Dante Meyrowitz arbeitet als Risikocontroller. Nach neun Jahren im Job gleicht seine Existenz einer einzigen, schlafwandlerischen Risikovermeidung: Im täglichen Hamsterrad von katalogdicken Excel-Tabellen, Ritalinabhängigkeit und ausgefahrenen Ellenbogen am Arbeitsplatz, fühlt er sich mittlerweile wie ein Statist im eigenen Leben. Als er schon beginnt nach »stillem und sauberem Selbstmord« zu googlen, steht eines Morgens Tim Würfel, »staatlich anerkannter« Betreuer, vor seiner Tür.
Dick und Duck, ein distinguiert-bürgerliches Pärchen, werden umgarnt und verführt von zwei Personen, die plötzlich auftauchen und sich einfach nur »Black Square« nennen: zwei schwarze Racheengel, die angeblich direkt aus der Zukunft kommen, von einem Ort afrofuturistischer Utopie, angesiedelt zwischen Addis Abeba und Lagos. Es entsteht eine merkwürdige Atmosphäre, oszillierend zwischen sexuell mehrdeutiger Anziehung, freundlich-überheblicher Hilfestellung und subtiler Bedrohung.
In einer verrückten Mischung aus Survival, Heimatfilm und unerklärlichem Delirium bewegt sich eine Gruppe auf mysteriöser Misson voran und kommt doch nicht vom Fleck. Man sucht einen geflüchteten Geflüchteten, aber dieser bleibt nicht nur physisch verschwunden, sondern auch auf andere Weise abwesend. Denn all diese vermeintlich Helfenden kreisen ausschließlich in ihrem jeweils eigenen Kosmos.
Eine größere Einsamkeit hat es selten gegeben. Bonnies Drama beginnt mit der Flucht aus einer Ehe, in der sie scheinbar alles hat. Im Leben muß es mehr als alles geben. Doch die Ordnung ist totalitär. Wie kaum eine Autorin ihrer Generation vermag es Anne Lepper, unsere trostlose und oft scheinbar ausweglose Existenz mit ungewöhnlichen Bildern zu beschreiben, die einen tiefen literarischen Sog entwickeln.
Espansa hätte eigentlich Esperanza heißen sollen. Dass ihre Mutter zwei Buchstaben weggelassen hat, war nur der Anfang, denn sie hat eine ganze Menge bei ihrer Tochter weggelassen. Weil sie so gut wie nie aus ihrem Bett steigt, sorgt Espansa für sich selbst, und um nicht so allein zu sein, stellt sie sich Zuschauer*innen vor, denen sie über ihr Leben erzählen kann.
ESPANSA lässt hinter die Fassade eines perfekt funktionierenden Mädchens blicken, das seine Fantasie zum Königreich gemacht hat, und lädt die Zuschauer*innen ein, sich selbst zu positionieren. Wo schauen wir weg, wie schauen wir hin?
EVA RIPPE ist ein leuchtendes Triptychon. Satire und Ernst, Humor und Gewalt, Erzählung und Glaube prallen in drei Teilen aufeinander, immer auf der Suche nach den Gelenkstellen: Wie wurde »Gott« in der christlichen Vorstellungswelt zum »Mann«? Was kann es konkret bedeuten, im 21. Jahrhundert weiblich und katholisch sozialisiert zu sein? Welche Folgen hat die Idee vom Menschen als Krone der Schöpfung über die Kirchen hinaus?
Mythologische Ursprünge der biblischen Schöpfungsgeschichte werden freigelegt. Die Jungfräulichkeit der Gottesmutter Maria wird zur Übersetzungsfrage. Ideale von Mutterschaft und Familie befragen sich selbst. Körper und Geist fallen sich in die Arme. Gesetze, Kalender, Lebenswirklichkeiten: Schicht für Schicht wird das patriarchale Denken selbst als Überschreibung dekonstruiert.
Ein Historiker und ein Bestattungsunternehmer treffen auf Deck eines Kreuzfahrtschiffes aufeinander. Man befindet sich auf dem Weg zu dem internationalen Kongress »Europaweites Unbehagen zu den Erscheinungen an den europäischen Rändern«. Die Zeit der Theorie ist vorbei, als dem Kreuzfahrtschiff ein Flüchtlingsboot vor den Bug gerät. Und plötzlich befinden sich die feinen Herren in einer Situation, die man bestenfalls als irrwitzig bezeichnen könnte.
