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theater und medien

Migration und Melancholie

Der migrantische Mann, die moderne Odyssee als Suche nach einer neuen Heimat und die daraus resultierende Furcht des weißen Mannes — wie unkaputtbare Archetypen dominiert dieser disharmonische Dreiklang im Übermaß die hitzigen Debatten eines verunsicherten Europas, das auseinanderzubrechen droht.

Die drei Stücke, die wir Ihnen heute vorstellen, verbinden sich im Kontext des Vorherigen zu einer unwahrscheinlichen und dennoch perfekt symbiotischen Trilogie.

Paul Brodowsky thematisiert in seinem Stück INTENSIVTÄTER die Denkschablonen, die die populären Diskurse über junge Männer mit Migrationshintergrund prägen. Nach den Ereignissen rund um die Kölner Silvesternacht und in einer Zeit, in der eine rechte Gesinnung in Teilen der Gesellschaft als chic und modern gilt, ist Brodowskys Stück ein Text zur Stunde.

DIE EUROPÄISCHE WILDNIS - EINE ODYSSEE begegnen sich überforderte Menschen irrlichternd an modernen Nicht-Orten: an Flughäfen, in Zügen, Wartehallen. Die Heimat ist verloren - umso mehr gilt es, einen Rest von Territorium zu verteidigen und Grenzen zu ziehen. Sascha Hargesheimer läßt hier ein europäisches Sittenbild entstehen, das einem die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Alsdann PeterLicht. Die Angst seines MENSCHEN FEINDES ist die eines Melancholikers. Sein »wunderbarer systemtheoretisch abgefederter Welt-Ekel« (Deutschlandradio) ist der des satten Europäers, der ahnt, daß hinter seiner Abscheu gegenüber seinen Mitmenschen - oder auch nur der Metrosexualität ihrer nackten FlipFlop-Zehen - eine ausweglose Depression lauert. Das Ausmaß von Egoismus, das Lichts Alceste zum sozialen Sprengstoffgürtel macht, ist die - in diesem Fall hochkomsiche - Kehrseite unserer Unfähigkeit zum Mitgefühl.

Zur Uraufführung am Theater Basel in der Regie von Claudia Bauer sendete der Bayerische Rundfunk: »PeterLicht ist ein Lichtblick am deutschen Stadttheater.« Deutschlandradio ergänzt: »Thomas Bernhard würde blaß vor Neid.«

Mädchen in Not: Anne Lepper in Mannheim

Am 26. Mai wurde Anne Leppers neuestes Stück MÄDCHEN IN NOT in der Regie von Dominic Friedel am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt. In der Juni-Ausgabe von »Theater Heute« folgte ein Abdruck dieser wunderbaren Gender-Tragikomödie. Bewundernswert hartnäckig suchen Anne Leppers Figuren immer wieder nach dem Glück oder immerhin nach einem kleinen Stück vom gelungenen Leben. In »Mädchen in Not« geht es für Baby dabei vor allem um die Frage, mit wem man so das Leben teilen könnte. Sie hat einen Mann und einen Liebhaber, ist also nach den Maßstäben zeitgenössischer Lebensführung bestens ausgestattet. Aber wieder einmal entfaltet das Wollen, das Suchen nach dem Besseren seine fatale Wirkung. Ein echter Mann, meint Baby, ist nämlich am Ende nicht das Wahre. Nur mit einer Puppe als Mann verspricht das Leben ein glückliches zu sein, kann man als Frau wirklich frei und selbstbestimmt werden. Obwohl es gar nicht so trivial ist, eine Puppe zu finden, die dann auch den heterosexuellen Ansprüchen genügt und die man sich überhaupt leisten kann, gelingt es schließlich doch. Unter den neidvollen Augen ihrer Freundin Dolly startet Baby also in ihr neues Leben, das mit stundenlangem An- und Ausziehen, unwidersprochenen Monologen und autonomer Sexualität viele Vorzüge bietet. Aber das Wollen geht naturgemäß weiter, und irgendwann erscheint es für Baby unabdingbar, daß man wirklich glücklich nur mit zwei Puppen als Männer sein kann – mit denen man dann auch so schön nach Italien führe. So folgt irgendwann die zweite Puppe, die aber ebensowenig wie die erste echt ist in ihrem Puppensein. Es sind nämlich Mann und Liebhaber, die sich zu Puppen haben machen lassen, um so Baby davon zu überzeugen, daß es doch mit den echten Männern am schönsten ist. Eine Intrige, die schlecht für sie enden soll. Währenddessen treibt die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens ihr Unwesen, und der freundlich-dämonische Puppenmacher Duran-Duran gebietet über alles. Mit »Mädchen in Not« verfolgt Anne Lepper einige ihrer Themen und Motive konsequent weiter. Es geht um die Suche nach dem besseren Leben, den Kampf des Einzelnen gegen die Strukturen des Systems, das drängende Voranschreiten des Wollens, das immer wieder zerschellt an der lähmenden Stagnation der Realität. Allerdings kommt dieses Stück etwas wärmer, humorvoller, man möchte fast sagen: saftiger daher als seine Vorgänger. Babys sanft-renitentes Aufbegehren hat etwas Rührendes, ihr immer wieder aufkeimender Streit mit Dolly erinnert schmunzelnd an die stets präsente Konkurrenz der prototypischen Mädchenfreundschaft. Die Gesellschaft der Freunde des Verbrechens merzt gnadenlos alles aus, was anders ist, und doch präsentiert Lepper sie als einen Haufen zwar erschreckender, aber auch erschreckend tumber Mitläufer, deren soziale Auffahrunfälle amüsieren. So gelingt der Autorin ein leichter, unterhaltsamer und einnehmender Text, der aber nichts von der thematischen Tiefe und literarischen Komplexität einbüßt, welche die Qualität aller Lepper-Stücke ausmachen.

