besseren Leben, den Kampf des Einzelnen gegen die Strukturen des Systems, das drängende Voranschreiten des Wollens, das immer wieder zerschellt an der lähmenden Stagnation der Realität. Allerdings kommt dieses Stück etwas wärmer, humorvoller, man möchte fast sagen: saftiger daher als seine Vorgänger. Babys sanft-renitentes Aufbegehren hat etwas Rührendes, ihr immer wieder aufkeimender Streit mit Dolly erinnert schmunzelnd an die stets präsente Konkurrenz der prototypischen Mädchenfreundschaft. 

The Veddel Embassy Representing Germany

Im Rahmen von PERFORMING ARCHITECTURE 2016 in Venedig werden die Künstler Björn Bicker, Michael Graessner und Malte Jelden gemeinsam mit 50 Bewohner*innen der Veddel Deutschland repräsentieren: Multikulturell und multireligiös, voller Konflikte und ungelöster Fragen, mit viel Freude und Lust an der Vielfalt. Sie gründen THE VEDDEL EMBASSY. Während der Öffnungszeiten der Botschaft laden die Bewohner*innen der Veddel alle Menschen ein, gemeinsam das Zusammmenleben in Europa zu denken, zu feiern, in Frage zu stellen. Eine Woche lang wird mit den Gästen der Botschaft gekocht, Sport getrieben, gebetet, Theater gemacht, Musik gespielt, diskutiert. Alle Menschen sind eingeladen, ›The Veddel Embassy‹ zu besuchen und selber zu Botschaftern der Vielfalt zu werden. Fünf Tage Heimat. Fünf Tage Europa. Fünf Tage Welt. Fünf Tage Gerechtigkeit. Show me your Veddel! Die Künstler Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner haben in einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit den Bewohner*innen des Stadtteils und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg schon 2014 eine utopische Stadt gegründet: NEW HAMBURG. Mit dabei waren die muslimische Gemeinde, die evangelische Kirchengemeinde, die Schule, der Fußballclub, eine Flüchtlingsunterkunft, die lokalen Politiker, Geschäftsleute, lokale Initiativen und viele, viele Einzelpersonen. Anknüpfend an diese Arbeit wollen sie das Lob der Realität weiter treiben. Das neue Europa wird von den Menschen gebaut, die die Hoffnung auf ein friedliches und gerechtes Zusammenleben treibt: Performing Architecture. The Veddel Embassy: Representing Germany. Deutsche Botschaft, Chiesa della Misericordia, Campo de l'Abazia, Venedig, 18.-22. Oktober 2016.

Thom Luz reüssiert am Berliner DT

Mit seiner Theater-Adaption von Judith Schalanskys ATLAS DER ABGELEGENEN INSELN wurde Thom Luz 2015 zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Neben Arbeiten als Hausregisseur am Theater Basel produziert Luz weiterhin für die freie Szene. Seine beiden Produktionen WHEN I DIE und UNUSUAL WEATHER PHENOMENA PROJECT sind derzeit weiterhin auf Tournee zu sehen, u.a. in Nanterre, Chur, Luzern, Mainz, Montpellier und Lausanne. Zur Eröffnung der neuen Spielzeit bat ihn das Deutsche Theater Berlin auf die große Bühne, um dort u.a. gemeinsam mit Ulrich Matthes eine Theaterversion der Erzählung »Der Mensch erscheint im Holozän« von Max Frisch zu erproben. Die nachtkritik schreibt über Matthes und Luz: »Wie das Klavierspiel teils nur einzelne Töne gleich einem Kirchglockenläuten anschlägt, so dämpft auch Matthes seinen Ausdruck, bezaubert durch Minimalismus. Mit filigraner Nüchternheit stellt er diesen peniblen Herrn Geiser vor, diesen Studiosus der letzten Stunde. Hauchzart scheinen das Misanthropische und Sonderlingshafte der Figur durch, ohne daß sie damit im Geringsten klein gerechnet wäre. Matthes lässt es seine Figur mit einer verräterischen Anspannung vorbringen, die rissig wirkt, die die Absturzangst kennt. Thom Luz hat dem Deutschen Theater eine poetische Bühnenphantasie geschenkt, einen leisen, schwebenden Saisonauftakt mit Sätzen zum Festhalten: "Die Zeit ist noch nie stehengeblieben, bloß weil ein Mensch am Fenster steht und nicht weiß, was er denkt." Das gilt für die physikalische Zeit. In der Kunst aber will es mitunter scheinen, daß die Zeit stehenbleibt. Im Glücksmoment.« In der Berliner Morgenpost heißt es über den Abend:»Wie der Herr Gesier in anderthalb Stunden vor unseren Augen fast verschwindet, ist anrührend. Ein versponnener, musikalischer und traumschöner Abend.« Für Deutschlandradio Kultur wird der »Weltverlust zum perfekt choreografierten Spiel der kleinen, bedeutsamen Gesten und Effekte.«

Neuigkeiten
Gockel für Nestroy nominiert

Für seine Inszenierung »Imperium« nach dem Roman von Christian Kracht (Schauspielhaus Wien) ist Jan-Christoph Gockel in der Kategorie ›Beste Regie‹ neben Anna Bergmann und Andrea Breth für den Nestroy-Preis 2016 nominiert.