Ganze Stadtteile sind eingestürzt, Förderbänder biegen sich unter Tonnen von Bauschutt. Aber die Geröllhalde des einen ist immer die Sprungschanze für den anderen. Und die Firma der Galovics recycelt sich durch die Berge des Verfalls hindurch an die Spitze der Gesellschaft. In Gesprächen, Therapiesitzungen, Comic-Intermezzi oder zeitungsartigen Passagen durchstreifen wir diese besondere, schön-deprimierende Welt und sind erstaunt.
Ein Haus irgendwo auf dem Land. Karl kehrt in Begleitung des jungen Harald zurück, um seinen Jugendfreund Gotfried zu besuchen. Doch wahre Wiedersehensfreude sieht anders aus. Zwischen Karl und Gotfried, einst unzertrennbar, klafft eine deutliche Lücke aus Unausgesprochenem und Verdrängtem. Ein Stück über die Vergangenheit und die Gegenwart, vor allem aber über die Freundschaft mit ihren ureigenen Gesetzen.
DAS HERZ DER KRAKE ist mehr als ein engagierter Schlagabtausch eingespielter Positionen. Mit geradezu furchteinflößender Gelassenheit dringt Stockmanns Text in die Widersprüchlichkeit und die Scham der Geschichte und seiner Figuren und zeichnet ein häßliches, ein bisweilen angstmachendes Bild deutscher Gegenwart, heimgesucht von einem Haß ohne Erinnerung, der laut tönt und doch keine Worte findet.
Die Chronik einer angekündigten Katastrophe. Ein junger Lehrer gerät mit einer Schülerin aneinander. Beide sind überfordert. Die Situation eskaliert. Ein hintergründiger und vielschichtiger Beitrag zur oft oberflächlich geführten Debatte über die Zustände an unseren Schulen.
Der Hund ist ein Ausnahmetalent. Ein Waisenjunge, halb verhungert aus einem Kellerloch gekrochen, der kochen kann, daß es einem das Herz zerreißt. Als er im Restaurant El Cion anfängt, steigt der Hund in den Olymp der Sterneküche auf. Akiz erzählt die Geschichte zweier Underdogs, ohne Luft zu holen, in überschäumendem Sound. Ein brachiales, unvergeßliches Debüt, das mit voller Wucht auf die Explosion zusteuert. Ein großartiger Stoff für einen dialogstarken Theaterabend in kleiner Besetzung.
Im Zugabteil, Rauschen. Und da ist diese Stimme, schlecht zu hören durch das Bordradio. »Bitte, wachen Sie auf«. Immer wieder wird die Stimme durch die Mitreisenden oder das Bordpersonal unterbrochen, verschwimmt wie die Landschaft hinter den Fenstern. »Warum wollen sie dich davon abhalten, mehr zu erfahren? Warum halten sie dich davon ab, aufzuwachen?« Hypnos heißt die Stimme. Eine neue Technologie, welche mit im Koma liegenden Menschen kommunizieren kann. Seit Jahren liegt die Frau hier schon, dies ist die letzte Möglichkeit, sie zu erreichen, sie zurückzuholen.
Ein gigantischer Themenpark sind das ideale Terrain für Tagträume. Eric sucht hier nach Inspiration oder einer verlorenen Liebe. Mit dem Kassenmädchen hat er 15 Jahre zusammengelebt. Oder kennt er sie gar nicht? Realität und Fiktion gehen Hand in Hand und steigen auf den Skymaster, das Gerät der Superlative, das fantastische Erfahrungen verspricht. Christian Winkler beschreibt in seiner schwarzen Komödie eine Suche nach Sinn und Identität.
Paul Brodowsky tritt mit seiner fiktiven und gender-verdrehten Wedekind-Biographie in eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit einem Teil des dramatischen Erbes. Vor dem Hintergrund des zertrümmerten Europas rekonstruiert er eine Gesellschaft in Bewegung. Während Franka und Till versuchen, Familie, Erotik und die schöne Kunst unter einen Hut zu bekommen, tobt um sie herum ein erbitterter Kampf um die Deutungshoheit – ein Kampf, der 100 Jahre später umso heftiger entbrannt zu sein scheint.