The Veddel Embassy Representing Germany

Im Rahmen von PERFORMING ARCHITECTURE 2016 in Venedig werden die Künstler Björn Bicker, Michael Graessner und Malte Jelden gemeinsam mit 50 Bewohner*innen der Veddel Deutschland repräsentieren: Multikulturell und multireligiös, voller Konflikte und ungelöster Fragen, mit viel Freude und Lust an der Vielfalt. Sie gründen THE VEDDEL EMBASSY. Während der Öffnungszeiten der Botschaft laden die Bewohner*innen der Veddel alle Menschen ein, gemeinsam das Zusammmenleben in Europa zu denken, zu feiern, in Frage zu stellen. Eine Woche lang wird mit den Gästen der Botschaft gekocht, Sport getrieben, gebetet, Theater gemacht, Musik gespielt, diskutiert. Alle Menschen sind eingeladen, ›The Veddel Embassy‹ zu besuchen und selber zu Botschaftern der Vielfalt zu werden. Fünf Tage Heimat. Fünf Tage Europa. Fünf Tage Welt. Fünf Tage Gerechtigkeit. Show me your Veddel! Die Künstler Björn Bicker, Malte Jelden und Michael Graessner haben in einer mehrjährigen Zusammenarbeit mit den Bewohner*innen des Stadtteils und dem Deutschen Schauspielhaus Hamburg schon 2014 eine utopische Stadt gegründet: NEW HAMBURG. Mit dabei waren die muslimische Gemeinde, die evangelische Kirchengemeinde, die Schule, der Fußballclub, eine Flüchtlingsunterkunft, die lokalen Politiker, Geschäftsleute, lokale Initiativen und viele, viele Einzelpersonen. Anknüpfend an diese Arbeit wollen sie das Lob der Realität weiter treiben. Das neue Europa wird von den Menschen gebaut, die die Hoffnung auf ein friedliches und gerechtes Zusammenleben treibt: Performing Architecture. The Veddel Embassy: Representing Germany. Deutsche Botschaft, Chiesa della Misericordia, Campo de l'Abazia, Venedig, 18.-22. Oktober 2016.