Kritikerumfrage 2016: Ersan Mondtag x 3

In der diesjährigen Umfrage von Theater Heute wählten die befragten Kritiker Ersan Mondtag zum Nachwuchsregisseur des Jahres. Mondtag wurde zudem zum Nachwuchsbühnenbildner (für sein Stück TYRANNIS) sowie zum Kostümbildner des Jahres gewählt. Thomas Melle, dessen aktuelles Buch »Die Welt im Rücken« derzeit in den Feuilletons gefeiert wird, belegte in der Kategorie »bestes deutschsprachiges Stück« mit seinem Text BILDER VON UNS neben anderen den zweiten Platz. Wir gratulieren!

Thomas Melle erneut auf der Shortlist für Deutschen Buchpreis

Am 2. September präsentiert Thomas Melle sein neues Buch »Die Welt im Rücken« mit einer Lesung im Berliner Frannz Club. Rechtzeitig zum Erscheinen seines nunmehr dritten Buches bei Rowohlt Berlin (»Sickster« (2014) und »3000 EURO« (2015)) ist Melle erneut für den Deutschen Buchpreis nominiert worden, der traditionellerweise im Rahmen der Frankfurter Buchmesse verliehen wird. Nun ist er mit seinem Buch »Die Welt im Rücken« unter den 6 Finalisten auf der Shortlist gelandet. Thomas Melle leidet seit vielen Jahren an der manisch-depressiven Erkrankung, auch bipolare Störung genannt. Nun erzählt er davon, erzählt von persönlichen Dramen und langsamer Besserung – und gibt einen außergewöhnlichen Einblick in das, was in einem Erkrankten so vorgeht. Die fesselnde Chronik eines zerrissenen Lebens, ein autobiografisch radikales Werk von höchster literarischer Kraft. Nachdem Melle mit seinem Drama BILDER VON UNS im Juni 2016 zu den Mülheimer Theatertagen sowie zu den Autorentheatertagen am Deutschen Theater Berlin eingeladen wurde, ist der Dramatiker auch in dieser Spielzeit präsent. Am Schauspiel Bonn wird BILDER VON UNS wieder aufgenommen, am Theater Regensburg folgt ein Nachspiel des Stückes. Zudem schreibt Thomas Melle im Auftrag für das Theater Bremen. Das neue Werk - ÄNNIE - wird dort am 24. November in der Regie von Nina Mattenklotz uraufgeführt. Weitere Theaterarbeiten sind mit dem DT, Berlin und dem Theater Bonn verabredet.

Maxi Obexer erhält Geisendörfer-Preis für »Illegale Helfer«

Maxi Obexer gehört in diesem Jahr zu den insgesamt 6 Preisträger(innen) des Robert Geisendörfer Preises (Medienpreis der evangelischen Kirche). Der mit 30.000 EUR dotierte Preis wird in den Kategorien Hörfunk, Fernsehen und Kinderfernsehpreis verliehen. Obexer wird für ihr Hörspiel ILLEGALE HELFER ausgezeichnet (WDR 2015, Regie: Martin Zylka). In der Begründung der Jury heißt es dazu: »Gewissensentscheidungen können auch in einem Rechtsstaat dazu führen, daß der Einzelne mit dem Gesetz in Konflikt gerät. Das Hörspiel fordert zum Nachdenken darüber auf, was Mitmenschlichkeit ist und welche Konsequenzen sie haben kann. Ein wichtiges Stück zur richtigen Zeit, das grundlegende moralische Fragen aufwirft.« Wir gratulieren!

Bickers Urban Prayers: Triumph bei der Ruhr-Triennale

Björn BIckers Beschäftigung mit einzelnen Themen gehen intensive  Recherchephasen voraus, seine Texte sind Extrakte umfangreicher Arbeit. Das mag ein Grund dafür sein, daß seine Werke über viele Jahre aktuell und präsent sind - und dementsprechend in verschiedenen Genres ihre Umsetzung finden. Jüngstes Beispiel ist sein Text URBAN PRAYERS, der 2013 für eine Uraufführung an den Münchner Kammerspielen entstand und 2014 für den Bayerischen Rundfunk als Hörspiel produziert wurde. Nun hat Bicker den Text erneut fortgeschrieben und aktualisiert, so daß der Münchner Verlag Kunstmann das Werk unter dem Titel WAS GLAUBT IHR DENN. URBAN PRAYERS rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht hat. Es erzählen die gläubigen und ungläubigen Bürger der Städte. Das soziale Leben findet eine gemeinsame Sprache – es geht um renitente Jugendliche, um soziales Engagement, um Einwanderung, um Heimat, um falsche und echte Bilder und den Traum vom wahren Leben. Was glauben die Menschen politisch? Lassen sie den anderen ihre Freiheit? Arbeiten sie für eine bessere Welt? Für die Ruhr-Triennale und Johan Simons hat Bicker den Text für eine Version URBAN PRAYERS. RUHR. fortgeschrieben. Im Rahmen eines gemeinsam von Malte Jelden und Björn Bicker kuratierten Rahmenprogramms wird die Inszenierung im August von Johan Simons in sechs verschiedenen Gotteshäusern im Ruhrgebiet gezeigt. Nach der Premiere am 14. August bezeichnet Deutschlandfunk die Arbeit als das »wohl ungewöhnlichste Projekt in dieser Festspielsaison um das heißeste Eisen in den Debatten dieses Sommers.«