Ein Mann mittleren Alters mietet sich in einem Co-Working-Space ein. Er will endlich vorankommen. Womit ist noch unklar, doch er spürt, es geht ums Ganze. So scheint es allen in diesem kargen wie fantastischen Co-Working-Space zu gehen. Flexible Selbstoptimierer*innen, erfahrene Förderantragsschreiber, sprachlose Call-Center-Agenten, wortgewandte Prokrastinierer und andere frei flottierende Büroexistenzen – sie alle haben viel vor und stehen doch die meiste Zeit im Pausenraum und trinken Kaffee, viel Kaffee. Denn es gilt: kein Kapitalismus ohne Kaffee.
Drei Nebenfiguren aus Schillers »Kabale und Liebe« treffen im Hinterzimmer der Macht aufeinander. Wurm, Kalb und Sophie setzen sich gegenseitig ihren Ambitionen und Machtansprüchen aus. In dieser Dreierkonstellation spielen sie sich gegenseitig aus, während sie gegen die brutalen Machtmenschen des Schillerkosmos zusammenhalten müssen. Dabei entfaltet sich auf der Hinterbühne der Macht, scheinbar im Verborgenen, die Faszination an Intrigen und Gewalt, die Erotik von Einflußnahme, Revolution und Radikalität.
Kann erzählt einfühlsam und zugleich ungerührt vom Befremden der Jugendlichen, denen ihre Rolle als Kinder nicht gestattet wird, weil die Eltern sich auf ihrer haltlosen Sinnsuche selber wie Kinder gebärden. Somit müssen die Kinder Verantwortung übernehmen, reflektiert handeln, ihre eigenen Eltern in der Spur zu halten versuchen. Erst als sie beginnen, diese Verantwortung abzulehnen, finden sie selber den Platz, der ihnen tatsächlich entspricht.
Viktoria kehrt zu ihrer Familie ins Berner Oberland zurück.
Zu Mutter, Schwester, Sohnemann, Onkel, Franz, zu 91 Skiliften und 230 Pistenkilometern Einsamkeit.
Langsam fächert sich der Schmerz der Daheimgebliebenen und der Zurückgekehrten auf. OBERLAND erzählt von Gebirgsketten so hoch, dass dahinter kein Horizont mehr wartet, und dem Unvermögen der Figuren, ihrem eigenen Schicksal zu entfliehen. Weil nach dem Après Ski, da wartet nur noch, da wartet nur noch –
In den verlassenen Straßen des ostdeutschen Hinterlandes treffen sich Hoffnungslose und Suchende, Geister und Todgeweihte, betrunkene Sheriffs und trockene Großstadtcowboys, Schnapsleichen und Stehaufmännchen. Und im Laufe der Nacht drängen Dinge ans Licht, über die die Einsamkeit ihren Mantel gelegt hatte. Ein zärtlich dramatischer Vorstadtwestern von Jaroslav Rudiš und Martin Becker.
Für das Rentier Ralf-Rüdiger ist klar: Weihnachten ist das Fest des Friedens, der Freude und der Liebe. Aber wo genau er es finden kann, da ist er sich noch nicht so sicher. Also macht er sich auf die Suche: im Kaufhaus der Wolkenkratzerstadt, beim Schoko-Laden, bei den Fellfriseuren, Hufschnitzern und beim Schlittenhändler. Doch überall soll er nur etwas teuer einkaufen! Frieden, Freude und Liebe? Keine Spur!