Eurodramapreis für Obexers »Illegale Helfer«

Weit bevor die Flüchtlingsthematik im vergangenen Sommer zur »Krise« wurde, hatte Maxi Obexer mit ihrem Text ILLEGALE HELFER erneut einen wichtigen zeitgenössischen Beitrag zu diesem Jahrhundert-Drama geliefert. Inzwischen wurde das Stück am Schauspielhaus Salzburg uraufgeführt, die Deutsche Erstaufführung erfolgte unter großer Medienbeachtung im Juni am Hans-Otto-Theater in Potsdam. Das gleichnamige Hörspiel wurde bereits von fast sämtlichen relevanten Redaktionen gesendet. Nun hat das deutschsprachige Kommittee des europaweiten Netzwerkes EURODRAM ILLEGALE HELFER mit dem Eurodramapreis 2016 ausgezeichnet. EURODRAM ist bemüht, den Austausch von Texten und besonders den Austausch zwischen Übersetzern, Autoren und Theatern zu fördern. Zum Preis für Obexers Stück schreibt Christian Mayer, Dramaturg am Schauspielhaus Graz: »Unbekannte Realität. Eine dieser sozialen Gruppen, die es vielleicht noch gar nicht solange gibt in unserer Gesellschaft, stellt uns Maxi Obexer mit ihrem brandaktuellen Stück vor – tatsächlich einem der spannendsten Theatertexte zum Thema. Der Text zeugt und bezeugt eine wohl nicht kleine Gruppe von Individuen, die sich für soziales Handeln entschieden haben. Es ist ein Handeln im Stillen. Gegen den Willen des Staates, der anderswo immer noch darum ringt, ob und wie oder wann man am besten handelt. Und das was wir da lesen, findet statt und genau in diesem Moment, ohne, dass die Öffentlichkeit viel über das darin liegende Dilemma zwischen Recht und Mitgefühl ahnt.« In vielen ihrer Essays und Theaterstücken beschäftigt sie sich seit Jahren mit der Flucht und der Migration von Menschen, mit der europäischen Flüchtlings- und Asylpolitik, mit der Rolle der Zivilgesellschaft. Egbert Tholl schrieb aus Anlaß der uraufführung über das Stück und seien Autorin: »Obexer ist fleißig, akribisch, auf stille Art sehr genau. Sie recherchiert. Für ihr neues Stück, "Illegale Helfer", das gerade am Schauspielhaus Salzburg seine Uraufführung erlebte, trug sie drei Jahre lang Material zusammen. Aber eigentlich begann die Arbeit daran bereits vor mehr als zwölf Jahren. Nichts läge Obexer ferner, als zu agitieren. Sie vertraut auf Wahrheit und Menschenverstand, ist darin sicherlich eine Idealistin, aber blauäugig oder militant ist sie nicht.«

Neuigkeiten
Urban Prayers: Theater, Hörspiel, Buch, Ruhr-Triennale

Björn BIckers Beschäftigung mit einzelnen Themen gehen intensive  Recherchephasen voraus, seine Texte sind Extrakte umfangreicher Arbeit. Das mag ein Grund dafür sein, daß seine Werke über viele Jahre aktuell und präsent sind - und dementsprechend in verschiedenen Genres ihre Umsetzung finden. Jüngstes Beispiel ist sein Text URBAN PRAYERS, der 2013 für eine Uraufführung an den Münchner Kammerspielen entstand und 2014 für den Bayerischen Rundfunk als Hörspiel produziert wurde. Nun hat Bicker den Text erneut fortgeschrieben und aktualisiert, so daß der Münchner Verlag Kunstmann das Werk unter dem Titel WAS GLAUBT IHR DENN. URBAN PRAYERS rechtzeitig zur Leipziger Buchmesse veröffentlicht hat. Es erzählen die gläubigen und ungläubigen Bürger der Städte. Das soziale Leben findet eine gemeinsame Sprache – es geht um renitente Jugendliche, um soziales Engagement, um Einwanderung, um Heimat, um falsche und echte Bilder und den Traum vom wahren Leben. Was glauben die Menschen politisch? Lassen sie den anderen ihre Freiheit? Arbeiten sie für eine bessere Welt? Für die Ruhr-Triennale und Johan Simons hat Bicker den Text für eine Version URBAN PRAYERS. RUHR. fortgeschrieben. Im Rahmen eines gemeinsam von Malte Jelden und Björn Bicker kuratierten Rahmenprogramms wird die Inszenierung im August von Johan Simons in sechs verschiedenen Gotteshäusern im Ruhrgebiet gezeigt.

Pris de la Critique für FIVE EASY PIECES von Milo Rau

Wie die Jury der belgischen Theaterpreise, des Prix de la Critique Théâtre et Danse heute bekannt gab, geht der diesjährige Spezialpreis an Milo Rau. Die insgesamt 42 Preise für Theater und Tanz werden seit 1952 alljährlich verliehen. Der Hauptpreis wurde Milo Rau für sein im Vorfeld umstrittenes Kinderstück Five Easy Pieces zuerkannt, "das mit Feinheit die Affäre Dutroux ins Zentrum stellt" und am diesjährigen Kunstenfestivaldesarts seine belgische Erstaufführung erfuhr. Das vom Art Center CAMPO und dem IIPM gemeinsam mit den Berliner Sophiensaelen, der Basisförderung des Berliner Senats und Prohelvetia produzierte Stück "Five Easy Pieces" wird am 1. Juli an den Sophiensaelen Berlin seine deutsche Uraufführung erfahren. "Dies ist kein Stück", erläuterte die Jury in ihrer Begründung, "sondern eine Geisselung". Sie fügte hinzu: "Darin besteht das rücksichtslose Genie von Milo Rau: Er zerstört nie die Offenheit der jungen Spieler und erschafft dadurch machtvolle Metaphern." Der Preis wird am 3. Oktober im Belgischen Nationaltheater in Brüssel verliehen. 

Christian Weise: »Die Kraft des Theaters«

Egbert Tholl schreibt in der SZ über Christian Weises PLATONOW am Theater Augsburg: »Dieser "Platonow" ist zauberhaft, wunderschön und kündet mit Macht von der Kraft des Theaters. "Platonow" ist ein ausuferndes, erst posthum entdecktes Jugendwerk Tschechows, das aus heutiger Sicht anmutet wie ein Steinbruch, in dem alles zu finden ist, woraus er später seine Meisterdramen schuf. All das etabliert Regisseur Christian Weise erst einmal als bunte Operette, mit prächtigen, sehr farbigen Kostümen, mit ein bißchen Hektik, ein bißchen Überdruck, aber ohne jeden Zynismus. Im prallen Gefüge der inbrünstig spielenden, teils in Kinoqualität abgefilmten Kollegen, zwischen den schönen Damen und den weinerlichen, scharfen, sich ihrer selbst überdrüssigen Kerlen ist Christoph Bornmüller Platonow. Er ist ein Schatz. Er verzaubert als extrem wacher Schauspieler, dem im Moment lustige und ganz grandiose Dinge einfallen, einfach weil er auf Bühne und Kollegen achtet. Sein Platonow rührt. Erst charmiert er umfassend, dann bricht etwas Hartes, Dunkles, Solitäres durch. Das Leben halt.«

Ijoma Mangold über Stockmann: »Ein Sprachgenie«

Mit seinem Debüt-Roman DER FUCHS(Rowohlt, Reinbek) wurde Nis-Momme Stockmann in der Kategorie Belletristik für den Preis der Leipziger Buchmesse 2016 nominiert. Die Rezensionen zum Buch sprechen eine eindeutige Sprache, Stockmanns Erstling wird in weiten Teilen des Feuilletons frenetisch gefeiert. So widmete die ZEIT Stockmann in ihrer Sonderausgabe zur Buchmesse in Leipzig einen mehrseitigen Artikel, in dem Ijoma Mandolf von einem »Sprachgenie« schreibt. Die Leipziger Jury urteilte: »Das Romandebüt des Dramatikers Stockmann ist ein literarischer Wurf, dessen apokalyptisches Eröffnungstableau über eine von einer Flut heimgesuchte, mythische Kleinstadt den Erzähler in einem faszinierend suggestiven Erinnerungsstrom in seine Kindheit mit ihren je eigenen Erschütterungen zurückwirft.« Auf nachtkritik schreibt Janis El-Bira: »Auf wundersame Weise gelingt Stockmann so etwas wie die Quadratur des Kreises postmodernen Erzählens: Denn je größer die Fraktalisierung, desto weiter streut im "Fuchs" auch das Restlicht des Sinns. Die Dingsymbole wandern frei durch diesen Roman: Ein zwischen den Welten verlorener, abgetrennter Arm, plötzlich auffliegende Käferschwärme, eine schaurige Gestalt mit Zylinder und natürlich auch der Fuchs selbst, der ganz Thule untertunnelt und in eigener Mission unterwegs ist. Nicht Irrlichter sind das, sondern Scharniere. Leitmotivisch lässt Stockmann sie auftauchen, verknüpft so über Hunderte Seiten Entlegenes, schlägt Schneisen. Er kann das, weil er merklich an die innere Kohärenz seiner selbstgezimmerten Verschwörung glaubt; daran, dass das große Rätsel lösbar, der Weltinnenraum seines Romans fugendicht ausgekleidet ist. "Der Fuchs" ist eine Verführung zum Abenteuer, Fährtenlesen, zum Zurückblättern und Sich-eine-Übersicht-Aufmalen. Man könnte kaum Besseres tun, als ihr nachzugeben.«