»Rue d'Armenie« beginnt damit, daß jede der drei Hauptfiguren in schönster postdramatischer Form die Geschichte eines anderen Charakters erzählt. Diese sind: Ein Junge, der bei dem Versuch Geld für die weitere Flucht zu verdienen, in eine Prügelei mit anderen Geflüchteten gerät. Ein Mann, den ein Flirt in einer illegalen Schwulenbar zum Gejagten macht und eine Frau, die mit einer öffentlichen Kunstaktion gegen die Vermüllung der Stadt den Ärger der Gesetzeshüter auf sich zieht. Im zweiten Teil stranden die drei Protagonist*innen an einem Kiosk. Die zufällig zusammengewürfelte Gemeinschaft kümmert sich umeinander, pflegt die Wunden der anderen und spricht sich Mut zu. Beobachtet von einem Kioskbesitzer, der beschlossen hat, grundsätzlich keine Stellung mehr zu beziehen. Das »Happy End« bleibt dem Film überlassen. Im dritten Teil wird über die Bilder der schlafenden Protagonist*innen erzählt, wie es mit ihnen weiter geht. Aber kann es in dieser Welt ein Happy End geben oder sehen wir nur eine weitere Station in einem Lebenskampf, der gar nicht gewonnen werden kann?
Zoe und Juri sitzen auf einer rostigen Schaukel auf einer herunterkommenden Brache und überlegen, was sie mit dem langen, vor ihnen liegenden Nachmittag anfangen sollen.
Aus Zoes Idee, zum Horizont zu reisen, entwickelt sich eine rasante Abenteuerreise durch die Wüste bis zum Meer. Doch der Horizont kommt einfach nicht näher. Es ist heiß, Juris Füße tun weh und Zoes unsichtbarer Freund Tomke stänkert auch dauernd herum.
Der schwarze Matsch unten im Krachen, das weissliche Licht der Behörden, die roten Fantasien vom Mars. Michael Fehr erzählt in einer so kargen wie liebevollen Sprache von einem rätselhaften Kriminalfall. Eine Geschichte von existenzieller Wucht. »Der junge Berner Autor Michael Fehr legt mit «Simeliberg» ein Buch von enormer Wucht vor. Es ist zum einen ein Krimi, zum andern ein düsteres Sittenbild der gar nicht heilen Schweiz.
»Unter Unterdrückern« spielt mit Motiven und Konstellationen aus Jean Genets »Zofen«. Es ist eine scharfzüngige und schwarzhumorige Parabel, die sich an der strukturellen Schizophrenie europäischer Verhaltensreflexe gegenüber Immigrant*innen abarbeitet. Die programmatische Umdrehung der Herrschaftsverhältnisse der »Zofen« führt zu einer kontinuierlichen Achterbahnfahrt durch Machtstrukturen und Moralvorstellungen und rührt dabei an Fragen nach einer kollektiven Schuld und Verantwortung Europas.
Philipp Stadelmaier schickt sich an, eine neue Gattung zu etablieren: den grotesken Edelboulevard – vielleicht die einzige Form, mit der der Wirklichkeit noch beizukommen ist, in welcher die Clowns längst übernommen haben. Die Dekonstruktion der bürgerlichen Großstädteridylle läßt in dieser stilbewußten Groteske nicht lange auf sich warten: Sie steckt bereits in jedem Winkel der nach der Maßgabe gehaltvoller Unterhaltung eingerichteten Wohnzimmerbühnen der Wohlfühlbürger und wartet darauf, ihnen ins Gesicht zu springen.
Cornelius Gurrlitt ist der »Weltkulturerbe«. Sophie Nikolitsch hat eine erstaunliche Theatererzählung aufgeschrieben. Eine aus der Epoche gefallene Geisteshaltung. Eine innere Reise in eine verdunkelte Welt hinter schweren Gardinen, in der das Ego den Mittelpunkt bildet zwischen Gesprächen mit dem Selbst, mit der Vergangenheit, mit dem Über-Vater, der Dame am Klavier und dem Mann mit dem grünen Gesicht.
Sasha möchte unbedingt zaubern lernen und übt den berühmten Trick mit dem Hut und dem Kaninchen. In Wahrheit aber geht es um etwas Größeres: den Wunsch, den geliebten Opa wieder nach Hause zurückzuzaubern. Als plötzlich der kauzige Zauberer Bohoniki auftaucht, beginnt eine Reise voller Überraschungen. Gemeinsam mit einem großen, weißen Kaninchen, einem rätselverliebten Zwerg und einer entspannten Gartenelfe entdeckt Sasha, dass echte Magie selten dort liegt, wo man sie erwartet.



























